Das Ende des Pflege-TÜVs
Pilotversuch: Caritasverband testet neue Qualitätskontrolle in Pflegeheimen

Rosendahl -

Seit 2009 gibt es die Pflegenoten: reihenweise Bestnoten für Deutschlands Pflegeheime. Bald ist der sogenannte Pflege-Tüv aber Geschichte. Ein katholisches Pflegeheim in Rosendahl-Osterwick arbeitet schon seit geraumer Zeit mit einem neuen Modell. Ein Perspektivwechsel.

Montag, 22.07.2019, 06:30 Uhr
Weniger sinnloses dokumentieren von Pflegeleistungen, mehr Zeit für den Patienten. Darum geht es bei der neuen Qualitätskontrolle.
Weniger sinnloses dokumentieren von Pflegeleistungen, mehr Zeit für den Patienten. Darum geht es bei der neuen Qualitätskontrolle. Foto: dpa

Der alte Pflege-Tüv in deutschen Pflegeheimen ist bald Geschichte. „Weg mit den blöden Noten“ hatte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann im Mai salopp in Münster gesagt. Ohne Qualitätskon­trolle geht es künftig auch nicht. Nur nimmt das neue System erstmals das tatsächliche Wohlergehen der Patienten in den Blick. Im November wird es bundesweit eingeführt. Das katholische Pflegeheim der Stiftung zu den Heiligen Fabian und Sebastian in Rosendahl-Osterwick arbeitet schon seit geraumer Zeit mit dem neuen Modell. „Wir sind hochzufrieden“, sagt Pflegedienstleiter Michael Tiltmann.

Seit 2009 gibt es die Pflegenoten. Das Ziel: Die Angehörigen sollten mit ihnen schnell und unkompliziert ein gutes Heim für pflegebedürftige Angehörige finden. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) überprüft die Häuser jährlich und vergibt Schulnoten. Das System hat jedoch Webfehler. Der größte: Der MDK bewertet bei der Kontrolle weniger den tatsächlichen Zustand des Pflegebedürftigen als vielmehr die Dokumentation, 77 Kriterien werden dort erfasst, nur wenige sind medizinisch relevant.

Zauberwort: Ergebnisqualität

Papier ist geduldig, die Akten waren logischerweise astrein, alle Häuser erhielten folglich die Note „sehr gut“. Die Traumnoten sagten über den tatsächlichen Pflegealltag allerdings nichts aus, kaschierten sogar wenig traumhafte Zustände – und boten den Angehörigen nicht das, was sie sollten: eine Entscheidungshilfe.

Das Zauberwort heißt nun: Ergebnisqualität. „Früher hat eine Fachkraft bis zu drei Stunden am Tag an der Dokumentation gesessen“, sagt Elke Ahlers, die stellvertretende Pflegedienstleitung im Rosendahler Heim. Oft sei das frustrierend gewesen, zeitraubend, sinnbefreit – und für den MDK auf gehübscht. Schon 2012 suchte das Bundesgesundheitsministerium ein Ersatzmodell. Entwickelt wurde es vom Bielefelder Pflegewissenschaftler Klaus Wingenfeld, auf seine Alltagstauglichkeit überprüft in Häusern des Caritas-Verbandes der Diözese Münster – wie dem der Stiftung zu den Heiligen Fabian und Sebastian.

Ein Perspektivwechsel

Das Neue: Die Mitarbeiter dokumentieren nicht mehr um des Dokumentierens willen, sie begutachten die Bewohner und halten vielmehr Ereignisse, Veränderungen und eigene Leistungen fest. Um die Pflegeleistungen bewerten zu können, sieht das neue System Durchschnittswerte vor, qua­si ein fiktives Referenzheim, dessen Leistungen genau im Mittelfeld liegen. Mit dem vergleicht sich dann jedes Haus. „Besser“ oder „schlechter“ in abgestuften Varianten sind die neuen Kriterien. Nicht mehr Schulnoten. Ein unabhängiges Institut überprüft die Ergebnisse. Der MDK wird degradiert. Er besucht die Häuser nur noch stichprobenartig – „und diskutiert nun auf Augenhöhe mit uns“, sagt Tiltmann. Weil er nicht mehr über Wohl und Wehe entscheidet.

Der Aufwand ist genauso hoch, sagt Natalie Albers vom Referat Altenhilfe und Sozialstationen des Diözesancaritas-Verbandes. Aber der Ansatz stimme jetzt. „Es geht viel mehr um das Wohlergehen der Patienten“, ergänzt Cornelia Honekamp, Teamleiterin im Rosendahler Heim. Ein Perspektivwechsel der sich auch in der täglichen Arbeit niederschlage, sagt Tiltmann. In seinem Haus mit 79 Bewohnern seine die Mitarbeiter „reflektierter und aufmerksamer“.

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