Feinde, Frotzler, Überflieger
Stefan Schulte-Batenbrock ist Brieftaubenzüchter aus Leidenschaft

Seppenrade -

Der Termin beginnt mit einem Missverständnis, dem viele Aha-Effekte folgen. Der Text handelt von der Begegnung mit einem leidenschaftlichen und sehr erfolgreichen Taubenzüchter. Es geht im Gespräch um Feinde, Frotzler und Überflieger.

Donnerstag, 01.08.2019, 09:00 Uhr aktualisiert: 05.08.2019, 12:11 Uhr
Stefan Schulte-Batenbrock mit seiner Top-Taube. Dass sie keinen Namen, sondern die Nummer 173 trägt, ändert nichts daran, dass die beiden nicht nur eine herzliche Beziehung verbindet, sondern auch eine überaus erfolgreich absolvierte Saison.
Stefan Schulte-Batenbrock mit seiner Top-Taube. Dass sie keinen Namen, sondern die Nummer 173 trägt, ändert nichts daran, dass die beiden nicht nur eine herzliche Beziehung verbindet, sondern auch eine überaus erfolgreich absolvierte Saison. Foto: Kristian van Bentem

Das fängt ja gut an . . . „Da ist der Feind!“, ruft Stefan Schulte-Batenbrock mir entgegen, als ich auf seinem Hof in der Bauerschaft Tetekum aus dem Auto steige. Bevor ich auch nur einen Gedanken verschwenden kann, ob ich – kehrt marsch – den Rückzug antrete, weist der Seppenrader gen Himmel. Puh, Schwein gehabt. Der Feind schwebt hoch droben am Himmel: ein Wanderfalke. Er beobachtet noch unentschlossen den Formationsflug von rund 25 Brieftauben, die sozusagen Unter(-dem-Dach-)mieter im Taubenschlag von Schulte-Batenbrock sind. Wenig später landen sie vollzählig unverzehrt – äh: unversehrt – auf dem Dach.

Vollkommen friedlich verläuft dann auch das Gespräch mit dem 48-Jährigen, der leidenschaftlicher Brieftaubenzüchter und -sportler ist, gerade Deutscher Verbandsmeister im Regionalverband Münsterland wurde und den Meistertitel der Reisevereinigung Lüdinghausen errungen hat.

Wie viele Tauben haben Sie?

Schulte-Batenbrock: Momentan insgesamt etwa 100 in den drei Schlägen und der Voliere, in der ich die reinen Zuchttauben halte. Meine beiden besten Tauben aus dieser Saison – die Nummer 173 und seine Schwester – habe ich selber gezüchtet.

Wie sind Sie auf dieses Hobby gekommen? Sind Sie da familiär vorbelastet?

Schulte-Batenbrock: Nein, aber ich mache das schon seit 35 Jahren. Ich war damals 13, und wir wohnten auf einem Hof in Ondrup mit zahlreichen Taubenzüchtern in der Umgebung. Ich wollte dann unbedingt auch Tauben haben. Mein Vater hat mich unterstützt und einen Schlag gebaut. Gleich im ersten Jahr bin ich 1984 Jugendmeister in meinem Verein Einigkeit Ondrup geworden, dem ich noch heute angehöre.

Wenn ich nach Hause kommen und die Tauben fliegen lasse, entspannt mich das total.

Stefan Schulte-Batenbrock

Schulte-Batenbrock: Es ist ein toller Ausgleich zum Stress bei der Arbeit. Wenn ich nach Hause kommen und die Tauben fliegen lasse, entspannt mich das total. Das sind tolle Tiere. Gerade, wenn im Frühjahr die Sonne wieder rauskommt und die Tauben, nachdem sie den Winter über im Schlag waren, zu den ersten Flügen starten, ist das toll zu beobachten. Die freuen sich dann richtig, schlagen Saltos und fliegen einem entgegen.

