Die Zeiten ändern sich
Phänologischer Kalender aus dem Takt

Münsterland -

Die Minute hat 60 Sekunden, die Stunde 60 Minuten, der Tag 24 Stunden, die Woche sieben Tage und das Jahr zehn „phänologische Jahreszeiten“ – zumindest dann, wenn einzig die im Jahresablauf periodisch wiederkehrenden Entwicklungserscheinungen in der Natur berücksichtigt werden. Und genau diese Zeitrechnung kommt gerade mächtig aus dem Takt.

Sonntag, 18.08.2019, 12:17 Uhr aktualisiert: 18.08.2019, 12:59 Uhr
Die Zeiten ändern sich: Phänologischer Kalender aus dem Takt
Blühender Flieder ist ein untrügliches Kennzeichen für den Frühling. In jüngster Zeit hat sich seine Blüte etwa zwei Wochen nach vorn verschoben. Foto: Colourbox

Der phänologische Kalender war und ist noch immer hilfreich, um im Gartenbau oder in der Landwirtschaft die beste Zeitspanne zu ermitteln, wann und vor allem was jeweils anzupflanzen beziehungsweise auszusäen ist. So kann zum Beispiel die Packungsangabe eines Saatgutes lediglich „beste Saatzeit Ende April“ angeben. Das ist allerdings nicht viel mehr als ein Anhaltspunkt. Denn der beste Zeitpunkt der Aussaat wird von den jeweiligen Witterungsverhältnissen bestimmt. So kann ein langer Winter, früher Frühling oder trockener Sommer den Zeitpunkt für Saat sowie Ernte nach vorne oder hinten verschieben.

Das Eintreten der phänologischen Jahreszeiten hängt stark von den lokalen Begebenheiten ab und kann in mehreren Folgejahren starken Schwankungen unterliegen. Dadurch ist es nahezu unmöglich, einen phänologischen Kalender mit den herkömmlichen astronomischen und meteorologischen Jahreszeiten zu vergleichen. Bis heute sind es aber gerade diese zehn Jahreszeiten, die es vor allem den Landwirten erleichtern, zu erkennen und zu beurteilen, welche Arbeiten für einen Landstrich anfallen.

Das Problem ist nur, das sich die seit Jahrzehnten bewährte Methode und die daraus entstandene Routine in den vergangenen Jahren massiv verändert hat. Ob es nun Klimawandel oder anders genannt wird. Fakt ist, dass die Winter immer kürzer und milder und Frühling und Sommer immer länger werden, mit teils gravierenden Folgen für Flora und Fauna – und am Ende auch für uns Menschen.

Beobachter, die ihr Handwerk verstehen

Seit nunmehr 51 Jahren ist Richard Bergermann regelmäßig unterwegs und unternimmt für den Deutschen Wetterdienst (DWD) phänologische Untersuchungen. „Die hatten damals in der Verwaltung angefragt, ob die wen hätten, der diesen Job machen kann“, erinnert sich der ehemalige Stadtgärtnermeister. „Das ist ja keine Aufgabe für Laien. Da sollte zum einen der Beobachter sein Handwerk und noch wichtiger seine Umwelt sehr gut kennen, und zum anderen hilft es, wenn diese Person zudem viel draußen ist – an verschiedenen Orten.“ Richard Bergermann lebt und arbeitete in Hamm- ­Heessen.

Und er kann das bestätigen, was bei vielen oftmals nur als vages Bauch­gefühl wahrgenommen wird. „Ja, da passiert gerade richtig viel. 45 Jahre blühte der Flieder immer um den Muttertag herum. Seit ein paar Jahren ist er aber rund zwei Wochen früher in Blüte. Und das gilt auch für all die anderen Pflanzen in unseren Breiten.“ So ist es dann auch kein Wunder, dass auch die Getreideernte früher stattgefunden hat als sonst. „Wir Landwirte scheinen uns mehr und mehr daran gewöhnen zu müssen, dass alte Regeln und Routinen im Jahresablauf so nicht mehr passen“, sagt dazu Paul Verenkotte, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsverbandes Ostbevern.

45 Jahre blühte der Flieder immer um den Muttertag herum. Seit ein paar Jahren ist er aber rund zwei Wochen früher in Blüte.

Richard Bergermann

Für die Natur hat die Veränderung der phänologischen Uhr in besonderem Maße Auswirkungen auf den Winter. „Wann hatten wir denn das letzte Mal einen richtigen Winter? Ich kann mich noch erinnern, da war der Boden bis zu 70 Zentimeter tief gefroren. Und heute? Nehmen wir nur den vergangenen Winter, also diese milden Wochen zwischen Herbst und Frühling“, sagt Richard Bergermann. Das wiederum hat dann Auswirkungen auf Lebensgemeinschaften und ganze Ökosysteme, die sich neu ausrichten müssen. Und auch wir Menschen müssen uns den Begebenheiten anpassen.

Die Zeiten für Flora und Fauna ändern sich

Dabei scheint es die Tierwelt noch nicht ganz so sehr zu treffen, wie Andreas Schneider vom Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Landesjagdverband Nordrhein-Westfalen mitteilt. „Unsere Wildtiere sind kurzfristig vom Klimawandel weniger betroffen als Pflanzen, weil sie sich fortbewegen und beispielsweise bei Trockenheit zu einem Gewässer wandern können.

