Statistik für 2018
Zahl der Kirchenaustritte steigt deutlich

Münster/Bonn - Zahlen, die eine deutliche Sprache sprechen: Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche melden für das Jahr 2018 eine deutlich steigende Zahl von Kirchenaustritt. „Die Zahlen lassen sich nicht schönreden", sagt Münsters Bischof Felix Genn - und findet klare Worte.

Freitag, 19.07.2019, 15:29 Uhr aktualisiert: 19.07.2019, 16:03 Uhr
Bischof Dr. Felix Genn
Bischof Dr. Felix Genn Foto: Gunnar A. Pier

Die Zahl der Kirchenaustritte ist im Bistum Münster im Jahr 2018 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen: 11.442 Katholiken erklärten ihren Austritt, das waren 2746 mehr als im Vorjahr. Das teilte die Pressestelle des Generalvikariats am Freitag mit. 369 Personen, die die Kirche früher einmal verlassen hatten, traten im Bistum Münster im vergangenen Jahr wieder in die katholische Kirche ein, hinzu kamen 210 Eintritte aus anderen christlichen Konfessionen.

2018 sind im Bistum 14.565 Menschen durch die Taufe neu in die Kirche aufgenommen worden, 131 mehr als 2017. Die aktuelle Katholikenzahl im Bistum lag Ende 2017 bei 1,85 Millionen, das sind rund 20.000 weniger als ein Jahr zuvor. Münster ist hinter dem Erzbistum Köln das zweitgrößte Bistum in Deutschland.

Weniger Besucher in der Sonntagsmesse

Einen deutlichen Rückgang gab es im vergangenen Jahr im Bistum Münster bei den Menschen, die sonntags an der Messe teilnehmen. 2018 waren es 149.731 Katholiken (8,1 Prozent) und damit 17.161 weniger als im Vorjahr. Rückgänge gab es auch bei Firmungen (2018: 12.189; 2017: 13.006) und Erstkommunionen (2018: 14.713; 2017: 15.436). Leicht gestiegen ist im Vergleich zum Vorjahr mit 3.682 die Zahl der kirchlichen Trauungen (plus 35) und die der Bestattungen mit 20.517 (plus 519).

Die Kirchen - hier Dom und Überwasserkirche in Münster - lockten weniger Gottesdienstbesucher an.

Die Kirchen - hier Dom und Überwasserkirche in Münster - lockten weniger Gottesdienstbesucher an. Foto: Gunnar A. Pier

Bischof Genn wird deutlich

Der Bischof von Münster, Dr. Felix Genn, erklärt zu den Zahlen: „Die Zahlen lassen sich nicht schönreden. Die Menschen stimmen mit den Füßen darüber ab, ob sie uns für glaubwürdig und vertrauensvoll halten und ob die Gemeinschaft in der katholischen Kirche ihnen grundsätzlich als notwendig für ein gutes und gelingendes Leben erscheint. Für viele gilt das leider nicht mehr. Wir haben an Relevanz für das Leben der Menschen verloren. Sicher waren die Ergebnisse der Studie zum sexuellen Missbrauch in der Kirche, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurden, bei vielen Menschen das auslösende Moment, um zu sagen: Jetzt reicht es mir endgültig. Die Verbrechen, die Priester an Kinder und Jugendlichen begangen haben, können wir nicht ungeschehen machen. Wir können nur alles in unserer Macht Stehende tun, um die Vergangenheit schonungslos aufzuarbeiten und um Betroffene erfahren zu lassen, dass sie im Mittelpunkt der Aufarbeitung stehen. Und natürlich müssen wir alles tun, um sexuellen Missbrauch künftig zu verhindern: von Anstrengungen im Bereich der Prävention bis hin zu Änderungen bei den systemischen Faktoren, die sexuellen Missbrauch in der Kirche begünstigen.

Die Austritts-Zahlen zeigen auch: Wenn wir nicht schon sehr bald nur noch eine kleine Minderheit sein wollen, bleiben große Herausforderungen, denen wir uns beherzt stellen wollen. Nicht, um einfach dem Zeitgeist hinterherzulaufen, sondern um Kirche in der Zeit und mit den Menschen zu sein. Wir sollten das tun, nicht um unserer selbst willen, sondern um der Menschen willen, für die und mit denen wir Kirche sind. Die Menschen müssen erfahren können, dass wir dialog- und veränderungsbereit sind, dass wir nicht uns selbst in den Mittelpunkt stellen, sondern dass wir für sie da sein möchten. Wir wollen eine offene, lernfähige und auch demütige Kirche sein. Wir wollen eine Kirche sein, die das Leben bereichert und den Menschen dient. Das muss uns besser gelingen als in der Vergangenheit.“   

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm Foto: Wilfried Gerharz

Ähnliche Tendenz in der evangelischen Kirche

Bei den Protestanten nahm die Zahl der Kirchenaustritte ebenfalls zu. Aus der Evangelischen Kirche von Westfalen traten knapp 16.000 Menschen aus - gegenüber 14.000 im Vorjahr 2017. Der Evangelischen Kirche im Rheinland kehrten 22.864 Menschen den Rücken. 2017 waren es dort 20.130.

Die Zahl der Kindertaufen blieb mit 14.865 fast auf Vorjahresniveau (2017: 15.012). Mit Aufnahmen und Erwachsenentaufen kamen insgesamt rund 18.720 neue Gemeindemitglieder hinzu. Dem standen rund 15.950 Austritte (2017: 14.000) und rund 23.920 (2017: 21.168) gestorbene Gemeindemitglieder gegenüber.

„Jeder Austritt schmerzt", erklärte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Anders als früher entschieden die Menschen heute frei, ob sie der Kirche angehören wollten - deshalb müsse diese noch deutlicher machen, dass die christliche Botschaft eine starke Lebensgrundlage sei.

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