Familienplanung
Was der Hebammenschwund für werdende Eltern bedeutet

Der Mangel ist offensichtlich: Schon bei einem positiven Schwangerschaftstest sollte man sich auf die Suche nach einer Hebamme machen, empfiehlt eine der verbliebenen. Denn während die Geburtenrate seit einigen Jahren wieder steigt, fällt die Zahl der praktizierenden Hebammen. Ein Trend, der für alle Beteiligten große Probleme beinhaltet.

Freitag, 12.07.2019, 21:54 Uhr aktualisiert: 12.07.2019, 21:57 Uhr
Der Deutsche Hebammenverein weiß:Die Geburtshilfe steht vor vielen Herausforderungen. Es geht um Arbeitsbedingungen, die Finanzierung, Zukunftsperspektiven und um eine nachhaltige und ausreichende Versorgung mit Hebammenhilfe im ganzen Land. colourbox
Der Deutsche Hebammenverein weiß:Die Geburtshilfe steht vor vielen Herausforderungen. Es geht um Arbeitsbedingungen, die Finanzierung, Zukunftsperspektiven und um eine nachhaltige und ausreichende Versorgung mit Hebammenhilfe im ganzen Land. colourbox

Es sind allen voran die Eltern, insbesondere die Mütter, die aktuell einen schweren Stand haben. Denn kurz nachdem sie wissen, dass sich Nachwuchs ankündigt, beginnt für viele auch schon das erste Problem: die Suche nach einer Hebamme. Dabei ist die Frage nach dem Wann, also wann denn der richtige Zeitpunkt sei, sich um eine Hebamme zu kümmern, gar nicht so einfach zu beantworten.

Meine persönliche Empfehlung ist, sich schon beim positiven Schwangerschaftstest, spätestens aber nach Bestimmung des voraussichtlichen Entbindungstermins auf die Suche nach einer Hebamme zu begeben.

Claudia Bäcker, Hebamme in Ostbevern

„Meine persönliche Empfehlung ist, sich schon beim positiven Schwangerschaftstest, spätestens aber nach Bestimmung des voraussichtlichen Entbindungstermins auf die Suche nach einer Hebamme zu begeben“, empfiehlt Claudia Bäcker. Sie ist Hebamme in der Gemeinde Ostbevern im Kreis Warendorf. Früher, vor rund zehn Jahren, sei das anders gewesen, sagt sie. Da wären Frauen erst nach den ersten zwölf Wochen gekommen, und in der Regel hatte eine Hebamme dann auch noch Kapazitäten für die Betreuung.

„Eine Geburt ist ein wichtiger, oft vielleicht der größte Umbruch im Leben einer Familie. Hebammen sind die Fachleute, die diese Phase begleiten: von der Schwangerschaft bis zum Wochenbett, in Kliniken und Geburtshäusern oder zu Hause“, teilt der Deutsche Hebammenverband auf seiner Homepage mit. Der Verband ist sich bewusst, dass die Geburtshilfe vor vielen Herausforderungen steht. „Es geht um Arbeitsbedingungen, die Finanzierung, Zukunftsperspektiven und um eine nachhaltige und ausreichende Versorgung mit Hebammenhilfe im ganzen Land.“

Maue Bezahlung, teure Versicherung

Für den Wandel machen die Hebammen gleich mehrere Gründe aus. Zum einen sei dafür die stetig wachsende Geburtenrate verantwortlich. „Zum anderen wissen die Frauen heute in der Regel sehr viel früher, dass sie schwanger sind. Weil sie es drauf anlegen, dass eine gewünschte Schwangerschaft begleitet wird oder ein anderes Körperbewusstsein vorhanden ist“, bemühen sich die Hebammen um Erklärung. Der Hauptgrund sei aber, dass es tendenziell immer weniger Hebammen gebe – und das nicht nur auf dem Land. „Das hat mit den Rahmenbedingungen dieses eigentlich wundervollen Berufes zu tun. Immer weniger sind bereit, sich für die eher geringere Bezahlung jeden Tag bereitzuhalten“, erklärt die seit 27 Jahren als Hebamme tätige Claudia Bäcker. „Geburtshilfe bei einer natürlichen Geburt lohnt sich nicht. Das liegt an den hohen Haftpflichtbeiträgen für Hebammen und Ärzte sowie an der geringen kassenseitigen Vergütung bei interventionsfreien Geburten.“ Dies sei auch der Grund für die Schließung vieler geburtshilflicher Stationen in den Krankenhäusern und für die sinkende Zahl von Hebammen, die Hausgeburten oder Geburtshausgeburten anbieten.

Alleine von 2002 bis 2017 haben sich die Haftpflichtversicherungsprämien mehr als verzehnfacht. Inzwischen müsse eine Hebamme, die freiberuflich Geburtshilfe anbiete, über 8600 Euro im Jahr nur für die Berufshaftpflichtversicherung bezahlen. Dabei sei es egal, ob sie als Hausgeburt oder Geburtshaushebamme vielleicht nur wenige Geburten im Jahr begleitet oder ob sie als sogenannte Beleghebamme im Krankenhaus arbeitet und dort vielleicht viele Geburten betreue. Kosten, die viele Hebammen nicht mehr aufbringen wollen oder auch nicht können.