Aber damit ist es beim Brieftaubensport ja nicht getan, oder?

Schulte-Batenbrock: (lacht) Nein, das ist schon ein zeitaufwendiges Hobby . Bevor im Frühjahr die Flugsaison startet, beginnt man mit dem Training.

Das ist wie bei Sportlern, die sich auf einen Marathon vorbereiten.

Stefan Schulte-Batenbrock

Wie muss man sich das vorstellen?

Schulte-Batenbrock: Man führt die Tauben langsam an immer größere Entfernungen heran. Die Alttauben aus dem Vorjahr haben schon Erfahrung, die jungen lasse ich erst einmal einfach nur ein paar Runden über dem Hof drehen, damit sie sich orientieren und sehen können: „Ah, da bin ich zu Hause, da muss ich wieder hin!“ Dann lasse ich sie zwei, drei Kilometer entfernt auf, später sind es dann erst mal 15 oder 20 Kilometer, auch für die Alttauben. Nach der Winterpause müssen sie erst mal wieder Muskeln und Kondition aufbauen für die langen Flüge. Das ist wie bei Sportlern, die sich auf einen Marathon vorbereiten. Im Laufe des Trainings sieht man dann schon, welche Tauben gut in Form sind und sich für Wettflüge anbieten. 

Wie läuft eine Saison?

Schulte-Batenbrock: Diesmal waren es insgesamt 13 Flüge mit zunächst steigenden Distanzen – der längste Flug vom bayrischen Plattling, 502 Kilometer entfernt. Am Vorabend eines Wettflugs bringen die Züchter der Reisevereinigung ihre gechipten Tauben in Körben zur sogenannten Einsatzstelle in Lüdinghausen, wo sie dann in den Lkw eingesetzt werden. Von dort werden sie über Nacht zum Startort gebracht, wo der Auflassleiter sie morgens auflässt. Im Schnitt fliegen sie dann 70 bis 90 Kilometer pro Stunde, mit Rückenwind auch schon mal 120.

Und was machen Sie selbst währenddessen?

Schulte-Batenbrock: Die Züchter warten zu Hause. Man will ja sehen, wann die Tauben zurückkommen. Bei klarem Wetter sieht man sie manchmal schon als kleinen Punkt in weiter Entfernung.

Können Sie Ihre Tauben denn unterscheiden?

Schulte-Batenbrock: Sie sagen sicher: „Sehen doch alle gleich aus!“ Aber ich kann tatsächlich alle auseinanderhalten. Ich erkenne sie schon am Flugverhalten.

Sie haben in dieser Saison in verschiedenen Wertungen die Konkurrenz dominiert, zwei Titel errungen. Klingelt da auch die Kasse?

Schulte-Batenbrock: {kopfschüttelnd] Nein, man steckt als Hobby-Züchter wie ich hauptsächlich Geld rein. Umso schöner, dass ich mich teilweise gegen echte Profis durchgesetzt habe. Das war meine erfolgreichste Saison in 35 Jahren.

Ja, da muss ich mir schon mal Bemerkungen anhören. Aber Brieftauben haben mit den Stadttauben wenig gemeinsam.

Stefan Schulte-Batenbrock

Ihre Begeisterung für Ihr Hobby ist deutlich zu spüren. Dass viele andere beim Anblick von Tauben dagegen die Nase rümpfen, ist kein Geheimnis . . .

Schulte-Batenbrock: lacht Ja, da muss ich mir schon mal Bemerkungen anhören. Aber Brieftauben haben mit den Stadttauben wenig gemeinsam. Sie sind vom Wesen ganz anders und sehr sauber. Ich gebe ihnen sogar Badesalz ins Badewasser gegen Ungeziefer. Und wenn Freunde frotzeln „Deine Tauben scheißen mein Auto voll“, dann sage ich: Meine Brieftauben sitzen nicht auf den Bäumen, sondern auf dem Dach.

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