Heeker dokumentiert seit 44 Jahren Daten für den Deutschen Wetterdienst
Josef Kersting hält den Wandel fest

Heek -

Wenn Josef Kersting durch die Gemeinde läuft oder fährt, hat er immer auch den Straßenrand im Blick. Blüht die Hainbuche? Wie sieht die Gerste aus? Was ist erntereif? Kersting dokumentiert seine Beobachtungen auf den Tag genau, denn er ist phänologischer Beobachter für den Deutschen Wetterdienst.

Samstag, 15.06.2019, 08:00 Uhr
Den Start der Lindenblüte hat Josef Kersting in der vergangenen Woche vermerkt.
Den Start der Lindenblüte hat Josef Kersting in der vergangenen Woche vermerkt. Foto: Falko Bastos

Seit 44 Jahren erfüllt er diese Tätigkeit ehrenamtlich. Damals, 1975, schickte er seine Beobachtungen zu Blüte-, Reife- und Erntedaten noch per Postkarte. Später gab er sie telefonisch durch. Inzwischen loggt er sich über ein Internet-Portal ein, um die Daten zur Pflanzenentwicklung zu dokumentieren. Fast täglich ist er dafür unterwegs. Mehr als 100 Beobachtungen im Jahr meldet er dem Wetterdienst.

Es ist nicht sein einziges Ehrenamt. „Aber das zeitintensivste“, sagt Kersting. Seit 19 Jahren leitet er die VdK-Ortsgruppe Heek als Vorsitzender, betreut die 250 Mitglieder und organisiert regelmäßig Radtouren.

Auch für die Behinderten-Sportgemeinschaft Ahaus engagiert er sich seit Jahrzehnten. Dort war er selbst als Kegler aktiv, nahm an Deutschen Meisterschaften teil und holte den Titel mit der Mannschaft. Nach der Tätigkeit als Sportwart und der Mitgliedschaft im geschäftsführenden Vorstand, bat man ihm den Vorsitz übergangsweise für ein Jahr zu übernehmen. Daraus sind inzwischen 14 Jahre geworden. Und seit 1986, dem ersten Jahr nach dem Start des Projekts, fährt er den Bürgerbus. Alle 14 Tage noch. „Früher war das wöchentlich“, so Kersting. Und das Eine lässt sich gut mit dem Anderen verbinden: „Wenn ich im Bürgerbus fahre, sehe ich auch viel von den Pflanzen. Ich gucke immer.“

Vom Behinderten- und Rehabilitationsverband NRW erhielt er das Ehrenzeichen in Silber, im Berliner Verkehrsministerium sogar die Bundesverdienstmedaille für seine Tätigkeit als phänologischer Beobachter. Doch für die Auszeichnungen macht er es nicht. Josef Kersting winkt ab: „Die liegen im Schrank herum.“

„Ich möchte das, was ich im Leben bekommen habe, zurückgeben“, erklärt er seine Motivation. Und zwar noch möglichst lange. Vereinzelt tritt der 78-Jährige schon kürzer, den Schriftführerposten im Bürgerbusverein hat er abgegeben. „Und mit dem Fahren ist mit 80 Schluss“, sagt er. Mit allem anderen will er erstmal weitermachen. „Solange ich irgendwie kann.“

Vor allem die Beobachtungen in der Natur möchte er so schnell nicht aufgeben. Ob Löwenzahn oder Buschwindröschen, Kersting weiß genau, wo er welche Pflanze findet. Hilfe bei der Bestimmung braucht er keine. „Die Pflanzen kenne ich alle. Ich bin ja auf dem Land großgeworden. Und was ich nicht kenne, brauche ich auch nicht beobachten.“

Die Daten, die er ermittelt, zeigen deutlich mehr als den Wandel der Jahreszeiten. Denn die unterschiedlichen Blütezeiten spiegeln auch veränderte Umweltbedingungen wider. Bei Datenreihen über viele Jahrzehnte werden auch klimatische Entwicklungen deutlich. „Es wird generell immer etwas früher“, sagt er über die Blütezeiten. Drei Wochen früher als im vergangenen Jahr habe der Löwenzahn geblüht.

Auch die Zusammensetzung der Pflanzenwelt habe sich geändert. Huflattich etwa sehe er kaum noch. Hafer werde kaum noch angebaut. „Alles Monokultur“, sagt Kersting.

Klimawandel und Insektensterben machen dem Naturliebhaber Sorgen. „Wer macht sich da keine Sorgen?“, fragt er. „Ich sehe hier keine Schwalbe mehr fliegen.“ Versöhnt ist er beim Anblick einer blühenden Linde. Den 9. Juni hat er als Start der Blüte vermerkt. „Ziemlich normal“, sagt er. Und Josef Kersting ist nicht der einzige, der es bemerkt hat. Denn überall im Baum summen und brummen die Insekten. „Hier gibt es sie noch.“

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