Eltern spüren fehlende Betreuung

Neben den vielen Herausforderungen, vor denen die Hebammen stehen, sind es vor allem die angehenden Eltern, die eine Vielzahl von Veränderungen zu meistern haben. Und könnte eine Schwangerschaft an sich nicht schon aufregend genug sein, ist die Vor- und Nachbetreuung sowie die Suche nach einem Kreißsaal oder einer Hebamme für Hausgeburten noch mal extra fordernd. „Kinder und Mütter leiden am Ende am meisten. Denn der Konflikt wird de facto auf ihren Rücken ausgetragen“, sagt Katharina Desery. Sie ist Sprecherin des Vereins „Mother Hood – Bundeselterninitiative zum Schutz von Mutter und Kind während Schwangerschaft, Geburt und 1. Lebensjahr“. Ein Verein, der sich seit 2015 für die Belange der werdenden Eltern und ihrer Kinder einsetzt. „Wir hatten damals festgestellt, dass es keine einheitliche Elterngruppierung gibt, die ihre Interessen zum Beispiel gegenüber Ärzten, Hebammen und auch der Politik vertritt.“

Wir brauchen eine familienzentrierte Geburtshilfe.

Katharina Desery, Sprecherin des Vereins „Mother Hood“

Im Zentrum von „Mother Hood“ steht das Ziel, dass die Geburtshilfe verbessert wird. „Wir brauchen eine familienzentrierte Geburtshilfe. Dafür kämpfen wir und sind sehr dankbar, dass wir nun als Sachverständige für das Hebammen-Reformgesetz gehört werden“, erklärt Katharina Desery. „Deswegen wollen wir mit unserem Verein auch nicht nur fordern und Probleme benennen. Unser Anspruch ist auch, Lösungen zu präsentieren“, erklärt die Sprecherin. So habe „Mother Hood“ einen Zehn-Punkte-Plan erstellt, der Antworten auf die Fragen gebe, wie die strukturellen Probleme in der Geburtshilfe angegangen werden können. „Diesen finden Interessierte unter anderem auf unserer Homepage zum Download.“

Verein „Mother Hood“

Ein Kind zu be­kommen, gehört für viele Eltern zu den schönsten Erfahrungen im Leben. ­Mutter und Kind sind in der Zeit vor, während und eine besonders schützenswerte Einheit innerhalb unserer Gesellschaft. Die aktuelle Situation in der Geburtshilfe verschlechtert sich zunehmend. Diese Entwicklung wollen Eltern nicht hinnehmen. Und haben 2015 die ­Initiative „Mother Hood“ gegründet. Sie setzt sich ein für das Recht auf eine stressfreie und gesunde Schwangerschaft, eine sichere und selbst­bestimmte Geburt mit der freien Wahl des Geburtsortes sowie ein ge­sundes Aufwachsen der Kinder im ersten Lebensjahr. „Mother Hood“ ist bundesweit in Regionalgruppen aktiv.

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Der Verein will, dass die Förderung der Kindergesundheit mit Schwangerschaft und Geburt beginnt. „In die Geburtshilfe zu investieren heißt für uns, in eine gesunde Gesellschaft zu investieren“, sagt Katharina Desery. Deswegen setzt sich der Verein unter anderem für eine bedarfsorientierte Vergütung der Geburtshilfe, eine Gewährleistung einer wohnortnahen Versorgung, mehr Elternbeteiligung sowie für mehr Prävention und Gesundheitskompetenz ein.

Neue Hebammen kaum zu finden

Bis es so weit ist, müssen Eltern, Hebammen, Ärzte sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger lernen, das Beste aus dem Status Quo zu machen. Keine leichte Angelegenheit, je nach Schwangerschaftsverlauf und Wohnort. So drohte zum Beispiel in Ostbevern die Schließung der Hebammenpraxis „Bauchladen“ . „Meine beiden Mitstreiterinnen werden zum Jahresende ihre Mitarbeit aus persönlichen Gründen beenden, aber weiter als Hebammen tätig sein. Die Suche nach neuen Kolleginnen hat sich kompliziert und schwierig gestaltet“, berichtet Claudia Bäcker. Aber zumindest in diesem Fall scheint sich das glückliche Ende einer schweren Geburt abzuzeichnen.

Derweil begrüßt der Verein „Mother Hood“ den Entwurf des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) zum Hebammenreformgesetz. „Die Akademisierung des Hebammenberufes ist ein notwendiger Schritt entsprechend den Anforderungen der EU-Richtlinie 2005/36/EG“, erklärt Katharina Desery, die sich sicher ist, dass diese Chancen bietet, die Versorgung von Familien und ihren Kinder zu verbessern. Wann diese Verbesserungen sich aber auf den Status Quo auswirken, bleibt abzuwarten.

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