Info-Abend zum B51-Ausbau in Telgte
Die „Fronten“ waren klar

Telgte -

Zahlreiche Informationen, trotzdem viele Fragen, auch etliche, die am Ende offen blieben, und jede Menge Emotionen: So lässt sich die Informationsveranstaltung zum geplanten vierspurigen Ausbau der Bundesstraße zwischen Münster und Telgte beschreiben.

Donnerstag, 11.07.2019, 12:15 Uhr aktualisiert: 11.07.2019, 20:56 Uhr
Gespannt verfolgten rund 500 Zuhörer die Vorstellung der Pläne und anschließende Diskussion im Bürgerhaus.
Gespannt verfolgten rund 500 Zuhörer die Vorstellung der Pläne und anschließende Diskussion im Bürgerhaus. Foto: Große Hüttmann

Wenn der Applaus der Anwesenden der Gradmesser dafür ist, ob die Bundesstraße 51 auf dem Teilstück zwischen Münster und Telgte vierspurig ausgebaut werden soll, dann müsste es nach der Bürgerinformationsveranstaltung ein klares Nein geben. Denn die Äußerungen der Gegner des Projektes wurden teilweise frenetisch beklatscht, während Dirk Griepenburg, Direktor von Straßen.NRW, Projektleiter Bernd Epmann und Verkehrsgutachter Dr. Hartmut Ziegler einen schweren Stand hatten.

Ich sage ihnen hier und heute, diese Straße wird nie gebaut.

Dr. Werner Allemeyer

Denn im übervollen Bürgerhaus waren die „Fronten“ von Beginn an klar: Dafür sorgte bereits Dr. Werner Allemeyer, ehemaliger Verkehrswissenschaftler und Kommunalpolitiker, als er sagte: „Ich sage ihnen hier und heute, diese Straße wird nie gebaut.“ Das ließen die Experten von Straßen.NRW zwar so nicht unkommentiert stehen, gleichwohl zeigte dieser Auftakt bereits: Im Saal kochte die Stimmung nicht nur immer wieder hoch, sondern die Gegner des vierspurigen Ausbaus hatten eine deutliche Mehrheit hinter sich versammeln können.

Diese Planung ist schädlich für Telgte.

Bürgermeister Wolfgang Pieper

Vor allem zwei Redner waren es im weiteren Verlauf des Abends, die viel Beifall ernteten. Bürgermeister Wolfgang Pieper forderte anstelle des Ausbaus „innovative Verkehrskonzepte“, etwa ein S-Bahn-System im 20-Minuten-Takt zwischen Münster und Telgte. Und als er das Projekt – nicht in seiner Amtsfunktion, sondern als Privatperson, das betonte er zuvor – als schädlich für Telgte bezeichnete, war der Saal regelrecht aus dem Häuschen. Die Applaudierenden wollten sich kaum mehr beruhigen.

Nicht nur für viel Beifall, sondern auch für einige Nachdenklichkeit, sorgte vermutlich bei vielen Anwesenden die Frage von Manfred Heitmann. Der wollte nämlich vom Verkehrsgutachter wissen, ob durch den Ausbau der Kreuzung am Gartencenter in Handorf und den weiteren vierspurigen Ausbau bis kurz vor Telgte nicht die Gefahr bestehe, dass der Stau „nur fünf Kilometer weiter östlich“ zum dann nur zweispurigen Bereich am Burger King verlagert werde. „Es ist dort wahrscheinlich mit einem höheren Stauvorkommen zu rechnen“, sagte der Experte, betonte aber auch, dass innerhalb der Planungen noch genügend Möglichkeiten bestünden, dieses Problem zu lösen.

So äußerte sich der Verkehrsgutachter zum Verkehrsaufkommen

Ebenfalls nicht ganz zufrieden waren viele Anwesende, das wurde aus etlichen Unmutsäußerungen deutlich, mit der Antwort des Verkehrsgutachters auf eine Nachfrage von Marian Husmann. Der hatte die Daten der Messstelle im Bereich der Lauheider Straße ausgewertet, die seit Jahren einen Rückgang des Verkehrsaufkommens belegen. Das sei zwar richtig, aber nur ein Teil der Wahrheit, war den Worten von Dr. Hartmut Ziegler zu entnehmen. Denn einerseits gingen die seiner Studie zugrundeliegenden Prognosen von einem wachsenden Verkehrsaufkommen – gerade im Fernverkehr – in den nächsten Jahren aus. Zudem würde beispielsweise das Amazon-Projekt in Oelde und andere Veränderungen in der regionalen Wirtschaft Auswirkungen auf das Aufkommen haben.

Zahlen und Fakten

► Aktuell sind vor Münster täglich 24.500 Kraftfahrzeuge unterwegs. 2030 rechnen die Gutachter an dieser Stelle mit 33.500 Fahrzeugen. Laut der Verkehrsprognose, die den Planungen zugrunde liegt, beträgt die Zahl der Fahrzeuge am Münstertor derzeit 18.500, und die Prognose geht davon aus, dass diese Zahl bis 2030 auf 24.500 Stück steigen wird.

