Die große Flaute
Auch im Münsterland werden immer weniger Windräder gebaut

Münsterland -

Der Windenergie-Branche geht die Puste aus. Immer weniger neue Anlagen werden gebaut. Gut so, sagen die Gegner, die auch im Münsterland immer mehr werden. Das verhin­dert aber die Energiewende, betont hinge­gen die Branche. Einen Hauptschuldigen für die Misere haben beide gefunden: die Politik, die entweder den Bau neuer Windräder nicht konsequent verhindert oder eben nicht ausreichend un­terstützt.

Donnerstag, 05.09.2019, 09:30 Uhr
Die Windenergie-Branche steckt in einer Krise. Es werden kaum noch Windräder gebaut.
Die Windenergie-Branche steckt in einer Krise. Es werden kaum noch Windräder gebaut. Foto: Wilfried Gerharz

Über 140 Vorrangzonen für Windräder mit einer Gesamtfläche von 8260 Hektar finden sich im 2015 verabschiedeten Regionalplan für den Regierungsbezirk Münster. Das ist mehr, als das Land damals verlangte. Und künftig vielleicht zu wenig. Weil Schwarz-Gelb 2017 in Düsseldorf Rot-Grün ablöste und der neue Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) in diesem Sommer die lang diskutierten 1500-Meter-Abstandsflächen zwischen Wohnbebauung und Windrad in den Landesentwicklungsplan (LEP) einzog. Bislang galten Abstände von 600 bis 800 Metern.

►  Die Ausgangslage:

Im Münsterland drehen sich derzeit etwas mehr als 880 Windkraftanlagen. Nach einem regelrechten Boom 2015/2016 werden immer weniger Neu- oder Ersatzanlagen beantragt. Dafür gibt es mehrere Gründe. Der entscheidende: Die derzeit für Windkraft-Anlagen zur Verfügung stehenden Flächen sind inzwischen weitgehend belegt, erklärt beispielsweise der Bau- und Umweltdezernent des Kreises Steinfurt, Carsten Rehers. In den anderen Kreisen sieht es nicht anders aus. Lediglich der Kreis Warendorf meldet „eine kontinuierliche Entwicklung“.

►  Die Windenergiebranche meint:

Nach Angaben der Windenergiebranche werden aus zwei Gründen derzeit kaum noch neue Windräder genehmigt. „Die neue Abstands-Regelung hat bei Gemeinden und Investoren zu einer immensen Verunsicherung geführt, sagt Yassine Mokdad von der Agentur Windregion Münsterland in Rheine. Zahlreiche Kommunen hätten darum ihre Flä chennutzungsplanverfahren auf Eis gelegt. „Bleibt der 1500-Meter-Abstand, wird es in 90 Prozent aller Münsterland-Gemeinden keine Windkonzentrationszonen mehr geben, sagt Christoph Austermann von der Projektberatungsgesellschaft „BBWind“ aus Münster. Im Übrigen spiele die Entfernung eine un­tergeordnete Rolle, ergänzt Christopher Giesken vom Windanlagenbauer CPD Germania in Rheine. „Wichtiger ist die Einhaltung von Lärm-Obergrenzen.“

Zweites Problem: Die Förderrichtlinien wurde geändert. Seit 2017 schreibt die Bundesnetzagentur Leistungen von Windkraftanlagen aus, auf die sich Investoren bewerben können, indem sie ein Gebot pro Kilowattstunde abgeben. „Das niedrigste Angebot bekommt den Zuschlag“, sagt Dr. Daniel Duben vom Projektentwickler ABO Wind AG. Ein solches Verfahren sei risikobehaftet und schrecke ab.

►  Das sagt das NRW-Wirtschaftsministerium:

Die Akzeptanz der Bevölkerung ist ein wesentlicher Faktor für die erfolgreiche Energiewende, sagt das Ministerium. Darum sehe der LEP auch die 1500-Meter-Grenze vor. „Dadurch wird ein Ausgleich zwischen den berechtigten Interessen der Anwohner und einem verantwortungsvollen Ausbau der Erneuerbaren Energie erzielt und die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöht.“

►  Die Position der Gegner:

Auch im Münsterland ist der Widerstand gegen neue Windkraftanlagen groß. Gabriele Schleiner engagiert sich für die Bürgerinitiative „Ge­gen­wind Havixbeck-Hohenholte“. „Wir kämpfen gegen drei geplante Windkraftmonster“, sagt sie. Neben Lärm, Schlagschatten und verändertem Luftdruck spreche ein weiterer Punkt gegen die Mühlen. „Die Baumberge- Region ist ein touristischer Raum, den lassen wir uns nicht zerstören.“

Kommentar zum Krisengipfel für die Windkraft

Kaum vermittelbar

Es ist paradox. Die Bundesregierung legt das zen­trale Thema Klimaschutz in Hände eines eigens berufenen Klima-Kabinetts. Und die Frage, wie der CO-Ausstoß effektiv gebremst werden kann, erlebt einen massiven Aufschwung. Das passt so gar nicht zu den Wasserstandsmeldungen aus der Windenergie-Branche: Die müsste und könnte boomen, durchläuft aber eine politisch verursachte und hausgemachte Rezession.

Die Ursache beginnt mit einem fatalen Konstruktionsfehler im von der Bundesregierung 2018 geänderten Ausschreibungsverfahren, das Großinvestoren mit Dumping-Kalkulationen einen roten Teppich ausgerollt hat, während kleinere – oft schon fertig geplante – Projekte den Kürzeren zogen. In NRW wird der Ausbau ausgebremst, weil die Landesregierung gegen alle Bedenken einen 1500-Meter-Abstand zu Wohnsiedlungen durchsetzen und zudem Windkraftanlagen aus den Wäldern verbannen will. Unfertige Stromtrassen aus dem Norden kommen oben drauf.

Mehr dezentrale Windräder im Inland sind zwingend erforderlich, um im Industrieland Deutschland die Energiewende zu schaffen. Dass es ausgerechnet jetzt einen Krisengipfel für die Windkraft braucht, ist da kaum vermittelbar.

von Hilmar Riemenschneider

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