„Burning Roads“
Paralympics in Tokio sind der große Traum

Ochtrup -

Flotten Schrittes schiebt Christian Niehaus sein Rennrad über den Parkplatz. Der 42-jährige Borkener wird am 15. Juni (Samstag) bei den Ochtruper „Burning Roads“ an den Start gehen. Als Paracycler nimmt er an dem Fahrradmarathon teil. Als Paracycler? Eine Behinderung ist bei dem durchtrainierten Sportler in dem engen Trikot auf den ersten Blick nicht zu erkennen. „Ich bin mit einem Klumpfuß zur Welt gekommen“, beantwortet Christian Niehaus die fragenden Blicke.

Samstag, 01.06.2019, 09:00 Uhr
Christian Niehaus auf seinem Rennrad.
Christian Niehaus auf seinem Rennrad. Foto: Susanne Menzel

Im Alter von zwölf Monaten sei er daran operiert worden. Laufen lernen war deshalb erst verspätet möglich. Und je älter er wurde, desto mehr Probleme bereitete Christian Niehaus die Behinderung: „Der Muskelunterschied wurde immer größer, mein rechtes Sprunggelenk versteifte sich mehr und mehr“, erzählt er. Ohne orthopädische Maßschuhe war das Gehen nicht mehr möglich. Lange Strecken zurücklegen – für den Jugendlichen undenkbar, zumal auch Hüfte und Kniegelenke in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Um die Gelenke beweglich zu halten und die Muskulatur zu straffen, bildete der Sport einen Lösungsansatz. „Ich bin deshalb aufs Rad gestiegen“, sagt Niehaus. Tag für Tag, Kilometer um Kilometer saß er auf dem Drahtesel. Der Körper honorierte diesen Willen mit einer deutlichen Verbesserung der Konstitution – und mental erwachte in Christian Niehaus der Ehrgeiz, nicht nur für sich, sondern auch im Wettkampf zu fahren. Er schloss sich dem Radsportclob (RSC) Stadtlohn an. „Dass ich in den Jugendklassen und Amateurrennen stets deutlich benachteiligt war, habe ich ins Positive umgekehrt“, erzählt er: „Ich sah die Behinderung immer auch als Motivation.“

Inzwischen steht Christian Niehaus, der parallel zu seiner sportlichen Karriere eine Ausbildung zum Orthopädietechniker absolvierte und in dem Beruf 2003 die Meisterprüfung vor der Handwerkskammer Dortmund ablegte, auf dem Sprung, das WM-Ticket für den Wettbewerb im September in den Niederlanden zu lösen. Im vergangenen Jahr erreichte er erstmal den Titel als Deutscher Meister, zudem belegte er den ersten Platz beim Europacup in Köln. „Dafür muss ich natürlich jeden Tag mindestens zwei Stunden trainieren. Da kommen im Jahr schon um die 13 000 Kilometer zusammen, die ich zurücklege“, rechnet er vor. Neben Vollzeitberuf und der Familie mit Frau und zwei Kindern kein einfaches Timing. Wenn möglich, nimmt er an 15 bis 20 Amateur-Rennen jährlich teil. „Ein riesiger Aufwand, weil wir zumeist mit dem privaten Auto an- und abreisen. Das heißt: Hin, Rennen fahren und sofort wieder heimwärts“, schildert Christian Niehaus. Zu viele Urlaubstage kann er dafür nicht „verpulvern“. „Als Amateure kommen wir zudem kaum in den Genuss, dass uns Sponsoren unterstützen“, gibt er zu. „Zeit, Material, Spritkosten – das geht alles auf eigene Rechnung.“

Nichtsdestotrotz: „Gesundheitlich hat mir das Radrennen einen Schub gegeben. Wenn man dann noch als Paracycler bei den Profis mitfährt und dort innerhalb der Gruppe plötzlich auf Platz 20 landet, dann ist der Adrenalin-Kick kaum mehr zu überbieten. Er setzt ad hoc 20 Prozent mehr Leistung frei.“

Den Ochtruper „Burning Roads“-Fahrradmarathon in zwei Wochen will Christian Niehaus zur intensiven Vorbereitungen für die Wettkämpfe der nächsten Wochen und Monate nutzen. „Ich werde vermutlich die kürzere Strecke über die 210 Kilometer fahren. Aber auch da sind 800 Höhenmeter zu überwinden“, weiß der 42-Jährige genau, dass ihn kein Zuckerschlecken erwartet. Aber er weiß, wofür er sich quält: „Ich möchte in meiner Lauf­- bahn noch einmal richtig zulangen“, so sein großes Ziel. „Mein Traum ist die Teilnahme an den Para-lympics im kommenden Jahr in Tokio.“ Da ist die Runde durch die münsterländische Parklandschaft jetzt ein guter Gradmesser.

Die „Burning-Roads“ Basics

Start und Ziel bei den „Burning Roads“ am 15. Juni (Samstag) ist an der Städtischen Realschule, Lortzingstraße 2.Anmeldungen sind nicht mehr möglich, die Teilnehmer-Höchstzahl (500) ist erreicht.Den Fahrern stehen zwei Strecken zur Auswahl: die 330-Kilometer lange Tour (Start ist hierzu um 5 Uhr) sowie die zweite über 210 Kilometer (Start ist um 8 Uhr). Entlang der beiden Strecken gibt es ausreichend Verpflegungsposten, an denen sich die Akteure stärken können. Die Fahrer bekommen für den Marathon einen GPS-Tracker.

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