Urban Gardening
Die Lust am Wuchern

Münster/Berlin -

Wild bepflanzte Verkehrsinseln, Wiesen auf Dächern und jede Menge Gemeinschaftsgärten: Immer mehr Menschen pflanzen Obst, Gemüse oder einfach nur Blumen an. Das verschönert die Städte. Und schafft sozialen Zusammenhalt.

Sonntag, 09.06.2019, 13:52 Uhr aktualisiert: 09.06.2019, 14:13 Uhr
Ob es die begrünte Verkehrsinsel istoder der großflächig angelegte Gemeinschaftsgarten (hier: „Himmelbeet“ im Wedding): Das gemeinschaftliche Gärtnern gewinnt an Popularität.
Ob es die begrünte Verkehrsinsel istoder der großflächig angelegte Gemeinschaftsgarten (hier: „Himmelbeet“ im Wedding): Das gemeinschaftliche Gärtnern gewinnt an Popularität. Foto: dpa

Die Gärtner sind alle Verbrecher – das erkannte Wladimir Kaminer in seinem Buch „Mein ­Leben im Schrebergarten“ schon 2007. Der Grund für seine Behauptung: Er selbst, der sich mit seiner Frau in der Berliner Klein­gartenkolonie „Glückliche Hütten“ eingekauft hatte, verstieß innerhalb kürzester Zeit gegen alle Vorschriften des Bundesklein­gartengesetzes. Tatsächlich liegt das Gärtnern absolut im Trend – ganz ohne verbrecherische Absicht natürlich. Nachdem immer mehr Menschen mit ihren Familien vor dem samstäglichen Unkrautjäten in die Stadt geflohen waren, suchen sie jetzt die Rückbesinnung zur ­Natur. Der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde zählt 910 000 Kleingärten, die in Summe eine Fläche von 40 000 Hektar haben. Obwohl die Zeit, in der die Erwähnung eines Schrebergartens für Naserümpfen sorgte, noch nicht lange zurückliegt, schätzt der Verein die Zahl der Menschen, die einen ebensolchen nutzen, auf rund fünf Millionen. Kein Handy, kein Internet, keine falschen Aufgeregtheiten und Hektik: Die Sehnsucht nach der Natur, dem Ursprünglichen, hat seit Jahren Konjunktur; immer mehr sogar, je mehr der Kontakt der Menschen dazu im Alltag verloren geht. 

Garten-Boom in der Stadt

Der Garten als einsamer, geschützter Rückzugsort im Privaten aber war gestern. Die Gärten von heute boomen ins­besondere dort, wo es laut, selten beschaulich und zuweilen chaotisch zugeht: in der Stadt. Zwischen parkenden Autos, auf einem Kreisverkehr oder industriellen Brachflächen. Urban Gardening wird sie genannt, jene aus den USA stammende Bewegung, die städtische Brachen mit Gemüse, Obststräuchern, Kräutern oder anderen Gewächsen bepflanzt.

Öffentliche Treffpunkte gibt es in den Städten ja zuhauf. Das Café am Eck, den Stadtpark, Spielplätze. Immer häufiger aber treffen sich die Menschen auch in ihren kleinen grünen Oasen. Das gemeinschaftliche Stadtgärtnern wird immer beliebter und ist mittlerweile weit verbreitet. Die meisten Urban-Gardening-Projekte werden dabei von Hausgemeinschaften oder privat organisierten Gruppen betreut. Ihnen gemein ist die oftmals bewusst unprofessionelle Heran­gehensweise an die gärtnerische Tätigkeit und der damit verbundene Wille, das Gärtnern selbst und voneinander zu lernen. Das wohl bekannteste Projekt in Deutschland sind die Prinzessinnengärten, die sich am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg direkt an einen Kreisverkehr schmiegen. In einer Kölner Industriebrache blüht es zwischen alten Übersee-Containern und im Münchner Bahnhofsviertel erstrahlt das Dach eines Parkhauses in allen Farben des Sommers.

Es gibt mittlerweile unzählige Anleitungen wie „Urban ­Jungle“, „Stadtgrün statt Grau“, „Stadtgärtnern für Anfänger“ oder schlicht „Urban Gardening“, die aus jedem Bürger einen Gärtner machen. 

Wegbereiter der Bewegung war das sogenannte Guerilla­Gardening. Eine wildere Form des Urban Gardening, die von den städtischen Verwaltungen indes nicht so gern gesehen wird. Bei dieser anarchischen Variante säten Protestierer irgendwo heimlich ihre Pflanzensamen aus. Es ging ihnen bei ihrer stillen Rebellion um mehr Umweltbewusstsein, um eine Abkehr vom Konsumdenken und Lebensstile jenseits der Wachstumsgesellschaft. Dort zu säen, wo es verboten war, das hatte für sie etwas Subversives.

