Reichskriegsflagge weht über Sendener Campingplatz
Arm des Gesetzes reicht nicht heran

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Eine abgewandelte Reichskriegsflagge, die über dem Campingplatz Kranencamp weht, ruft regelmäßig Spaziergänger bei Behörden auf den Plan. Verboten ist die Fahne nicht, gehisst hat sie ein 70-jähriger „Reichsbürger“, der in Camouflage-Outfit regelmäßig durch Senden geht.

Samstag, 01.06.2019, 12:00 Uhr aktualisiert: 03.06.2019, 12:50 Uhr
Über seinem Wohnwagen hat der Dauercamper eine abgewandelte Reichskriegsflagge gehisst.
Über seinem Wohnwagen hat der Dauercamper eine abgewandelte Reichskriegsflagge gehisst. Foto: di

Sie flattert am Fahnenmast – weithin sichtbar und unerreichbar für den Arm des Gesetzes. Der reicht nicht bis zur Flagge, die über dem Campingplatz Kranencamp weht. Denn: Das bunte Stück Stoff ist nicht verboten. Das ergab jedenfalls die WN-Anfrage bei der Coesfelder Kreispolizeibehörde. Es handelt sich um eine Abwandlung der Reichskriegsflagge – die Flagge der Streitkräfte des Deutschen Reiches bis 1921.

Kommunales Ordnungsamt hat keine Handhabe

Ein Fall für die Behörden ist das Versatzstück von Schwarz, Weiß, Rot mit Eisernem Kreuz und einem Adler, der weniger an Preußen denn an die Symbolsprache der Nationalsozialisten erinnert, aber trotzdem. Denn wie der Leiter des Sendener Ordnungsamtes, Holger Bothur, bestätigt, haben sich auch Bürger, die die Flagge bemerkt haben, bei der Gemeinde gemeldet. Doch vom Rathaus wurden die Hinweise weitergegeben an die Polizei, da die Kommune „in diesem Fall nicht zuständig ist“.

Im Tarnanzug durchs „Dorf“

Für die Bezirksbeamten ist Ernst-Friedrich Rabenhorst, der regelmäßig im militärischen Tarnanzug durchs „Dorf“ geht, kein Unbekannter. Anlass für ein Einschreiten habe der Dauerpächter auf dem Kranencamp geliefert, weil er – neben der grenzwertigen Flagge – auch eindeutige Zeichen verbotener Organisationen trug. Ebenfalls als die WN-Lokalredaktion den Flaggen-Freund aufsuchte, baumelte an dessen Hals ein Eisernes Kreuz, das mit einem Hakenkreuz aus Draht versehen war. Dass er sein Springmesser auf der Polizeiwache abgeben musste, gibt der 70-Jährige unumwunden zu. „Ich besorg mir ein Besseres“, kündigte er an.

Das passiert mir öfter.

Ernst-Friedrich Rabenhorst über Unmut, den seine Reichskriegsflagge auslöst

Die Fahne habe er vor zwei Jahren begonnen zu hissen. Dass er Unmut bis Empörung beispielsweise von Spaziergängern dafür erntet, räumt der Wahl-Sendener ein: „Das passiert mir öfter.“

Reichskriegsflagge ist nicht verboten

Florierender Handel wird mit der Reichskriegsflagge, ihren Abwandlungen und anderen Devotionalien aus Kaiserzeit oder Nazi-Ära betrieben. Obwohl die Fahne häufiger zu Aufregung in Nachbarschaften führt, ist sie in NRW nicht verboten. Die Flagge zu zeigen, kann in manchen Bundesländern aber als „Verstoß gegen die öffentliche Ordnung gewertet werden“.

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Stolzer Deutscher gehört muslimischer Bruderschaft an

Früher habe er sich nicht darum gekümmert, Deutscher zu sein, sagt der Wohnwagenbewohner, der als Elektroinstallateur gearbeitet, in Indien gelebt und sich schließlich dem muslimischen Sufi-Orden angeschlossen hat. Seinem Besucher hält Rabenhorst unaufgefordert eine „Deklaration“ unter die Nase, die ihn als Reichsbürger ausweist – ein Freiherr, für den die Bundesrepublik als Staat gar nicht existiert. Seinen Personalausweis habe er deshalb abgegeben.

Platzwart sieht keine Probleme

In seinem Umfeld, dem Kranencamp, eckt der Ruheständler im Camouflage-Outfit nicht an. Platzwart Peter Dahlheimer ist nicht bekannt, dass sich einer der 145 festen Camper jemals beschwert oder nur Anstoß genommen habe. Mit seiner Fahne und seinen Ansichten leiste der „Reichsbürger“ keine Überzeugungsarbeit oder schüre Stimmung gegen Minderheiten, er zahle seine Miete und „belästigt niemanden“, schildert Dahlheimer. Womit für ihn der Fall mit der Flagge, die Fragen aufwirft, auch schon abgeschlossen ist.

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