Vögel füttern
Knödel gehen weg wie warme Semmeln

Greven/Münster -

Draußen herrschen frühlingshafte Temperaturen - Idealbedingungen für wilde Vögel. Dennoch: Wer ihnen Futter anbietet, ist erstaunt, dass Amsel, Fink und Meise derzeit mehr zuschlagen als im Winter. Doch ist die Fütterung im Sommer sinnvoll? 

Sonntag, 02.06.2019, 12:50 Uhr aktualisiert: 02.06.2019, 13:03 Uhr
Heiße Luftschlacht am kalten Büfett: Bis zu zweimal am Tag leeren diese Grevener Gartenvögel – hier sind es Spatzen – diese beiden Meisenknödel-Halter.
Heiße Luftschlacht am kalten Büfett: Bis zu zweimal am Tag leeren diese Grevener Gartenvögel – hier sind es Spatzen – diese beiden Meisenknödel-Halter. Foto: Gunnar A. Pier

Im Garten am Grevener Stadtrand hängen zwei Drahthalter für jeweils vier Meisenknödel. Jeden Morgen werden sie gefüllt, neuerdings gibt‘s „Premium-Knödel“ mit einer Extraportion vitamin- und proteinreicher Insekten (8%). Am Mittag schon ist alles weggepickt. Zwischendurch tobt eine heiße Luftschlacht am kalten Büfett. Spatzen, Blaumeisen, Rotkehlchen, Amseln – und die trägen Tauben picken auf, was den anderen ins Beet gefallen ist. Dabei ist gar nicht Winter!

„Bei Euch piept‘s wohl“, sagen manche. Im wörtlichen Sinne stimmt‘s: Das sind die Vögel. Aber sie meinen es im übertragenen Sinne: Im Sommer Wildvögel füttern – das halten all jene für falsch, die erst dann Meisenknödel an den Zaun hängen, wenn Schnee liegt. Dabei zeigt der Versuch aus dem Grevener Garten am Rande der Stadt, dass in diesen lauen Mai-Tagen die Knödel weggehen wie warme Semmeln, während die achtkugelige Füllung wintertags fünf Wochen hielt. Liegt es an dem „einzigartigen Geschmackserlebnis“, das die Insekten-Knödel-Werbung in Aussicht stellt?

„Ihr greift doch in die Natur ein“, sagen die Fütterungskritiker. Aber, so die Entgegnung: Haben wir nicht schon in die Natur eingegriffen, als wir die Insekten ausgerottet haben, von denen sich die Vögel einst ernährten (jedenfalls von denen, die nicht auf unseren Windschutzscheiben zu reinigungsresistenten Feststoffen geworden waren)? Haben wir Menschen nicht das große Sterben der Singvögel verursacht und sind nun in der Pflicht, wieder schmackhafte Insekten in Umlauf zu bringen – und sei es zusammengepappt mit Fetten, Saaten und Getreide in 100 Gramm schweren Knödeln (ohne Netz)?

Die 15 häufigsten Gartenvögel in Deutschland

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  • Der Naturschutzbund (Nabu) lässt regelmäßig Vögel in Gärten zählen und erstellt daraus eine Statistik. Die Top 15:

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  • Platz 1: Haussperling

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  • Platz 2: Amsel

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  • Platz 3: Kohlmeise

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  • Platz 4: Star

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  • Platz 5: Feldsperling

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  • Platz 6: Blaumeise

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  • Platz 7: Elster

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  • Platz 8: Mehlschwalbe

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  • Platz 9: Ringeltaube

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  • Platz 10: Mauersegler

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  • Platz 1: Grünfink

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  • Platz 12: Buchfink

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  • Platz 13: Rabenkrähe

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  • Platz 14: Rotkehlchen

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  • Platz 15: Rauschwalbe

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Wissenschaftler sind uneinig

Wer im Mai Meisen füttert, hat eine Meise? Anruf in der Nabu-Naturschutzstation Münsterland. „Der Nabu ist in dieser Frage selbst uneins“, erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter Dr. Thomas Hövelmann. Es gebe Kritiker und Befürworter der Sommerfütterung. „Die Kritiker sagen: Das ist kein natürlicher Zustand. Die Vögel sollen in der Lage sein, sich selbst zu versorgen.“ Zudem brächten Futterstellen, an denen die Vögel zum Mahl zusammenkommen und sich auch gerne mal flatternd zanken, die Gefahr, dass Krankheiten übertragen werden. Das immerhin kann jeder nachvollziehen, der mal während einer Grippewelle im überfüllten Wartezimmer des Hausarztes geatmet hat.

Futter für findige Finken

„Die anderen sagen“, erklärt Thomas Hövelmann, „es sei zwar nicht erstrebenswert, Vögel im Sommer zu füttern, aber leider notwendig, weil die Tiere durch das Insektensterben und die ausgeräumte Landschaft kein Futter mehr finden.“ Die Rotkehlchen und Blaumeisen litten also nicht Hunger, weil sie vor lauter kostenlos bereitgehängter Premium-Insekten-Knödel verlernt haben, wo die vorangegangenen Generationen ihr einzigartiges Geschmackserlebnis fanden, sondern weil es da draußen schlicht zu wenig Futter gibt. Da können die Finken noch so findig sein.

Fütterung unnötig machen

Es gibt ergo zwei Meinungen, und Thomas Hövelmann bringt bei der Gelegenheit noch einen dritten Vorschlag ein: „Ideal wäre es, Gärten so zu gestalten, dass eine Fütterung gar nicht mehr nötig ist.“ Wie soll das gehen, fragt da der gemeine Vorstädter, der allenfalls einen kleinen Doppelhaushälftengarten bewirtschaftet. „Ausreichend verschiedene Pflanzen“, erklärt Hövelmann. Sträucher, Stauden, Kräuter, am besten so zusammengestellt, dass ganzjährig irgendetwas blüht. Totholz und Laubhaufen ruhig mal liegen lassen und Boden freilassen, damit sich kleines Getier vergraben kann. Dadurch kommen Insekten, die wiederum von Vögeln gefressen werden.

Naturerlebnis

Knödel oder nicht? Hövelmann hält sich raus. Er räumt nur ein, dass es auch ein Naturerlebnis ist, wenn‘s im Garten piept. Wenn die Kinder sich die Schnoddernase an der Terrassentür platt drücken, weil: Alle Vögel sind schon da. Von dem anderen Naturerlebnis spricht er nicht. Von den weißen, schmierigen Klecksen auf der Terrasse in der Einflugschneise der zwei Drahthalter für jeweils vier Meisenknödel.

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