Urban Gardening

Aus den USA kommend ist der Trend des Urban Gardenings – dem Gartenbau in der Stadt – schon vor Jahren in Deutschland angekommen. Urban Gardening beschreibt Gärten, die Menschen in einer gemeinsamen Initiative auf Brachflächen in der Stadt anlegen. Dafür werden oft Hochbeete, Säcke oder auch unkonventionelle Pflanzgefäße verwendet. Viele Projekte sind temporär. Die Zielsetzung der Projekte kann aus Expertensicht unterschiedlich sein: Viele Engagierte wollten anfangs mit ihren Initiativen den öffentlichen Raum zurückerobern und ein Zeichen gegen Kapitalismus und Konsumwahn setzen. ­

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Wandel des Lebensstils

Tatsächlich ist das gemeinschaftliche Gärtnern mittlerweile in vielen deutschen Städten institutionalisiert und gilt als positives Leitbild eines sich vollziehenden Lebensstilwandels. Upcycling von alten Möbeln, Car-Sharing, Repaircafés, Kleidertauschbörsen und eben Urban Gardening – die Liste grüner, nachhaltiger Projekte wird immer länger. Aus ökologischen Utopien werden konkrete Alternativen: Die Menschen können sofort beginnen und bekommen ein Gefühl der Selbstwirksamkeit. Im Gegensatz zu früheren Ökobewegungen aber sind die heutigen Initiativen wesentlich ideologiebefreiter; sie beanspruchen eine eher unpolitische Annäherung an das Thema Nachhaltigkeit und sind fast ausschließlich auf urbane Handlungsräume fokussiert.

Die Motive der urbanen Gärtner sind mittlerweile so heterogen wie die Projekte selbst. Hier geht es um Versorgung. Dort geht es um Verschönerung des städtischen Raumes oder um die Rückgewinnung öffentlicher Plätze. Auch die Weitergabe von Garten-Know-how spielt mancherorts eine Rolle. Wesentliche Begleiterscheinung aber ist die Schaffung sozialer Verbindungen. Dort, wo man immer wieder hört, in der Stadt lebe es sich anonym, sprechen die Menschen miteinander. In einigen Städten dienen die Garten-Projekte gar der ­Integration von Flüchtlingen. Zwischen Blumenerde, Gießkanne und Gummi­stiefeln sind sie Orte der Begegnung, des Kennenlernens, und bringen Nachbarn, Kulturen und Generationen einander ­näher. Dort, wo die Gärten größer sind, finden oftmals Veranstaltungen statt; Grillabende, Vorträge, Lesungen oder Erntefeste. Dadurch wächst analog zu den ­Pflanzen auch die Gemeinschaft.

Während sich bei anderen Projekten, wie etwa der solidarischen Landwirtschaft, eher konsumkritische Gesinnte finden lassen, mobilisiert das Urban Gardening auch solche Menschen, die nach ihrem Arbeitstag einfach gern einmal die Ärmel hochkrempeln und bei körperlicher Betätigung Abstand zum Alltag gewinnen möchten.

Längst spielt das Thema auch in der gegenwärtigen Raum- und Stadtplanung eine Rolle. Bürgerschaftliches Engagement wird bei der Quartiersentwicklung als wichtige ­Ressource wahrgenommen. Menschen, die sich in ihrem Stadtteil engagieren, so die Annahme, entwickeln zumeist eine ­intensivere Ortsbindung und identifizieren sich mit ihrem Wohnort, da sie ihr Umfeld als veränder- und gestaltbar wahrnehmen. Hilfreich ist hierbei, dass die Gärten ­zumeist in Selbstorganisation entstehen und nicht an Insti­tutionen gebunden sind und demnach nicht „von oben“ ­verordnet werden können. Vielerorts gibt es gleichwohl Kooperationen mit städtischen Einrichtungen wie Theater, Museum, Garten- und Tiefbauamt, Schulen und Kindergärten. Auch regionenübergreifend sind viele Projekte miteinander vernetzt und im regen Austausch, erfahrene Akteure helfen bei der Gründung neuer Gärten, veranstalten Workshops und besuchen sich gegenseitig.

Negativer Effekt

Mittlerweile gibt es Bauträger und Wohnbaugenossenschaften, die sich mehr und mehr an Begrünungskonzepten orientieren und beispielsweise Gebiete mit bepflanzten Dächern vorsehen. Die Stadt Stuttgart hat seit 2014 gar einen Urban-Gardening-Beauftragten eingestellt. Der Blick auf ökologische und soziale Dimensionen des urbanen Gärtnerns gewinnt im Kontext einer nachhaltigen Stadtentwicklung zunehmend an Bedeutung. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raum­forschung verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass in Deutschland mittlerweile drei Viertel der Menschen in Stadtregionen leben. Für die Vermittlung von Wissen über Natur und Umwelt, so heißt es in einer der Studien, spielen Grünräume als Bildungs- und Lernorte mit weitgehend nieder schwelliger Zugänglichkeit eine wichtige Rolle. Ein ausreichendes urbanes Grün sei für ein günstiges Stadtklima und somit gesunde Umwelt- und Lebensverhältnisse notwendig.

Einen negativen Effekt kann das Urban Gardening allerdings auch haben: Dort, wo ein Gartenprojekt erfolgreich verlaufen ist, steigt in aller Regel die Lebensqualität. Die inner­städtischen Bereiche lassen sich leichter vermarkten – und ­somit steigen Mieten und Immobilienpreise.

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