Interview mit Willi Kemper
So hat ein Wehrführer den Großbrand in Emsdetten erlebt

Emsdetten -

Der Großbrand auf dem Gelände des Entsorgungsbetriebs an der Gutenbergstraße hat die Stadt Emsdetten in Atem gehalten. Für Willi Kemper war es einer der größten Einsätze, die er geleitet hat. Am Donnerstag, kurz vor dem turnusmäßigen Übungsabend der Wehr, hat er sich Zeit zu einem Gespräch mit unserem Mitarbeiter genommen.

Samstag, 17.08.2019, 10:00 Uhr
Interview mit Willi Kemper: So hat ein Wehrführer den Großbrand in Emsdetten erlebt
Für Einsatzleiter Willi Kemper war der Einsatz am Montag „eine Herausforderung“. Foto: Jens Keblat

Feuer bleibt Feuer. Aber wie verändert sich ein Feuerwehreinsatz, je größer ein Feuer wird?

Kemper: Dieser Einsatz war eine Herausforderung. Auf der Anfahrt war es schon so, dass man von allen Seiten die große Rauchwolke sehen konnte. Ich habe auf der Anfahrt schon das Alarmstichwort erhöht, als ich dann vor Ort war, habe ich sofort Vollalarm für Emsdetten gegeben und die ersten Kräfte aus Greven nachbestellt.

Dann entwickelt sich das. Die erste Entscheidung war: Wie löschen wir überhaupt? Ich habe mich dann innerhalb von ein paar Minuten entschieden, einen Schaumeinsatz zu fahren. Das Problem dabei ist immer: Wenn man damit anfängt, dann kann man damit auch nicht aufhören.

Wenn man dann Wasser auf den Schaum kippt, ist dieser wieder zerstört. Wir wussten von Anfang an, dass wir große Schaum-Reserven brauchen würden. Darum haben wir uns auch frühzeitig um Nachschub gekümmert.

Der zweite Gedanke geht natürlich immer auch an die Umwelt, denn das war ja dicker schwarzer Qualm. Da habe ich eigentlich ziemlich schnell reagiert, indem ich eine Viertelstunde nach meinem Eintreffen bereits das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) bestellt habe, damit die uns helfen. Auch die Messtrupps des Kreises Steinfurt waren schnell da.

Feuer bei Entsorgungsunternehmen Lohmann

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  • Feueralarm am Montagmittag in Emsdetten.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Auf dem Gelände des Entsorgungsunternehmen Lohmann an der Gutenbergstraße sind Textilien und Gelbe Säcke in Brand geraten.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Durch den Brand entstand eine weiträumig sichtbare schwarze Rauchwolke.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die Behörden empfehlen Anwohnern in Emsdetten Türen und Fenster geschlossen zu halten.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die Polizei hat den Bereich Gutenbergstraße/Robert-Bosch-Straße weiträumig abgesperrt und den Verkehr umgeleitet.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Mitarbeiter des Unternehmens waren nach ersten Erkenntnissen der Polizei nicht in Gefahr.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Foto: Wilfried Gerharz
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  • Foto: Wilfried Gerharz
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  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Foto: Wilfried Gerharz

Dann war natürlich die große Menge die Herausforderung – das waren ja über 30.000 Kubikmeter –, die da gebrannt haben. Wir kennen das Gelände, deshalb wusste ich, dass im hinteren Bereich ein Gefahrstofflager ist, da hatte ich erst die Befürchtung, dass das Feuer darauf zuläuft. Darauf hin habe ich dann Kameraden hingeschickt, die eine Riegelstellung eingerichtet haben, sodass das Lager zu keinem Zeitpunkt in Gefahr war.

Stichwort soziale Medien: Da kursierten neben Fotos direkt vom Ort des Geschehens, teilweise noch ohne Feuerwehr am Ort, auch recht schnell panikmachende Halbwahrheiten über die potenziellen Umweltgefahren. Wie nimmt man das als Einsatzleiter wahr?

Kemper: Es ist so, dass wir in den sozialen Medien auch viel gelobt werden. Teilweise werden wir als Helden bezeichnet. Einen Heldenstatus will ich gar nicht haben. Was mir überhaupt nicht gefällt, ist der unterschwellige Ton. Dass gesagt wird, wir würden verschweigen, wie gefährlich der Qualm ist oder ob das Wasser belastet ist. Diese Zeiten sind lange vorbei. Wir halten nichts hinterm Berg.

