Sascha Giesecke erfüllt sich einen Kindheitstraum
Leben auf einem alten Kutter

Lengerich -

In wenigen Tagen wird Sascha Giesecke seine letzten Sachen zusammenpacken und Lengerich verlassen. Für den 51-Jährigen geht ein Traum in Erfüllung. Er hat einen Kutter übernommen, der künftig sein Zuhause sein wird. Das Schiff liegt im Hafen von Wyk auf der Nordseeinsel Föhr.

Samstag, 08.06.2019, 07:37 Uhr aktualisiert: 11.06.2019, 10:54 Uhr
Die „Polar“, Schiffsregisternummer HF 476, im Hafen von Wyk auf Föhr. Sie wird zum neuen Domizil von Sascha Giesecke.
Die „Polar“, Schiffsregisternummer HF 476, im Hafen von Wyk auf Föhr. Sie wird zum neuen Domizil von Sascha Giesecke. Foto: privat

„Ich habe immer davon geträumt, mit einem alten Kutter übers Meer zu fahren“, erzählt er. Seine Augen glänzen bei diesen Worten. Mit der „Polar“ nimmt dieser Wunsch Gestalt an. Und ja, „es war Liebe auf den ersten Blick“, gesteht er lachend im Gespräch mit den WN. Das Boot im Internet sehen und nach Wyk fahren, das sei nahtlos ineinander übergegangen. Übernommen hat er das 120 Tonnen schwere Holzschiff im vergangenen Jahr von vier älteren Herren. Die haben damit in den vergangenen 25 Jahren Angeltouren unternommen.

Es ist nicht nur das Boot, das ihn fasziniert. Dessen Geschichte ist ebenfalls höchst ungewöhnlich. Vom Stapel gelaufen ist der Kutter im Jahr 1942 in Swinemünde an der Nordsee. Seine Bestimmung: Kriegsfischerkutter. Deshalb wurde die HF 476 (so die offizielle Bezeichnung) mit Kanonen ausgerüstet und als Küstenwach­schiff eingesetzt.

Die „Polar“ war ein Schiff aus einer Baureihe von 1000 Exemplaren. „Sie ist das letzte, das es noch gibt“, hat Sascha Giesecke in Erfahrung gebracht. Nach dem Krieg wurden die Kanonen demontiert, das Schiff ging seiner eigentlichen Bestimmung nach: fischen. Gelagert wurde der Fang in 20 000 Liter fassenden Tanks. Dort schwammen die Fische im Salzwasser, bis sie angelandet wurden.

1993 ist es vorbei mit der kommerziellen Fischerei. Das besagte Männerquartett kauft den Kutter, lässt ihn für seine Zwecke umbauen. Die zweckorientierte Ausstattung weicht dezentem Komfort. Statt Stahlwänden schmeichelt Mahagoni-Holz dem Auge. Die Kombüse wird in eine vollausgestattete Bordküche umgewandelt. „Das ist alles vom Feinsten“, schwärmt der neue Eigentümer und zeigt Fotos.

Genug Treibstoff bis New York

Dass der Kahn auch technisch in Ordnung ist, dafür hat einer der vier Senioren gesorgt. Dieter Menzer war früher Maschinist auf dem Segelschiff „Alexander von Humboldt“. „Das mit den grünen Segeln, das für eine Biermarke Reklame gesegelt hat“, präzisiert Sascha Giesecke. Der 4,5 Tonnen schwere Humboldt-Deutz-Sechs-Zylindermotor mit 60 Liter Hubraum laufe wie ein Dittchen. Gestartet werde er mit Dieselkraftstoff, gefahren dann mit Rapsöl. Die Reisegeschwindigkeit liege bei zehn Knoten (umgerechnet gut 18 Stundenkilometer). Die Tanks fassen 13 500 Liter Treibstoff. „Genug, um damit bis nach New York zu fahren, einschließlich Reserve“, schmunzelt der Lengericher.

So weit will er (noch) nicht hinausfahren. Angelausflüge und Kutterfahrten stehen zunächst auf dem Programm. Damit das möglich ist, war die „Polar“ im vergangenen Jahr in der Werft. „Der Rumpf ist tip-top in Ordnung“, berichtet Sascha Giesecke vom Ergebnis. Der übliche Bewuchs – Muscheln und Seetang – wurde entfernt. Ein frischer Anstrich auf die Holzplanken, das war´s.

Arbeit gibt es auf der Insel auch

Was der gelernte Karosseriebau-Meister jetzt noch am Kutter werkelt, „ist allein wegen der Optik“. Die sollte schon stimmen, denn nach seinen Worte ist die „Polar“ ein häufig anzutreffendes Motiv auf Ansichtskarten der Insel Föhr. Dass er die Brücken nach Lengerich abbricht, bedauert er nicht. Auf der „Polar“ gebe es immer was zu tun und Arbeit finde er auf der Insel auch. „Da werden Fachleute gesucht“, hat er in den vergangenen zwölf Monaten festgestellt. So lange ist er schon mit der Überholung des Kutters beschäftigt. Bis zum ersten Angelausflug wird´s nicht mehr lange dauern. An Erfahrung mangelt es ihm nicht. „Ich war 14 Jahre lang immer in Tossens an der Nordsee zum Sportbootfahren“, erzählt er.

„Auf dem Schiff hat man alles, was man braucht“, wird er sein Haus in Lengerich nicht vermissen. „Ich bin ein Minimalist“, lacht er unvermittelt auf. Dann strahlen seine Augen wieder als er sagt, „ich lebe und wohne dort, wo andere Urlaub machen“. Im nächsten Jahr, das hat er sich fest vorgenommen, soll eine größere Tour gefahren werden. Von Wyk bis ins Mittelmeer will er mit dem 25-Meter-Schiff. Erstmal. Weitere Langstrecken-Törns schließt er nicht aus.

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