Artensterben – was bedeutet das für die Region ?
Eine traurige Bilanz

Westerkappeln/Tecklenburger Land -

Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten sind laut einem UN-Bericht vom Aussterben bedroht. Wie macht sich das bei uns in der Region bemerkbar ? Wir haben mit Experten gesprochen: Naturgärtner Jürgen Schneiders, Jäger Dr. Michael Greshake, Biologe Dr. Heinrich Terlutter und Vogelkundler Walter Witte. Alle vier Naturfreunde ziehen eine traurige Bilanz.

Dienstag, 25.06.2019, 18:10 Uhr aktualisiert: 25.06.2019, 18:30 Uhr
Die Vielfalt der Arten geht zurück. Die Feldlerche, vor einigen Jahrzehnten noch häufig in Westerkappeln zu beobachten, ist kaum oder gar nicht mehr zu sehen.Knapp 40 Prozent der Regenwurmarten stehen auf der „Roten Liste der bedrohten Arten“.
Die Vielfalt der Arten geht zurück. Die Feldlerche, vor einigen Jahrzehnten noch häufig in Westerkappeln zu beobachten, ist kaum oder gar nicht mehr zu sehen.Knapp 40 Prozent der Regenwurmarten stehen auf der „Roten Liste der bedrohten Arten“. Foto: Peter Lindel

Vogel-Fachmann Walter Witte aus Ibbenbüren kann das Artensterben mit Zahlen aus der Region belegen. Seit 1988 gehe er in jedem Frühjahr immer zu den gleichen Terminen eine Route in Westerkappeln an der Grenze zu Mettingen, um dort die brütenden Vögel zu kartieren, berichtet Witte. Für uns hat er mal die Aufzeichnungen aus den ersten fünf Jahren von 1988 bis 1992 mit denen aus den vergangenen fünf Jahren von 2014 bis 2018 verglichen. Im ersten Zeitraum notierte Witte insgesamt 664 Brutpaare entlang seiner Strecke, während es im zweiten Zeitraum nur noch 351 waren. „Das ist ein Rückgang von ca. 47 Prozent in 26 Jahren“, hat Witte ausgerechnet.

Auch die Vielfalt der Arten ging in dieser Zeit massiv zurück, wie Witte beobachtet hat. Im ersten Zeitraum habe er durchschnittlich 34,6 Brutvogelarten notiert, seit 2014 nur noch durchschnittlich 20,2 – ein Rückgang von circa 42 Prozent in 26 Jahren. „Betroffen sind vor allem die Vögel der Wiesen und Felder.“ So habe er vor 30 Jahren noch häufig die Feldlerche gehört oder gesehen, heute jedoch gar nicht mehr. Zuletzt beobachtete Witte einen Vogel dieser Art im Jahr 2010. Dass Witte Braunkehlchen (Jahr 2000), Rebhuhn (2002) und Schafstelze (2002) beobachtete, ist noch länger her. „Aber auch andere Arten sind seltener geworden, zum Beispiel Schwarzspecht und Gebirgsstelze.“

Immerhin hat Witte noch eine Art notiert, deren Anzahl zugenommen hat: die Mönchsgrasmücke. „In der ersten Dekade brüteten insgesamt 50 Paare, in der letzten Dekade 72“, freut sich Witte.

Was in der Natur geschieht, darauf haben auch die Jäger einen genauen Blick. Vor allem den älteren unter ihnen sei bewusst, „dass sich unsere Umwelt massiv verändert hat“, sagt Dr. Michael Greshake von der Kreisjägerschaft Steinfurt-Tecklenburg und zählt auf: von der Zersiedlung der Landschaft, Monotonisierung der Ackerflächen, Dominanz der stickstoffliebenden Pflanzen und damit Einengung der Pflanzenvielfalt und der davon lebenden Insektenarten bis hin zum Verschwinden der „Allerweltsarten hier bei uns im Münsterland“ wie Feldlerche, Kiebitz und Rebhuhn.

Früher sei die Region bekannt gewesen für hohe herbstliche Jagdstrecken an Fasan, Hasen und Kaninchen. Aber vor allem seit dem Ende der subventionierten Flächenstilllegung 2007 könnten Niederwildjagden in vielen Revieren nicht mehr durchgeführt werden. So sei das Rebhuhn schon seit den 1980er Jahren überwiegend verloren gegangen. Gleichzeitig hätten die Veränderungen dazu geführt, „dass Prädatoren wie der Fuchs optimierte Lebensbedingungen vorfinden, stark zunehmen, und Hase und Rebhuhn das Überleben erschweren“.