► Eine Verdoppelung des ÖPNV-Schienentaktes wird im Gutachten mit einem Minus von 1950 Fahrzeugen am Tag veranschlagt. Ein Ausbau des Busverkehrs, genaue Daten liegen laut Straßen.NRW nicht vor, würde 2000 Kraftfahrzeuge weniger täglich auf die Straße bringen. Ebenfalls rund 2000 Fahrzeugbewegungen täglich können laut Gutachten wahrscheinlich dadurch vermieden werden, dadurch dass die Radpendler-Zahlen deutlich ausgebaut werden, etwa durch die Veloroute.

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Zudem würden vor allem viele Pkw-Fahrer angesichts der vielen Staus derzeit vermehrt Schleichwege nutzen. Die würden durch eine leistungsstarke Bundesstraße wieder dorthin zurückgeholt und Nebenstraßen entlastet. Hinsichtlich des CO-Ausstoßes bezeichnete Ziegler einen flüssigen Verkehr auf der „neuen“ Bundesstraße als wesentlich besser als das derzeitige Stop-and-Go-Fahren – vor allem morgens und abends.

Weitere offene Fragen: Eingriff in die Natur und Zeitersparnis

Ein dickes Fragezeichen blieb zudem hinsichtlich des Eingriffs in die Natur durch das Großprojekt. Diesbezüglich legte Straßen.NRW noch keine Zahlen vor. Der Grund dafür: „Etwa das Ersatzwegekonzept und andere wichtige Teilbereiche sind noch nicht durchgeplant, genaue Angaben daher nicht möglich“, so Projektleiter Bernd Epmann. Und auch die Zeitersparnis auf dem Abschnitt zwischen Münster und Telgte durch einen vierspurigen Ausbau konnten die Experten noch nicht benennen. Auch das sei noch nicht berechnet. Fest stehe bislang lediglich, dass eine Ortsumgehung in Warendorf etwa acht Minuten Zeitvorteil verschaffe.

Es ist an ihnen allen, ihr Verhalten zu ändern [...].

Joachim Brendel von der IHK Nord-Westfalen

Dass der Ausbau der Bundesstraße in der Unternehmerschaft der Region ebenfalls nicht uneingeschränkt positiv gesehen werde, verhehlte Joachim Brendel von der IHK Nord-Westfalen in einer Äußerung deutlich. Gleichwohl gebe es ein großes Interesse an einer guten Verbindung zwischen den Regionen Münster und Bielefeld. Und eines schrieb er allen Anwesenden angesichts von Klimanotstand und anderen Debatten ins Stammbuch. „Es ist an ihnen allen, ihr Verhalten zu ändern, beispielsweise vom Pkw auf das Fahrrad umzusteigen. Das führt dann zu einem geringeren Verkehrsaufkommen und könnte letztlich auch dafür sorgen, dass der Ausbau nicht mehr notwendig ist.“

Tagesordnung umgeworfen

Der Abend verlief programmtechnisch anders, als ursprünglich gedacht, und dafür waren die Experten von Straßen.NRW verantwortlich. Denn nachdem es am Vorabend bereits im Rat der Stadt Telgte, dort präsentierten die Experten ebenfalls das Projekt, viele Nachfragen gerade im Hinblick auf die Verkehrszahlen gegeben hatte, hatten Moderatorin Dr. Antje Grobe von „Dialog Basis“ und Straßen.NRW die Tagesordnung umgeworfen und statt einer längeren Gruppenarbeit an verschiedenen Thementischen einen umfangreichen Informations- und Diskussionsteil vorgeschaltet, in dem es vor allem um die Zahlen und Prognosen ging. Da die Publikumsfragen am Ende zahlreich waren, letztlich konnten am Ende nach rund anderthalb Stunden Dauer nicht einmal alle abgearbeitet werden, war der Workshop-Teil stark verkürzt.

Kommentar: Jeder ist gefordert

Keine Frage: Die Informationsveranstaltung von Straßen.NRW bot viele Zahlen und Fakten, und dank der Moderation von Dr. Antje Grobe verlief die Diskussion nach einem anfänglich holperigen Start in  geordneten Bahnen.

Dennoch blieben am Ende viele Fragen. Der Eingriff in die Natur sowie die Zeitersparnis auf der Straße zwischen Münster und Telgte konnten noch nicht zahlenmäßig benannt werden. Was ebenfalls ungeklärt blieb ist, ob nicht durch einen Ausbau der Kreuzung beim Gartencenter die Staus nur ans Münstertor verlagert werden, wo aus vier wieder zwei Spuren werden sollen.

Offen blieb ebenfalls, warum nicht ein den Verkehrsströmen angemessener Ausbau der Kreuzung in Handorf ausreicht, um die üblichen Staus dort zu vermeiden und letztlich einen Großteil des Problems zu lösen, ohne dass – möglicherweise – eine Vierspurigkeit bis Telgte notwendig ist. Fakt ist: Es gibt noch viel zu klären.

In einem Punkt hat Joachim Brendel von der IHK Nord-Westfalen aber den Finger in die Wunde gelegt. Es ist an jedem Einzelnen, durch sein persönliches Verhalten dafür zu sorgen, dass der Verkehr weniger wird und sich dadurch etwas verändert und solche Großprojekte hoffentlich überflüssig werden. Dazu gehört beispielsweise der Umstieg vom Auto aufs Fahrrad oder die Bahn. Denn gute Vorschläge und Fensterreden sind das eine, ein entsprechendes Handeln das andere. Da muss sich jeder selbst an die Nase fassen – ich eingeschlossen. (Andreas Große Hüttmann)

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