Shuttlebus-Unfall
Fahrerin von Unglücksbus zu Geldstrafe verurteilt

Tecklenburg -

Vom Amtsgericht Tecklenburg ist die Fahrerin, die am 17. September 2017 auf dem Weg zum Reformationsfest auf der Freilichtbühne mit einem Shuttle-Bus von der Straße abgekommen ist, zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Bei dem Unfall war eine Insassin getötet worden.

Mittwoch, 26.06.2019, 17:36 Uhr aktualisiert: 26.06.2019, 22:09 Uhr
In einer Linkskurve war der Shuttle-Bus am 17. September 2017 nach rechts von der Fahrbahn abgekommen und letztlich auf der Seite in einem Maisfeld liegen geblieben. Bei dem Unfall kam eine Insassin ums Leben.
In einer Linkskurve war der Shuttle-Bus am 17. September 2017 nach rechts von der Fahrbahn abgekommen und letztlich auf der Seite in einem Maisfeld liegen geblieben. Bei dem Unfall kam eine Insassin ums Leben. Foto: Jens Keblat

Es war wohl ein Augenblick der Unaufmerksamkeit, der am 17. September 2017 auf der Osnabrücker Straße in Tecklenburg zu einem schweren Busunfall führte, durch den eine Frau ums Leben kam und viele weitere Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Wegen fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung in mindestens acht Fällen verurteilte das Amtsgericht Tecklenburg am Mittwoch eine Busfahrerin aus Voltlage zu einer Geldstrafe von 3770 Euro.

Der Richter in Tecklenburg sah die Vorwürfe der Anklage bestätigt. Die heute 55-Jährige war in einer Linkskurve nach rechts von der Fahrbahn abgekommen, hatte mit dem mit mehr als 80 Fahrgästen besetzten Shuttle-Bus einen Leitpfosten überfahren und einen Strommast touchiert. Dann war das Fahrzeug in ein Maisfeld gestürzt.

62 Verletzte und eine Tote 

Wohl durch die Kollision mit dem Mast war laut einem Sachverständigengutachten ein Fenster zerborsten, durch das eine Frau, die im hinteren Teil des Busses saß, hinausgeschleudert und von dem kippenden Fahrzeug begraben wurde. Sie verstarb an der Unfallstelle. 62 weitere Insassen wurden zum Teil schwer verletzt. Die Anklage hatte die Strafverfolgung gemäß Paragraf 154a der Strafprozessordnung auf acht Verletzte beschränkt.

Die Angeklagte ließ sich über ihren Verteidiger zu dem Geschehen ein. „Sie ist irgendwie von der Fahrbahn abgekommen. Warum, weiß sie nicht. Sie hatte keine Möglichkeit, zurück auf die Straße zu kommen. Mehr kann sie dazu nicht sagen“, führte der Rechtsanwalt aus.

Detaillierte Angaben machten indes viele Zeugen. Die Fahrer von zwei Fahrzeugen hatten den Unfall vom Kreisverkehr aus beobachtet und waren zur Unfallstelle gut 300 Meter weiter gefahren, um Erste Hilfe zu leisten.

Superintendent verkündet Todesnachricht am Ende des Festgottesdienstes

Mit einem Gottesdienst auf der Freilichtbühne soll am 17. September 2017 um 11 Uhr das Fest „500 Jahre Reformation“ der Kirchenkreise Tecklenburg, Steinfurt-Coesfeld-Borken und Münster eröffnet werden. Um ein Verkehrschaos zu vermeiden, werden Shuttle-Busse aus den umliegenden Orten eingesetzt. Ein Bus, der in Ledde losfährt, kommt auf der Osnabrücker Straße nach rechts von der Fahrbahn ab und kippt auf die Seite. Eine Mitfahrerin wird getötet, 36 weitere Insassen verletzt.

Auf der Freilichtbühne beginnt der Gottesdienst. An dessen Ende informiert Superintendent André Ost die rund 2400 Teilnehmer über den tragischen Unfall. Vor dem Gottesdienst war er lediglich von einem Unfall unterrichtet worden. Als eine Folge des Unglücks wird der für den frühen Nachmittag geplante Kabarett-Auftritt von „Funke & Rüther“ abgesagt.

