Psychosoziale Unterstützung für Einsatzkräfte
Hilfe für die Helfer

Borken -

Seelsorgerische Betreuung für Opfer und Angehörige gibt es schon lange. Aber was ist mit den Helfern? Sie bekommen die Bildern von sterbenden Kindern und toten Opfern oft nicht aus dem Kopf. Auch ihnen wird geholfen: Die Psychosoziale Unterstützung von Rettungskräften wird überall ausgebaut. Ein Besuch in Borken.

Donnerstag, 15.08.2019, 09:00 Uhr aktualisiert: 15.08.2019, 09:06 Uhr
Hauptfeuerwehrmann Hendrik Spöler (links) und Hauptbrandmeister Michael Köjer von der Feuerwehr Borken kümmern sich um die Psychosoziale Unterstützung (PSU) für Einsatzkräfte.
Hauptfeuerwehrmann Hendrik Spöler (links) und Hauptbrandmeister Michael Köjer von der Feuerwehr Borken kümmern sich um die Psychosoziale Unterstützung (PSU) für Einsatzkräfte. Foto: Gunnar A. Pier

Michael Köjer ist 58 Jahre alt, seit 43 Jahren Feuerwehrmann, er hat schon alles gesehen. Doch wer ihn nach besonders belastenden Einsätzen fragt, sieht, dass in ihm wieder Bilder hochkommen.

Der Anblick des Mannes, der mit 64 Messerstichen umgebracht wurde.

Das Gesicht des Kindes, das von einem Trecker überrollt wurde.

Die Verzweiflung der Mütter, die den plötzlichen Kinds­tot nicht fassen konnten.

Das belastet. Und deshalb gibt es heute nicht nur Hilfen für Opfer und Angehörige, sondern auch Psychosoziale Unterstützung (PSU) für Einsatzkräfte. Michael Köjer koordiniert sie im Kreis Borken.

Der Schlüsselmoment

Es gibt ihn tatsächlich, diesen Einsatz, der zum Schlüsselmoment wurde und Köjers PSU-Engagement begründete. Es muss so vor 26 Jahren gewesen sein, erinnert er sich. Zusammen mit einem Kameraden kam Michael Köjer in eine Wohnung, in der ein Vater gerade verzweifelt versuchte, sein Kind zu reanimieren. Köjers Kollege verließ direkt die Szene. Er müsse das Notarztfahrzeug einweisen, sagte er – aber er wollte nur fliehen. Michael Köjer brachte das Kind in den Rettungswagen auf der Straße. Als der Notarzt auch dort nur den Tod feststellen konnte, wurde der Leichnam an einen Bestatter übergeben.

„Wo ist der Fehler?“, fragt er.

Michael Köjer wollte mehr lernen

Die Antwort kann er heute liefern: Er hätte den Eltern die Möglichkeit geben müssen, sich zu verabschieden, den Tod des Kindes zu begreifen. So aber stand eine verzweifelte Mutter am Fenster und rief: „Die nehmen mir mein Kind weg!“ Da merkte der junge Feuerwehrmann, dass er lernen will, wie er in solchen Situationen mit den Menschen umgehen muss. Mit den Angehörigen genauso wie mit seinem Kameraden.

„Früher wurden wir alleingelassen, man konnte mit niemandem drüber reden“, erinnert sich der Hauptbrandmeister heute. Keiner wollte Schwäche zeigen. „Nach dem Einsatz kam eine Flasche Schnaps auf den Tisch, und die Sache war ­erledigt.“ Heute gibt es alleine im Kreis Borken 70 Aktive bei den Feuerwehren, die sich um die PSU-Arbeit kümmern.

Prävention

Die beginnt schon weit vor den möglicherweise verstörenden Erlebnissen im Einsatz. Zur Präventionsarbeit gehört es, die Helfer darauf vorzubereiten, dass sie traumatisiert werden könnten. Denn nur wenn sie wissen, was mit ihnen los ist, können sie gegebenenfalls richtig reagieren. Dazu gehört, Hilfe anzunehmen. Dazu gehört aber auch, selbst zu erkennen, dass man an seine Grenzen stößt. „Die Leute müssen sich trauen zu sagen: Ich kann das heute nicht“, erklärt Hendrik Spöler, Hauptfeuerwehrmann und PSU-Helfer. Dann muss an diesem Tag ein anderer mit der Rettungsschere den Verletzten aus dem Autowrack befreien oder das schwer verletzte Kleinkind die Treppe runtertragen.

Psychosoziale Unterstützung im Münsterland

Die Psychosoziale Unterstützung (PSU) gehört inzwischen in allen Feuerwehren zum Standard. In den Münsterland-Kreisen gibt es Unterschiede:

► KreisBorken: Rund 70 Aktive gibt es in den 17 Wehren. Sie arbeiten gut koordiniert und helfen sich gegenseitig. Michael Köjer etwa arbeitet mal im Rettungsdienst, mal fährt er löschen – und manchmal ist er als PSU-Koordinator im Einsatz.

► KreisCoesfeld: Unter den 1400 Einsatzkräften in elf Feuerwehren sind etwa 20 PSU-Kollegen. Auch hier gibt es Prävention ebenso wie Hilfe während und nach den Einsätzen.

► KreisSteinfurt: Mit einem eigenen Flyer macht die PSU-Regionalgruppe der Feuerwehren im Kreis Steinfurt auf die eigene Arbeit aufmerksam. Auch hier haben sich Aktive eigens für diese Arbeit fortbilden lassen.

► KreisWarendorf: Im Januar 2019 hat sich ein PSU-Team gebildet, das noch im Aufbau ist. Viele haben die Ausbildung noch vor sich, zum Team gehören vier Psychologen.

► Stadt Münster: Seit 2003 gibt es in Münster ein PSU-Team mit heute zehn Kollegen. Es wird durch die betriebliche Sozialarbeiterin der Stadt sowie den Fachberater Seelsorge der Feuerwehr ergänzt. (gap)

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PSU-Teams sind vor Ort

Bei schweren Einsätzen sind inzwischen immer auch Kräfte vor Ort, die sich ausschließlich um die PSU kümmern. Dazu gehört, die Arbeit vor Ort so zu organisieren, dass die Gefahr von Traumata so klein wie möglich bleibt. Schließlich gilt: „Was man nicht sieht, muss man nicht verarbeiten.“ Wer gerade nicht gebraucht wird, kann besser hinter dem Bulli warten: „Wenn zwei Kameraden einen rausschneiden, muss ich nicht zugucken“, sagt Spöler. Das Bild kann man sich sparen. Die PSU-Teams sorgen dafür, bauen etwa ein Zelt auf, in dem die Kameraden sich vielleicht gar mit Doppelkopf vom Geschehen ablenken können.

"Normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis"

Und wenn ein Kamerad im Einsatz sich komisch verhält, etwa plötzlich Scherben zusammenfegt, statt den Verletzten zu bergen, müssen die PSU-Akteure das sehen und ihn ansprechen. „Das ist eine normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis“, erklärt Michael Köjer. Der kehrende Kamerad reagiert wie sein Kollege vor Jahrzehnten, der den Notarztwagen einweisen wollte: Unbewusst versucht er, zu fliehen.

Wichtig ist im Anschluss an heikle Einsätze eine moderierte Nachbesprechung. Alle müssen wissen, was passiert ist und wer wann wie und warum gehandelt hat. „Den Einsatz rund machen“, nennt es Michael Köjer. Und dabei steht längst keine Flasche Schnaps mehr auf dem Tisch.

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