Vor Jahrzehnten ist so etwas vielleicht unter der Decke gehalten worden, aber gerade ich bin der Meinung, dass wir 100-prozentig informieren und überhaupt nichts verschweigen. Ich bin der Letzte, der da etwas verschweigen würde. Wir können natürlich nur das wiedergeben, was uns die Experten sagen. Und vom LANUV gab es eine erste Einschätzung bereits am nächsten Morgen.

Auch der Bürgermeister wurde teilweise in den sozialen Medien angegriffen. Dabei bedient er sich der Ergebnisse, die die Feuerwehr und das LANUV liefern. Deshalb kann ich die Vorwürfe nicht verstehen, denn da geht’s ja auch um unsere eigenen Einsatzkräfte, die vor Ort noch viel mehr belastet waren mit dem Qualm.

Umliegende Firmen trugen bei dem Brand zur Infrastruktur des Einsatzes bei. Wie lief das genau ab?

Kemper: Das Ordnungsamt, der Bürgermeister und der Erste Beigeordnete waren ziemlich schnell und auch lange da. Die haben uns unterstützt und die Kontakte zur Industrie hergestellt. Die Firma Agtos war sofort bereit, uns Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen.

Ich habe ziemlich früh den Stab der Einsatzleitung des Kreises alarmieren lassen, die mich dann unterstützten. Das war eine sehr große Hilfe. Ich bin schon seit Jahrzehnten selbst Mitglied im Stab, darum weiß ich, wie die arbeiten. Das ist eine unheimliche Entlastung für den Einsatzleiter. Die machen die ganze Hintergrundarbeit und das hat auch gut funktioniert.

Spät abends hat es dann noch eine Pressekonferenz in der Betriebshalle von Gitterstar gegeben, das war schon ungewöhnlich. Wie kam das zustande?

Kemper:Das war dem geschuldet, dass ich zwischendurch, wenn ich mal ein bisschen Ruhe hatte und im Stab gesessen habe, auch die ganzen Facebook-Posts durchgelesen habe und da ging es ja auch um die Umweltschäden und die Gefahr für die Bürger. Ich habe dem Bürgermeister empfohlen, eine Pressekonferenz einzuberufen, um die Presse und die Öffentlichkeit einmal über den Einsatz und die Ergebnisse des LANUV zu informieren.

Stichwort Medien: Sie waren noch nie mit so vielen Interviewanfragen und Kameraleuten konfrontiert, wie bei diesem Brand. Wie fühlt sich das an, immer wieder vor der Kamera zu stehen?

Kemper: Das wird natürlich immer mehr – ich weiß auch nicht warum. Natürlich ist das Interesse an so einem Feuer groß.

Dass die Kameras bei jedem Einsatz schnell kommen, bin ich jetzt schon gewohnt, allerdings in der Menge habe ich das auch noch nicht erlebt. Aber das Recht der Öffentlichkeit für Informationen, das muss man befriedigen.

Es ist nichts schlimmer, wie das irgendjemand meint, dass wir etwas verschweigen. Es ist manchmal für einen Einsatzleiter lästig, aber wir gehen damit offensiv um. Die Öffentlichkeit sollte über so einen Vorfall vernünftig informiert werden.

Wie geht es eigentlich den beiden verletzten Kameraden und wie steht es um den Fahrzeugausfall?

Kemper: Den beiden geht es gut, von dem einen, der ins Krankenhaus eingeliefert wurde, habe ich schon abends eine Nachricht bekommen, dass er bereits wieder Zuhause ist. Er ist behandelt worden, hatte wohl einmal Rauch eingeatmet. Der zweite Kamerad hatte aufgrund der Anstrengung wohl abgebaut, der war nah am Feuer.

Der ist sofort wieder aufgepäppelt worden. Das liegengebliebene Fahrzeug hat einen Getriebeschaden und wird so schnell es geht repariert.

So ein Großeinsatz ist immer eine Teamleistung vieler Mitspieler auf dem Feld. Wie lief die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Behörden und Organisationen?

Kemper:Die Feuerwehren kommen untereinander sowieso immer hervorragend aus. Wir treffen uns ja auch regelmäßig, deshalb läuft diese Zusammenarbeit tadellos. Wir waren ja erst zwei Tage vor dem Brand bei einer nachbarschaftlichen Löschhilfe in Ibbenbüren bei einem großen Strohballenbrand.

