Der Wald soll sich wandeln
Mehr Buchen, bitte!

„Die Fichte ist ökologisch gesehen böse“, sagt Holger Eggert bewusst pointiert. Nadelhölzer gehören einfach nicht ins Münsterland des 21. Jahrhunderts. Deshalb fördert die EU die Anpflanzung von Laubbäumen. Wieso das Ganze? Ein Besuch im Wald.

Samstag, 25.05.2019, 15:38 Uhr aktualisiert: 25.05.2019, 16:55 Uhr
Buchen unter Eichen: Förster Holger Eggert zeigt einen "zweischichtigen Bestand."
Buchen unter Eichen: Förster Holger Eggert zeigt einen "zweischichtigen Bestand." Foto: Gunnar A. Pier

Waldbesitzer denken langfristig. Laaaaaangfristig. Der gemeine Bauer sät im Frühjahr und erntet im Herbst, der Waldbauer pflanzt heute und erntet erst im nächsten Leben. Oder er erntet heute, was Vater, Großvater oder noch frühere Generationen geschaffen haben. Da kann man mit dem voraus­gesagten Zeitgeist schon einmal danebenliegen.

„Diese Kiefern sind gut 90 Jahre alt“, sagt Holger Eggert und zeigt in die Luft, wo sich noch vereinzelte Nadelholzkronen auf ziemlich langen Stämmen im Wind wiegen. Eggert leitet den Forstbetriebsbezirk Borken des Landesbetriebs Wald und Holz. Zu seinen Aufgaben gehört es, die 231 Waldbesitzer in seinem Revier zu beraten. Wie etwa die Kirche, der diese hohen Kiefern an der Landstraße 896 zwischen Borken und Wesel gehören. Bis vor drei Jahren war das ein „geschlossener Bestand“ – so nennt es der Fachmann, wenn Baum an Baum steht. In diesem Fall: Kiefer an Kiefer.

Als dieser Wald vor drei Generationen angelegt wurde, schien das Geld gut angelegt. Kiefern, erklärt Eggert, waren als Grubenholz im nahen Ruhrgebiet gefragt, weil sie knacken, bevor sie brechen. „Die Kiefer warnt“, sagten die Kumpel und konnten schnell rausrennen, bevor ein Stollen zusammenbrach.

Nadelholz lohnt sich nicht mehr

Heute ist Nadelholz wirtschaftlich nahezu uninteressant. ­Also entscheiden sich immer mehr Wald­besitzer, Kiefern, Fichten und Co. durch Laubbäume zu ersetzen. Deshalb wurde auch der Hektar Kiefernwald an der L 896 zu Spanplatten, Papier und Dachstuhlbalken. Nur einzelne alte Bäumen blieben.

3000 Rotbuchen in reih und Glied

Anschließend wurde wieder aufgeforstet. In Reih und Glied stehen auf der Fläche nun rund 3000 Rotbuchen. Jeder Baum ist mindestens 1,20 Meter groß, damit die Rehe nicht gleich die Blätter abrupfen. Die Reihen wurden in Zwei-Meter-Abständen angelegt, in einer Reihe stehen die Bäume anderthalb Meter auseinander.

Das Ziel: gerade und astrein

Ganz schön eng, findet der Unkundige, wenn er da zwischen den inzwischen mannshohen Bäumen steht. Wie soll das erst werden, wenn die 3000 Bäume mal 100 Jahre älter sind? Natürlich passiert hier nichts zufällig. Die einzelnen Bäume sollen sich beim Streben nach Sonnenlicht Konkurrenz machen und so möglichst flott und gerade nach oben schießen. „Wertvolles Holz muss gerade sein und darf keine Äste haben“, erklärt Eggert. Und die meisten Bäume geben bei diesem Rennen irgendwann auf. „In 100 Jahren stehen hier vielleicht noch 150 bis 200 Bäume.“ Gerade und astrein.

Was ist "standortgerecht"?

Aber die sind nun wenigstens „standortgerecht“. Denn ins Münsterland gehören nach Ansicht der Forstfachleute eher Buche, Eiche, Roteiche und Linde. Die wuchsen hier, bevor der Mensch Fichten, Kiefern und Tannen setzte. Deshalb, so Eggert, kommt beispielsweise die Tierwelt mit Laubwald besser klar. Zudem sei der deutlich besser gefeit – nicht nur gegen den Borkenkäfer, sondern auch gegen Unwetter. Wenn der Baum zum Boden passt, bläst ihn auch der heftigste Sturm kaum um.

Der Tag nach Sturm „Friederike“ in Münster

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  • Am Tag nach Sturmtief „Friederike“ werden in Münster viele Schäden beseitigt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Glück im Unglück hatte die Martin-Luther-Schule im Kreuzviertel.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Eine Kastanie vor der Schule ist auf das Schulgebäude gestürzt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Der 25 Meter hohe Baum kippte auf das Schulgebäude, durchschlug ein Fenster und beschädigte das Dach.

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  • Schulleiterin Marion Schmitz-Matschke sprach von einer „glücklichen Fügung, dass niemand verletzt wurde.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • „Alle Kinder waren zu dieser Zeit im offenen Ganztag im Parterre“, berichtet die Schulleiterin.

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  • Am Hauptbahnhof kümmerten sich Arbeiter am Freitag um das heruntergerissene Dach eines Bahngebäudes.

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  • Die Bahn setzte einen Arbeitszug ein.

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  • Wegen der Aufräumarbeiten...

