Mouminy Mamadou Diallo aus Guinea
Der Jahrgangsbeste konnte vor zwei Jahren noch gar kein Deutsch

Rheine -

Als Mouminy Mamadou Diallo vor zwei Jahren aus Guinea nach Deutschland kam, konnte er noch kein Wort deutsch. Aber er war fest entschlossen, es zu lernen. Mit Erfolg: An seiner Wand hängt eine Urkunde. Er schloss das Berufskolleg Rheine als Jahrgangsbester ab.

Mittwoch, 31.07.2019, 06:00 Uhr
Mouminy Mamadou Diallo
Mouminy Mamadou Diallo Foto: Kristina Sehr

Fünf deutsche Verben lernt Mouminy Mamadou Diallo pro Wochenende. Das Verb ist seine liebste Wortart, denn es hat mit konkreten Handlungen zu tun. Mouminy ist selbst einer, der gern handelt – am liebsten, indem er neue Dinge lernt. Noch vor zwei Jahren konnte der heute 18-Jährige nicht einmal Englisch von Deutsch unterscheiden. Damals kam er aus Guinea nach Deutschland – fest entschlossen zu lernen.

Das hat er in die Tat umgesetzt. Das zeigt heute eine Urkunde, die eine Wand in seinem Zimmer ziert. Es ist die Urkunde des Josef­-Winckler-Preises, die ihm die Stadt Rheine verliehen hat. Der Grund: Als Jahrgangsbester des Berufskollegs Rheine hat er den Hauptschulabschluss bestanden und gehörte damit zu den besten Abschlussschülern der Stadt.

14 Jahre alt war Mouminy Mamadou Diallo, als er sich zur Flucht entschied. Über die Gründe zu sprechen, fällt ihm heute schwer. Dann blickt der junge Mann zu Boden und blinzelt ein paar Mal. „Weil ich nicht sterben wollte.“ Mouminys Eltern starben in Guinea, er wuchs bei Onkel und Tante auf. Sein Onkel nahm ihn auf wie einen Sohn, umsorgte ihn; doch das Trauma, die Eltern verloren zu haben, saß tief. Von Mali über Algerien und Libyen führte die zweijährige Flucht den jungen Mann nach Italien und Frankreich, bevor er Deutschland erreichte.

Viele Stationen

Im April 2017 fand er sich in Bochum wieder, dann in Ahaus, schließlich in Greven. Hier lebt er seit rund zwei Jahren in einer kleinen Wohnung, mal teilt er sie sich mit einem weiteren Geflüchteten, mal lebt er allein hier.

Fleißig

Sein Alltag ist eng getaktet: Unter der Woche besucht er die Internationale Förderklasse des Berufskollegs des Kreises Steinfurt in Rheine. Mittwochs geht er in die Bibliothek, um zu lesen. Am Wochenende hilft er ehrenamtlich in einem Seniorenheim aus, trifft sich mit Freunden zum Fußballspielen und liest.

Doch manchmal bleibt Mouminy lieber ganz allein. Dann geht er nicht vor die Tür. „Das sind die Momente, da holt es mich ein“, sagt er. Während der ersten Monate in Ahaus erlitt der damals 16-Jährige eine Panikattacke. „Ich wusste vor lauter Traurigkeit gar nicht mehr, wo ich bin“, erklärt er. Und noch heute überrollt ihn der Kummer regelmäßig. Halt gibt dem jungen Mann ein ganzes Netz von Menschen, die ihn hier in der Region unterstützen: Dazu gehören sein ehemaliger Betreuer Theo Große Woestmann, seine Klassenleiter am Berufskolleg, der Schulleiter ebenso wie die Schulsozialarbeiterin und die Unterrichtsassistentin. Sie alle bilden das Mosaik, das Mouminy Hilfe und Halt bietet. Als Mouminy den Josef-Winck­ler-Preis im Juni entgegennahm, sagte er diesen Menschen mit zitternder Stimme ein Dankeschön ins Mikrofon. Und fügte hinzu: „Mein Wissen stammt nicht nur aus Büchern. Sondern von meinen Lehrern.“

Traum vom Abitur

Mit dem Hauptschulabschluss in der Tasche tritt Mouminy nun eine Ausbildung als Sozialassistent an, die ihm das Berufskolleg anbietet. Danach, in zwei Jahren, winkt auch der Realschulabschluss – „und irgendwann ja vielleicht sogar das Abitur. Ich würde gern studieren.“ Am meisten inter­essiert ihn die Medizin. Er wäre gern Rettungssanitäter – davon zeugt ein ganzer Malblock voller anatomischer Skizzen.

Verliebt in die deutsche Sprache

Wenn Mouminy heute in seinem Zimmer sitzt und auch die Urkunde an der Wand ihn nicht aufheitern kann, dann schreibt er. Denn über das, was er erlebt hat, möchte der junge Mann ein Buch verfassen. „Ich habe schwierige Sachen erlebt, aber auch so nette Menschen getroffen“, sagt er. Einen ganzen Stapel Seiten hat er bereits vollgeschrieben, sie sind das Relikt seiner langen Reise und seines Lernens. Einen Titel trägt das halbfertige Buch bereits. Es heißt: „Mouminy verliebte sich in die deutsche Sprache.“

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