Wie ein junges Paar trauert
Lotta atmet nicht: Baby starb kurz vor der Geburt

Tecklenburg -

Als die Schmerzen kamen, dachten Jacqueline und ihr Mann Patrick an Wehen. Voll freudiger Erwartung fuhren sie ins Krankenhaus - und erfuhren, dass ihr Baby im Bauch gestorben ist. Das Unfassbare fassen - die Trauerarbeit ist ein langer Weg.

Freitag, 09.08.2019, 06:20 Uhr
Das Grab ist bunt, und Bruder Moritz geht gerne hin: Lotta wurde in einer Urne auf einem Friedhof beerdigt.
Das Grab ist bunt, und Bruder Moritz geht gerne hin: Lotta wurde in einer Urne auf einem Friedhof beerdigt. Foto: Wilfried Gerharz

Der rosafarbene Fußboden war verlegt und Lottas Name stand an der Tür ihres künftigen Kinderzimmers, als spät abends die Schmerzen kamen. Wehen? Jacqueline (33) und ihr Mann Patrick (29) fuhren ins Krankenhaus, in freudiger Erwartung. Noch eine Handy-Nachricht: Es geht los! Dann ging plötzlich alles ganz schnell. CTG-Untersuchung, kein Herzschlag, sofort in den Operationssaal. Lotta kam tot auf die Welt.

Gestorben, bevor sie die Augen auch nur ein einziges Mal hätte aufschlagen können. Zurück blieben Vater, Mutter, der dreijährige Bruder – und eine unendliche Trauer. Damit umzugehen, ist alleine fast unmöglich. Deshalb gibt es Leute wie Uli Michel aus Tecklenburg: Hebamme, Trauma-Fachberaterin und Hospizkoordinatorin. Sie hilft. Und plant nun eine überregionale Sternenkinder-Beratungsstelle.

Und so kamen auch Jaqueline und Patrick irgendwann zu Uli Michel nach Tecklenburg und erzählten erstmal ihre Geschichte.

Die Plazenta hatte sich gelöst

Es waren noch fünf Wochen bis zum errechneten Geburtstermin, als am 30. Dezember 2018 die Schmerzen kamen. Doch es waren keine verfrühten Wehen, wie zunächst gedacht. Im Krankenhaus stellte sich heraus, dass sich die Plazenta gelöst hatte. Damit war das Baby im Bauch nicht mehr unter anderem mit Sauerstoff versorgt – und gestorben. Außerdem führte die Ablösung zu inneren Blutungen. Etwa zwei Liter Blut hat Jaqueline so verloren. Ein Notfall: Die Ärzte holten das tote Baby und kämpften fortan um das Leben der Mutter, während Ehemann Patrick verzweifelt wartete.

Eine Dreiviertelstunde, nachdem das Paar voller Hoffnung im Krankenhaus erschienen war, war alles vorbei. Jaqueline wachte wieder auf.

Lotta nicht.

„Ein komplett fertiges Kind, das nur nicht geatmet hat“

Noch in der Nacht wurde das Baby zur Mutter gebracht. „Ein komplett fertiges Kind, das nur nicht geatmet hat“, beschreibt es Patrick. Und seine Frau erinnert sich: „Manchmal habe ich mit Lotta gesprochen – und dann habe ich wieder gedacht: Bist du eigentlich verrückt?“

Drei Tage lang blieb das Mädchen im Beistellbettchen bei der Mutter. „Wir haben hauptsächlich geweint“, sagt sie heute. Vom Klinikpersonal fühlten sie sich gut begleitet und dennoch konnten sie die Dimension der Trauer, die noch kommen würde, nicht erfassen. Und dann gab es neben der eigenen Trauer plötzlich so viel zu organisieren. Die beiden hatten noch nie einen Bestatter bestellt. Lotta sollte noch getauft werden. Sohn Moritz sollte seine Schwester sehen – um sich direkt wieder von ihr verabschieden zu können. Eine Beerdigung wollte geplant werden.

Trauerfeier

Schließlich legte Jaqueline ihre Tochter selbst in den Sarg. Die Urne wurde am 10. Januar 2019 beigesetzt. Nicht allzu leise sollte die Trauerfeier sein, sondern mit vielen Kindern und rosa Luftballons, an denen Wünsche in den Himmel stiegen. Das Grab ist knallbunt, und Moritz geht gerne hin. „Er ist ein so stolzer großer Bruder!“ Auf der Bank nebenan darf er immer ein Picknick machen, und manchmal sagt er: „Wir müssen Lotta noch etwas zu trinken bringen!“

Seelsorger wussten auch nicht weiter

„Sie ist nach wie vor Teil unseres Lebens“, sagen Jaqueline und Patrick. Lotta starb vor mehr als einem halben Jahr – „aber es ist nicht vorbei“. In der Akutphase schauten Psychologen und Seelsorger vorbei. „Die waren aber auch am Ende mit ihrem Latein“, haben die jungen Eltern erfahren. Sie bekamen einen Segen, sie bekamen auch Globulis – und doch waren sie allein.

Geholfen haben dann Einzelgespräche mit der Trauma-Beraterin, später auch Treffen in einer Gruppe. „Die, die auch sowas erlebt haben, verstehen es einfach leichter“, sagt Jaqueline. Während Freunde und Bekannte oft auch nicht wüssten, was sie sagen sollen.

Die Liebe bleibt

Inzwischen stehe die Trauer nicht mehr so sehr im Mittelpunkt ihres Lebens wie anfangs. Die Gedanken an Lotta kommen jeden Tag, aber nicht mehr in jeder Minute. „Es geht immer nur in kleinen Schritten weiter“, hat Uli Michel in den fünf Jahren gelernt, in denen sie Menschen in dieser Situation begleitet. „Aber noch ist jeder da rausgekommen.“ Denn eins ist für sie klar: „Der Tod ist das Ende des Lebens, aber nicht das Ende der Liebe.“

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