Survivaltraining in den Sommerferien
Wo das Handy keinen Wert hat

Lotte -

Was macht ihr, wenn euer Urlaubsflieger mitten im Dschungel abstürzt und ihr nur noch das besitzt, was ihr am Leib tragt?“ Schon bei der dieser Frage wird deutlich, worum es geht. Ums nackte Überleben. Richard Vincent, ein britischer Ex-Soldat hat sich auf´s Training für solche Situation spezialisiert. Nun teilt der 62-Jährige sein Wissen mit acht Jungs im Alter von zwölf bis sechzehn Jahren aus Lotte.

Mittwoch, 17.07.2019, 18:02 Uhr aktualisiert: 17.07.2019, 18:36 Uhr
Acht Jungs aus Lotte nahmen am Survivaltraining von Richard Vincent in Bramsche teil. Der ehemalige Soldat der britischen Streitkräfte lebt seit 2004 in Bramsche und bietet gemeinsam mit einem Partner Survivaltraining für alle Altersgruppen an.
Acht Jungs aus Lotte nahmen am Survivaltraining von Richard Vincent in Bramsche teil. Der ehemalige Soldat der britischen Streitkräfte lebt seit 2004 in Bramsche und bietet gemeinsam mit einem Partner Survivaltraining für alle Altersgruppen an. Foto: Friedrich Schönhoff

Geübt wird im Waldgebiet „Gehn“ bei Bramsche. Für die Jungs haben die Sommerferien in diesem Jahr mit einem Survivaltraining begonnen. Angeboten wird es vom Jugendzentrum „Bansen“. Zu Beginn der zweitägigen Veranstaltung, zu der auch die Übernachtung im Wald gehört, führt der Ecperte ins Thema ein.

„Ich würde das Flugzeugwrack absuchen um ein Handy zu finden“, meint ein 13-Jähriger auf Vincents Frage. Und damit macht er deutlich, in welchen Widersprüchen Kinder und Jugendliche heute aufwachsen. In einer technisierten Welt will Richard Vincent die Neugierde auf die Natur neu zum Leben erwecken. Und das Handy ? Muss nicht sein. Auch wenn sich dort viele Infos finden ließen. Zum Standort oder zum Weg zur nächsten Pommesbude.

„Was brauche ich eigentlich zum Überleben?“, fragt der Ex-Soldat in die Runde, und gemeinsam einigt man sich auf nur wenige Dinge: Wasser, Nahrung, Kleidung, Feuer und Unterkunft, das sind die Dinge, ohne die es draußen schwer wird zurechtzukommen.

„Was glaubt ihr, wie lange kann der Mensch ohne Nahrung überleben?“, fragte der Survivaltrainer. Die Jungs wägen ab: „Vielleicht drei Tage ?“. „Zwei bis drei Wochen“, erläutert Vincent und bringt die Jungs zum Staunen. „Ohne Flüssigkeit allerdings wären es tatsächlich nur zwei Tage“, erklärt der 62-Jährige.

Er hat viele Tipps, wie der Mensch vor allem an Flüssigkeit kommen kann. So verdunstet eine ausgewachsene Birke an warmen Sommertagen bis zu tausend Liter Wasser. „Ihr könnt es anzapfen“, erläutert der Trainer, „indem ihr ein Loch in den Stamm bohrt.“ Im Laufe des Tages könne man einer Birke etwa fünf Liter Flüssigkeit abtrotzen – Wasser, das man bedenkenlos trinken könne.

Auch auf die aktuellen Gefahren im Wald geht Richard Vincent ein. So gebe es im „Gehn“ etwa 350 Wildschweine. „Wenn ihr auf ein Rudel stoßt, seid leise und, wenn möglich, klettert auf einen Baum.“

Nach dieser ausführlichen Einführung, bei dem auch noch Wölfe, Schlangen und die Raupen des Eichenprozessionsspinners zur Sprache kommen, geht es an die Arbeit. Die mitgebrachten Zelte müssen aufgebaut werden.

