Grenzüberschreitender Rettungsdienst
„Goed gelopen“

Isselburg -

„Goed dag me vrouw, ik ben Hermann Thomas, ambulance Isselburg. Wat kan ik voor jouw doen?“ Wenn sich die deutschen Notfallsanitäter Hermann Thomas (58) und Stefan Ripkens (39) bei einem Einsatz in den benachbarten Niederlanden vorstellen, gibt es meist verdutzte Gesichter – soweit die hilfebedürftigen Menschen ansprechbar sind, was der Normalfall ist.

Samstag, 25.05.2019, 11:00 Uhr aktualisiert: 25.05.2019, 17:46 Uhr
Grenzüberschreitend von der Rotkreuz-Rettungswache Isselburg im Einsatz: die Notfallsanitäter Hermann Thomas (58, rechts) und Stefan Ripkens (39), hier am Grenzübergang Dinxperlo und Suderwick (Ortsteil von Bocholt), das die Bürger „Dinxperwick“ nennen.
Grenzüberschreitend von der Rotkreuz-Rettungswache Isselburg im Einsatz: die Notfallsanitäter Hermann Thomas (58, rechts) und Stefan Ripkens (39), hier am Grenzübergang Dinxperlo und Suderwick (Ortsteil von Bocholt), das die Bürger „Dinxperwick“ nennen. Foto: Horst Andresen

Die beiden Rotkreuz-Mitarbeiter gehören zum Team von acht Notfallsanitätern und vier ehrenamtlichen Rettungsassistenten, die von Isselburg aus über die Grenze fahren, um dort zu retten. Das geschieht auch noch von Gronau und Bocholt aus, ist im heutigen Europa jedoch noch eher die Ausnahme.

Die 2013 für 300 000 Euro vom Kreis Borken als Träger des Rettungswesens neu gebaute Wache grenzt ans Nachbarland. Und ist sozusagen Modell für Europa, gefördert durch die Euregio. Schon von 1997 bis 2012 retteten die Isselburger im holländischen Grenzgebiet. Danach stoppte die Provinzregierung das Projekt, drückte auf die Bremse. Es passte nicht mehr ins Konzept. Niederländische Rettungskräfte hatten zu der Zeit mehr Befugnisse, fast vergleichbar mit denen eines deutschen Notarztes. Deutsche Retter wären rechtlich im Nachbarland ins Schleudern gekommen.

„Wer rettet die Retter?“

Das war Anlass für Hermann Thomas, der für die SPD in seiner Heimatstadt Rhede im Rat sitzt, politisch aktiv zu werden. Es war der Start zu einer später gesetzlich verankerten Ausbildungsreform zum neuen Notfallsanitäter – mit damaliger Unterstützung des CDU-Bundestagsabgeordneten und heutigen Gesundheitsministers Jens Spahn aus Ahaus. Dessen Kampagne fruchtete: „Wer rettet die Retter?“

Davon ließen sich die Niederländer überzeugen. Das dreijährige Interreg-Programm „Rettung ohne Grenzen / Prepare“ stellte die grenzüberschreitende Hilfe auf gesunde Beine. Die 800 000 Euro waren gut investiert, bestätigt auch Heribert Volmering vom Kreis Borken: „Prepare war die Grundlage für die heutige länderübergreifende Rettungsarbeit.“ Die allerdings nach wie vor einseitig verläuft: Die Niederländer haben andere Strukturen in ihrem Rettungssystem aufgebaut mit wesentlich weniger Einsatzfahrzeugen im Grenzraum.

Unvergessene Notfälle

Hermann Thomas: „Das macht doch Europa aus. Wir dürfen in den Niederlanden wieder sorglos retten“ – auch, weil die Nachbarn ein anderes System praktizieren mit weniger Ambulanzen in greifbarer Nähe. Ihre Hilfsfristen – also die Zeit, in der die Retter am Unfallort eintreffen sollten – beträgt 15 Minuten, in Deutschland acht bis zwölf.

Hinter den nackten Zahlen steht weit mehr, erinnern sich Thomas und Ripkens an unvergessene Notfälle. Ein Alarm führte zu einem Patienten mit Lungenödem in Beek bei s‘Heerenberg. 25 Minuten dauerte „unsere bisher längste Fahrt ins Nachbarland“, knapp 30 Kilometer zum Einsatzort, sagt Thomas. Der Mann konnte durch schnelle Hilfe gerettet werden: „Drei Minuten später wäre er gestorben.“

„Goed gelopen“

Nach einem schweren nächtlichen Unfall auf der Bundesstraße 67 war buchstäblich Not am Mann. Ein Unfallopfer musste mit einer Schädel-Hirn-Verletzung in eine Klinik; ein Hubschraubereinsatz kam wegen widrigster Witterung nicht in Frage. Thomas ließ über die Kreisleitstelle in Borken die Kollegen im 72 Kilometer entfernten Apeldoorn informieren, „und die niederländische Polizei machte uns ab der Grenze die Bahn frei bis zur Klinik nach Nijmegen“. Zeitersparnis: wertvolle 35 Minuten.

Wachleiter Torsten Beuting (36) zieht nach einem Jahr zufrieden Bilanz: „Unterschiedliche Systeme in den Leitstellen Apeldoorn und Borken sind angepasst worden. Die Rettungsmaßnahmen sind eh die gleichen: Beim Niederländer verläuft eine Schmerztherapie nicht anders als bei einem deutschen Patienten.“ Oder eine Wiederbelebung einer Frau nach allergischem Schock, die kürzlich im Grenzort Dinxperlo erfolgreich verlief. Und wieder durfte das Retterteam Thomas/Ripken sagen: „Goed gelopen.“

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