    Foto: Matthias Ahlke
  • ...wurde die Hafenstraße im Bereich der Bahnunterführung gesperrt.

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  • Die Sperrung führte den ganzen Tag...

    Foto: Matthias Ahlke
  • ...zu erheblichen Behinderungen im Verkehr.

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  • Die Bremer Straße wurde zum Nadelöhr, es entstanden lange Staus.

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  • Am Hauptbahnhof fielen am Freitag...

    Foto: Matthias Ahlke
  • ...noch viele Züge aus.

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  • Am Hauptbahnhof mussten sich viele Reisende nach Alternativen umsehen.

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  • Auch der Pendelverkehr ins Münsterland war am Morgen stark eingeschränkt.

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  • Auch der Busverkehr war am Freitag noch eingeschränkt. Am Morgen kam es zu erheblichen Verspätungen.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Für die Strecke nach Rheine wurde ein Ersatzverkehr mit Bussen eingerichtet.

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  • An der Von-Steuben-Straße warteten Dutzende auf die Ersatzbusse.

    Foto: Matthias Ahlke

„Wir wollen eine Veränderung, wir wollen klimastabile Bestände“, erklärt Mechthild Brinker, die sich im Regionalforstamt Münsterland um die Förderung von Neuanpflanzungen kümmert. Wenn Waldbesitzer neu anpflanzen und dabei die Ratschläge der Förster beherzigen, bekommen sie erhebliche Zuschüsse. Die variieren je nach Größe der Pflanzen und Art der Bäume – in der Regel aber werden rund 80 Prozent der Kosten für die Pflanzen und das Pflanzen übernommen. Gut die Hälfte der Zuschüsse kommt vom Land Nordrhein-Westfalen, den Rest teilen sich der Bund und die EU.

„Mischbestand ist immer gut“

Die Zuschüsse sind freilich an Vorgaben geknüpft. Wer ­seinen Buchenwald rodet, das Holz vermarktet und neue ­Buchen pflanzt, um später wieder damit Geld zu verdienen, geht eher leer aus. „Wir schauen auf die Vorbestände“, erklärt Mechthild Brinker. Die Förderung ist auch ein Instrument, um zu lenken. Dabei sind Laubbäume übrigens nicht grundsätzlich tabu: „Mischbestand ist immer gut“, sagt die Förder-Fachfrau. Am Ende entscheidet der Förster vor Ort, was standortgerecht und damit förderwürdig ist. Förster wie Holger Eggert. 231 Waldbesitzer gibt es in seinem Forstbetriebsbezirk Borken. Zusammen haben sie rund 2000 Hektar Wald. „Der kleinste hat 0,2 Hektar“, erklärt er.

Die meisten Waldbesitzer sind Privatleute, Landwirte etwa. Für sie sind Waldflächen ein zweischneidiges Schwert. An Rendite dürfen sie kaum denken: „Eine Ackerfläche wirft zehnmal so viel ab“, schätzt Eggert. Auf der anderen Seite hängen sie häufig an der Tradition, an den ideellen Werten. „Waldbesitzer wollen oft etwas Dauerhaftes erhalten oder schaffen, das sie an die nächste Generation weitergeben können.“ Der Förster spricht vom „Sparkasseneffekt“: Den Wald kann ich nutzen, muss es aber nicht. So stehen die Eichen als eiserne Rücklage im Buche.

Buchen unter Eichen

„Oft wollen die Besitzer die Forstflächen aufwerten, um sie höherwertig weiterzugeben.“ Wie ein Landwirt nahe Borken, zehn Autominuten von den kirchlichen Rotbuchen-Anpflanzungen entfernt. Gleich neben den Hofgebäuden steht ein guter Hektar Wald. Überwiegend Eichen, 120 Jahre alt – eigentlich ein münsterländischer Forst-Traum. Doch zwischen den hohen Bäumen standen Nadelholz-Inseln und ­Haselnuss-Sträucher. „Minderwertiges Zeug“ aus Sicht des Wald-Wächters. Der Bauer wollte seinen Wald aufwerten, ­also kam das „minderwertige Zeug“ raus und er pflanzte rund 2500 Buchen. „Jetzt haben wir einen zweischichtigen Bestand“, erläutert Eggert: In 1,20 Meter Höhe schaukeln die Kronen der neuen Buchen im Wind, hoch droben recken sich die alten Eichen der Sonne entgegen.

Fördergelder

Auch für diese Maßnahme gab es Fördergelder. Rund 500 000 Euro bewilligte das Regionalforstamt Münsterland alleine im Jahr 2017 für Pflanzmaßnahmen in den fünf Münsterland-Kreisen. Im Jahr drauf waren es mit 300 000 Euro signifikant weniger – ausgerechnet der verheerende Orkan „Kyrill“ hat dazu beigetragen. Er hat zwar riesige Waldflächen komplett zerstört. Doch die Aufräumarbeiten zogen sich so lange hin, dass die Waldbesitzer im selben Jahr gar nicht mehr zum Aufforsten kamen. Das wirkt sich wiederum in diesem Jahr aus. Rund 300 000 Euro sind für 2019 bereits bewilligt – „und im Herbst kommt noch ein Schlag nach“, erwartet Mechthild Brinker.

So wird Orkan „Friederike“ am Ende dazu beigetragen haben, dass der Wald ökologisch weniger „böse“ ist. Eines Tages jedenfalls. Im Wald dauert ja alles ein Weilchen länger. ­ Wald­besitzer denken ­laaaaaangfristig.

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