Aber auch mit allen anderen Behörden und Organisationen ist das kein Problem. Der Einsatzleiter des Roten Kreuzes war vor Ort – ich glaube das Gespräch hat zwei Minuten gedauert, denn der wusste, was wir wollen. Das lief einwandfrei.

Das THW wiederum haben wir nur sehr selten in Emsdetten im Einsatz. Die haben für uns die Einsatzstelle ausgeleuchtet: Das hat hervorragend funktioniert.

Das LANUV war, glaube ich, zum ersten Mal in Emsdetten im Einsatz, die Mitarbeiter waren sehr hilfsbereit.

Wird irgendwann feststehen, was dieser Großeinsatz gekostet hat?

Das wird sicherlich irgendwann feststehen, ich habe alle Beteiligten aufgefordert, mir zu melden, was sie brauchen – auch ob Material kaputtgegangen ist oder ob etwas fehlt.

Es geht dabei auch um den Verdienstausfall der einzelnen Feuerwehrleute. Da kommen so langsam die Rechnungen, aber die Abrechnung dieses Einsatzes wird Monate dauern. Alleine die Menge an Schaummittel kostet rund 100.000 Euro.

Wie bei jeder ehrenamtlichen Einsatzkraft wird auch Ihre Tagesplanung eine andere gewesen sein. Wie haben Sie diesen Einsatz persönlich erlebt?

Kemper: Wenn der Melder geht und es zu Lohmann geht, denkt man natürlich erst an einen Container, der da brennt – das passiert schon mal. Wie ich dann aber ins Auto stieg und nach den ersten Metern schon die Rauchwolke sah und wo ich dann da war, habe ich nur gedacht: Mist, das dauert länger. Die Zeit ist ein hohes Gut und man konnte schon absehen, dass der Einsatz an diesem Tag nicht mehr beendet werden würde. Ich bin erst nachts um halb vier Uhr wieder zuhause gewesen und war bereits um 7 Uhr wieder vor Ort.

So ein Tag ist natürlich stressig, weil es von allen Seiten auf einen einfällt, jeder will etwas von dir. Da muss man dann zwischendurch mal abschalten und ganz alleine eine Tasse Kaffee trinken. Aber das ist nun mal so. Das arbeitet man dann ab.

Wenn sich die Kameraden, mal für zwei Stunden aus dem Betrieb rausziehen, ist das für jeweiligen Arbeitgeber meist kein Problem. Aber wie ist das eigentlich, wenn so ein Feuer 20 Stunden wütet und danach eine Ruhepause nötig ist?

Kemper: Wir haben in Emsdetten ganz wenige Probleme mit den Arbeitgebern, da muss ich alle Arbeitgeber loben. Wenn’s nicht geht, geht’s nicht – das sagen die uns auch. Grundsätzlich haben wir ein sehr gutes Verhältnis und gerade in so einem Fall sind alle bemüht, die Leute freizustellen. Die Stadt Emsdetten hat bei dem Verdienstausfall im vergangenen Jahr auch eine neue Satzung erlassen, die Arbeitgeber kriegen sogar ein bisschen mehr, als das, was sie ihren Leuten zahlen müssen. Aber ich glaube, dass das überhaupt nicht der Grund ist, nur ein Anreiz.

Der Brandeinsatz liegt einige Tage zurück. In welchem Stadium befindet sich die Wehr nach diesem Großeinsatz gerade?

Kemper: Im Moment sind wir dabei, alles zu sammeln. Von vielen Wehren haben wir inzwischen Meldungen erhalten, mit wie vielen Kräften sie vor Ort waren. Ich hatte gesagt, wir sind 180 Einsatzkräfte gewesen.

Die Zahl stimmt auch nach wie vor, allerdings werde ich die genaue Zahl erst in ein paar Tagen bekommen. Allein das Rote Kreuz war mit 25 Leuten da, das THW ebenso und auch die Polizei war stark präsent – das sind so Feinabstimmungen, die in den nächsten Wochen folgen. Wir sammeln wir auch die Zahlen, wie viel Schaum und Schläuche wir selbst eingesetzt haben und auch das wird sicherlich noch dauern.

Im Moment gehe ich davon aus, das wir ca. 28.000 Liter Schaummittel verbraucht haben, aber das sammeln wir jetzt erst, weil die fremden Feuerwehren natürlich auch alle Schaum von ihren Autos genommen haben. Das große Ganze dauert sicherlich noch Wochen, bevor wir das alles zusammen haben.

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