Unter den Jägern sei die Sorge groß. „Uns fehlt im Frühjahr die singende Lerche oder das ,wiewiehabichdichlieb‘ der Goldammer.“ Eine nachhaltige Nutzung einiger bejagbarer Arten sei nicht oder nur eingeschränkt möglich. „Letztlich geht es ja auch um die Lebensgrundlage für uns Menschen.“ Zumindest der Artenrückgang auf den beackerten Flächen lasse sich „einfach, rasch und schnell“ umkehren. „Was fehlt, sind Flächen, die mit einem bestimmten Pflanzenaufwuchs bewirtschaftet werden, und auf denen keine synthetischen Pflanzenschutzmittel angewendet und nicht gedüngt werden darf.“

Es gebe viele Arten, die noch vor Jahren häufig, heute aber gar nicht mehr oder ganz selten zu sehen sein, sagt Dr. Heinrich Terlutter, Leiter des Bildungs- und Forschungszentrums Heiliges Meer. Im Bereich des Heiligen Meeres gehören dazu Wiesenvögel, viele Laufkäferarten und Schmetterlinge, aber auch Pflanzen wie die Lobelie, die früher in dem Gebiet stark verbreitet war. „Die Letzte haben wir vor zehn Jahren gesehen.“ Lungenenzian, Moorlilie, zählt Terlutter weitere Pflanzen auf. „Orchideen gibt es gar keine mehr.“ Auch im Wasser sinkt die Vielfalt. Die Armleuchter-Alge zum Beispiel, die sehr saubere, nährstoffarme Gewässer benötigt, sei sehr selten geworden.

Es sei eine traurige Bilanz, erst recht, da es sich um ein Naturschutzgebiet handele. „Aber die Fläche ist klein und liegt inmitten eines intensiv genutzten Umfelds“, sagt der Biologe und meint damit nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch Industrie und Verkehr. Größtes Problem bleibe aber der Nährstoffeintrag vor allem durch die Landwirtschaft. „Wir sind stets bemüht, störende Einflüsse fernzuhalten.“ Aber es brauche eine extensiv bewirtschaftete Puffer-Zone rund um das Gebiet Heiliges Meer und diese hat bislang noch große Lücken. „Die müssen wir schließen.“

Nicht ausgeschlossen ist es laut Terlutter, dass manche Arten zurückkehren, beispielsweise Pflanzen, deren Samen über Jahrzehnte im Boden überdauern können. „Es gibt da verblüffende Beobachtungen.“ Bei den Insekten aber seien die Arten, die nicht fliegen könnten, für das Heilige Meer wohl verloren.

Angesichts dieser Entwicklungen sei das Team schon lange alarmiert, sagt Heinrich Terlutter.

Angesichts des UN-Berichts macht der Garten von Jürgen Schneiders Hoffnung. Seit zehn Jahren wandelt er die Fläche rund um sein Haus in einen Naturgarten um, mit mageren Böden, Sträuchern, Bäumen, heimischen Pflanzenarten, feuchten und trockenen Beeten, Steinen und Holz.

Und: „Die Arten kommen wieder“, sagt der 56-Jährige und beginnt aufzuzählen: Drei Heupferdchen, der Holzbockkäfer, ein Mauswiesel, Erdkröten, mehrere Rote-Liste-Schmetterlinge und nicht zuletzt Vögel wie die Mönchsgrasmücke und Schwanzmeisen suchen bei Schneiders nach Nahrung oder haben dort ihre Kinderstube eingerichtet. „Die sind in den vergangenen Jahren dazu gekommen.“ Ganz zu schweigen von zahlreichen Wildbienen-Arten, denen Schneiders auf verschiedene Weise Unterschlupf bietet. „Die habe ich noch gar nicht näher bestimmt.“

Aber auch er beobachtet, dass im Winter weniger Vögel im Garten nach Futter suchen und sich die Landschaft außerhalb von Siedlungsgebieten mehr und mehr in eine grüne Einöde verwandelt. Wenn Bienen in Städten mehr Nahrung fänden als in der freien Landschaft mache das sehr deutlich, „dass wirklich etwas falsch läuft. Es ist später als fünf vor zwölf“, sagt Schneiders deshalb und ist froh, dass die Menschen langsam für das Thema sensibilisiert würden. Schon kleine Flächen könnten helfen. Wenn „wilde Ecken“ in Gärten oder neue Lebensräume im öffentlichen Bereich entstehen, gebe es die Chance einen Verbund zu schaffen. Die vielen Angebote zum Beispiel für Wildblumenwiesen sieht Schneiders allerdings skeptisch. Denn der Samen müsse auch der richtige sein, also heimische Pflanzen enthalten. Sonst seien sie meist nach einem Jahr wieder verschwunden.

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