Die Uraufführung des Oratoriums „Bruder Martin“ am Abend findet statt. „Wir trauen uns, das zu tun, weil wir der Meinung sind, dass die Botschaft des Musicals über Martin Luther Trost und Antworten geben kann“, begründet Superintendent Joachim Anicker (Kirchenkreis Coesfeld-Steinfurt-Borken), warum er und seine Kollegen entschieden haben, die Abendveranstaltung trotz des Unfalls nicht abzusagen.

Wie sich am späten Sonntagabend herausstellt, ist das Unfallopfer, eine 61-Jährige aus Osnabrück, Mitglied eines der Musical-Projektchöre.Zur Ermittlung der Unfallursache wird ein Sachverständiger eingeschaltet, Bus und digitaler Fahrtenschreiber beschlagnahmt.

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Eindrücklicher waren die Schilderungen von insgesamt elf Frauen und Männern, die im Bus gesessen und zum Teil schwere Verletzungen davongetragen hatten. Einige laborieren noch heute an den – meist psychischen – Folgen. Sie alle waren voller Vorfreude auf das Reformationsfest gewesen.

Einige hatten befürchtet, der Bus sei zu voll gewesen, als er zu der Fahrt vom Parkplatz der Ledder Werkstätten Richtung Freilichtbühne startete. Das stellte sich trotz der Enge, die einige Zeugen empfunden hatten, als falsch heraus. Der Bus war nicht überladen, wie sich nachher herausstellte. Technisches Versagen konnte ebenso ausgeschlossen werden. Lenkung und Bremsung funktionierten laut einem Sachverständigen einwandfrei.

Unfallursache unklar 

Der Bus war auch nicht zu schnell unterwegs. Auf der Straße gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern. Der Fahrtenschreiber zeigte 53 km/h an. Auch die Zeugen hatten ausgesagt, dass der Bus nach dem Kreisverkehr gerade erst beschleunigt hatte.

Ein Dekra-Ingenieur war zudem der Anmerkung eines Anwohners nachgegangen, der behauptet hatte, es gebe eine Bodenwelle in der Straße. Er habe Versuche mit dem gleichen Busmodell in einer Leerfahrt sowie mit sieben Tonnen Sand in Säcken beladen durchgeführt und keine Bodenwelle bemerkt, führte der Sachverständige aus.

Die Angeklagte war auf Alkohol und Drogen untersucht worden. Negativ. Eine Nichteinhaltung der Ruhezeiten konnte ebenso ausgeschlossen werden wie eine eventuelle Ablenkung durchs Mobiltelefon.

Kurze Unaufmerksamkeit 

„Sie waren kurz unaufmerksam und abgelenkt“, wandte sich der Richter in seiner Urteilsbegründung an die 55-Jährige. Deshalb habe sie den Bus in der Linkskurve geradeaus gesteuert. „Ihre Pflicht wäre gewesen, mit dem Fahrzeug auf der Straße zu bleiben. Das haben sie leider nicht gemacht.“ Als großes Pech bezeichnete er, dass das Fenster zu Bruch gegangen sei, aus dem die dann tödlich Verletzte geschleudert wurde, bevor der Bus sie unter sich begrub.

Der Verteidiger hatte auf ein Unterlassungsdelikt plädiert und einen Freispruch für die fahrlässige Tötung gefordert. Es sei keine Tathandlung gewesen, als seine Mandantin in der Linkskurve nicht nach links gezogen habe, begründete er. „Gegenlenken wäre zu dem Zeitpunkt zu spät gewesen“, zitierte er den Sachverständigen. Für die fahrlässige Körperverletzung in acht Fällen beantragte er eine Geldstrafe von 50 Tagessätzen.

Das Gericht schloss sich im Wesentlichen dem Antrag der Staatsanwältin an. Sie hatte für eine Geldstrafe von 135 Tagessätzen zu je 35 Euro ausgesprochen. Das Gericht machte 130 Tagessätze zu je 29 Euro daraus.

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