Wer nun denkt, dass diese innerhalb von zehn Minuten stehen, sieht sich getäuscht. „Wo kommen denn diese blöden Stangen hin?,“ fragt einer der Jungen, während bei einer dreiköpfigen Gruppe, die gemeinsam ein Zelt aufbaut, das Teamwork noch nicht wirklich klappt. Schließlich vergehen eineinhalb Stunden, bis das Nachtlager halbwegs sicher auf einer kleinen Anhöhe aufgeschlagen ist.

Mittlerweile hat die Gruppe Hunger bekommen. „Müssen wir uns das Essen selbst suchen?“, fragt einer der Jugendlichen sichtlich verunsichert. „Wenn wir mehr Zeit hätten, würden wir das tun“, sagt Vincent. Hat die Gruppe aber nicht: Die Betreuer – Christin Seidel, ehemalige FSJlerin im „Bansen“, und Simon Kurz, der gerade sein Freiwilliges Soziales Jahr im Jugendtreff absolviert – holen „was zu beißen“ aus den mitgebrachten Taschen.

Trotzdem gibt es lange Gesichter. Denn fertig ist die Mahlzeit nicht. „Wir müssen es aufwärmen“, erläutert Christin. Und dafür muss zunächst einmal ein Feuer gemacht werden – und zwar ohne Feuerzeug oder Streichhölzer.

Wie das geht, weiß natürlich Richard Vincent: Trockene Baumrinde, dünne Kiefernzweige und Watte aus der Notfallbox dieten als Material, das sich zum Anzünden mit einem speziellen, Funken sprühenden, Metallstab eignet. Und das fertigzubringen entpuppt sich als zeitaufwendig und übungsintensiv. Außerdem muss die Gruppe los und Holz sammeln.

Spätestens jetzt ist klar, dass in der Natur leben auch bedeutet, viel Zeit für die existenziellen Grundbedürfnisse zu investieren. Da bleibt keine Zeit für Playstation und Handyspiele.

Mit einem Nachtspiel geht es weiter. Die Jungs müssen sich möglichst unentdeckt an ein vorgegebenes bewachtes Ziel heranpirschen. Als schließlich gegen Mitternacht die ersten Teilnehmer ihre Zelte aufsuchen, sind sich alle einig, mit diesem Spiel einen Höhepunkt des Tages – oder der Nacht – erlebt zu haben.

Doch die Nacht wist kurz: Gegen 5 Uhr sind die ersten Jungs bereits wieder an der Feuerstelle, um das Feuer neu zu entfachen. Es gibt geschmierte Brote und Tee aus frisch gepflückter Minze. Dann geht es wieder in den Wald. Unterkünfte müssen gebaut werden, und zwar mit dem, was die Natur hergab.

„Eine sichere Unterkunft ist mit das Wichtigste“, erklärt der Survivaltrainer, denn um in der Natur zu überleben, seien Ruheplätze zum Relaxen und Energiesparen ebenso bedeutend, wie Nahrung zu haben. Er gibt dazu einige Tipps, um unter Beachtung der Windrichtung und Sicherheitsmerkmale des Ruheplatzes möglichst effektiv mit Holz, Moos und Blättern eine Unterkunft zu bauen.

Hier ist wieder Teamarbeit gefragt, und es zeigt sich, dass gerade diejenigen, die sich in der Gruppe eher ruhig und aufmerksam verhalten, das wesentlich besser hinbekommen als einige der Jungs, die zuvor das Gruppengeschehen dominiert haben. „So ist es in der Natur,“ betont Vincent. „Ein scharfer Verstand und entspanntes Verhalten sind oft wichtiger als Muskelkraft.“

Die letzte Übung schließlich besteht darin, einen Verletzten aus dem Wald zu bergen. Nachdem auch hier deutlich wird, dass mit reiner Muskelkraft selbst eine relativ kurze Strecke in unwegsamem Gebiet nicht zu überwinden ist, zeigt der Trainer, wie man aus zwei Jacken und dickeren Ästen eine stabile Trage bauen kann, mit der fünf Personen einen Verletzten recht sicher ans Ziel bringen.

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