Zudem haben unsere Wildtiere zahlreiche Strategien entwickelt, um mit Hitze und Trockenheit umzugehen“, teilt er im Gespräch mit. „Zu erwarten ist allerdings, dass durch den Klimawandel auch andere Parasiten und Krankheiten auf unsere Wildtiere zukommen.“ Allerdings sei es vorschnell und unseriös, auf Basis der jüngsten Ereignisse schon heute einen Ausblick auf zukünftige Tierzusammensetzungen in unseren Breitengraden rückzuschließen, so Schneider. „Es haben sich ja auch andere Einflussfaktoren massiv geändert, beispielsweise durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft.“ Unabhängig davon, wie und wem die phänologische Uhr geschlagen hat, mahnt der Sprecher des Landesjagdverbandes jeden zu einem achtsamen Umgang mit der Natur – und zwar immer. „Darum bitten wir alle Erholungssuchenden.“

Was man über den Eichenprozessionsspinner wissen sollte

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  • Im Münsterland breitet sich der Eichenprozessionsspinner in diesem Jahr besonders aus. Der Körper der bis zu fünf Zentimeter langen Raupe ist mit gefährlichen Brennhaaren übersät. Die Raupe ist an einem schwarz-braunen Streifen auf dem Rücken zu erkennen.

    Foto: Patrick Pleul (dpa)
  • Hauptsächlich an Eichen, manchmal aber auch an Hainbuchen spinnen die Raupen ihre Nester.

    Foto: Michael Schwakenberg
  • Aus Gelegen von 100 bis 200 Eiern schlüpfen Anfang Mai kleine Larven, die bis zur Verpuppung fünf bis sechs Stadien durchlaufen. Nach der Verpuppung ist das Tier ein brauner, unscheinbarer Nachtfalter.

    Foto: Bodo Marks (dpa)
  • Im „Gänsemarsch“ gehen die Raupen auf die Suche nach Nahrung – bevorzugt Eichenblätter. Durch diese „Prozession“ sind die Tiere zu ihrem Namen gekommen.

    Foto: Peter Roggenthin (dpa)
  • Ab dem dritten Stadium entwickeln sich bei den Larven Brennhaare mit Widerhaken, die ein Nesselgift (Thaumetopoein) enthalten. Bei unmittelbarem Kontakt kann das zu Hautentzündungen führen, bei empfindlichen Menschen auch zu allergischen Reaktionen. Typische Symptome sind Juckreiz, Hautrötung und Bläschen. Die Beschwerden klingen meist nach wenigen Tagen ab.

    Foto: Bernd Schäfer
  • Wer ein Nest entdeckt, sollte es deshalb nicht anfassen, sondern eine Fachfirma mit der Entfernung beauftragen, raten Behörden.

    Foto: hbm
  • So sieht ein entferntes Nest aus. Hohe Temperaturen und wenig Regen im Mai und Juni begünstigen die Verbreitung der Raupen.

    Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Dennoch, die Zeiten für Flora und Fauna ändern sich, oder vielmehr die regionalen Rahmenbedingungen. So werden die Auswirkungen des Klimawandels unter anderem in der Forstwirtschaft zu einem langfristigen Wechsel in der Baumartenzusammensetzung der Wälder führen. Die aktuelle ­Käferplage in den Fichtenwäldern oder die Plage mit dem Eichenprozessionsspinner sind da nur zwei von sehr vielen deutlichen Vorboten.

Die Phänologie und ihre Uhr

Phänologie kommt aus dem Griechischen und ist die „Lehre von den Erscheinungen“. Gemeint sind die periodischen Wachstums- und Entwicklungserscheinungen aller pflanzlichen und tierischen Lebewesen in ihren zeitlichen Abhängigkeiten. Die Phänologie untersucht die Entwicklung der Pflanzen und Tiere im Jahresablauf indem sie die Eintrittszeiten auffälliger Erscheinungen notiert.

Die phänologische Uhr ist in zehn „phänologische Jahreszeiten“ eingeteilt. Dabei steht die Farbe Grün für den Frühling, Rot für den Sommer und Gelb für den Herbst. Diese drei Jahreszeiten sind noch einmal in drei weitere Jahreszeiten eingeteilt. Die Dauer jeder Jahreszeit wird in einzelnen Tagen gemessen. Jeweils Früh-, Voll- und Spät-Jahreszeit – der Frühling beginnt mit dem Vorfrühling, nicht mit dem Frühfrühling. Der Winter ist hingegen auch in der Phänologie nur ein in sich geschlossener Monat, ruht in dieser Zeit doch alles.

Ein Blick auf die hier aufgeführte Uhr zeigt deutlich, dass der Vorfrühling deutlich eher beginnt als noch vor einigen Jahrzehnten. Dadurch wird die Entwicklung in der Natur auch entsprechend früher angestoßen und alles erwacht zeitiger aus dem Winterschlaf. Das wiederum hat zur Folge, dass der Sommer aus phänologischer Sicht bereits Mitte Mai beginnt. Auch der Herbst startet früher und dauert ebenso wie der Frühling länger, so dass der Winter seit wenigen Jahren um insgesamt rund drei Wochen kürzer ausfällt als noch in den 1960ern und 1970ern Jahren. Da viele Tiere auf Pflanzen und ihre Blüten sowie Früchte angewiesen sind, müssen auch sie sich neu organisieren und lernen, mit den neuen Bedingungen klarzukommen.  www.dwd.de

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