Prozess wegen sexuellen Missbrauchs
Lebensgefährtin belastet Angeklagten

Gronau/Münster -

Mit einer Überraschung am Anfang und einer zum Ende des zweiten Prozesstages hat am Dienstag vor dem Landgericht Münster die Hauptverhandlung gegen einen 48-jährigen Mann begonnen.

Dienstag, 10.09.2019, 18:45 Uhr aktualisiert: 11.09.2019, 13:36 Uhr
Vor dem Landgericht in Münster muss sich ein 48-jähriger Mann verantworten, dem die Anklage sexuellen Missbrauch vorwirft.
Vor dem Landgericht in Münster muss sich ein 48-jähriger Mann verantworten, dem die Anklage sexuellen Missbrauch vorwirft. Foto: dpa

Mit einer Überraschung am Anfang und einer zum Ende des zweiten Prozesstages hat am Dienstag vor dem Landgericht Münster die Hauptverhandlung gegen einen 48-jährigen Mann begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, zwischen April 2008 und Juni 2015 die Tochter seiner Lebensgefährtin – zum Tatzeitpunkt lebten die drei in einer gemeinsamen Wohnung in Gronau – mehrfach sexuell missbraucht zu haben. Sechs einzelne Taten listete die Staatsanwältin während des Verlesens der Anklage auf.

Eigentlich war der erste Verhandlungstag am Dienstag vergangener Woche. Doch wegen akuter Bandscheibenprobleme war der Angeklagte nicht verhandlungsfähig. Als der Angeklagte am gestrigen Dienstag mit der gleichen Begründung wieder nicht vor Gericht erschien, zeigte der Vorsitzende Richter sich überrascht. Er überprüfte die medizinischen Unterlagen und ließ den Angeklagten dann, auf Antrag der Staatsanwältin, polizeilich vorführen. Am Mittag setzte sich der Angeklagte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Anklagebank, die Verhandlung konnte beginnen.

Die Befragung des Angeklagten erbrachte aber nicht viel, obwohl er sich durchaus zu den Beschuldigungen  äußern wollte. „Ich habe nichts gemacht, also schweige ich auch nicht“, sagte er zu Beginn seiner Anhörung. Doch dann konnte er selbst einfache Fragen nicht beantworten. „Ich habe einen totalen Blackout“, sagte er mehrfach. Das komme von den Rückenschmerzen und weil er auf die ganze Situation nicht vorbereitet sei. Genau das warf ihm der Vorsitzende Richter aber vor: Er sei verwundert, dass der Angeklagte so unvorbereitet sei, stamme die Anklage doch aus dem April 2017.

Als einzige Zeugin wurde die Lebensgefährtin des Angeklagten und Mutter des mutmaßlichen Opfers gehört. Gleich zu Beginn ihrer Aussage überraschte sie mit einem Bekenntnis: Anders als sie es seinerzeit bei der Polizei angegeben habe, habe sie ihren Lebensgefährten tatsächlich mal mit ihrer Tochter bei einer sexuellen Handlung im Badezimmer überrascht. Erst dank einer Therapie, die sie vor rund einem Jahr begonnen habe, habe sie heute den Mut, dies auszusagen. Sie sei nämlich selbst jahrelang von ihrem Vater missbraucht worden – und ihre Mutter habe davon gewusst, sie aber nicht geschützt. Und genau dieses Verhalten habe sie von ihrer Mutter übernommen, sodass sie sich für ihren Lebensgefährten und gegen ihre Tochter entschieden habe, als diese den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs gegen den heute 48-Jährigen erhoben habe. Noch heute lebt die Frau mit dem mutmaßlichen Peiniger ihrer Tochter zusammen. Sie stellte aber in Aussicht, dass sich das in naher Zukunft ändern könnte.

„Ihre Lage hat sich durch die Aussage Ihrer Lebensgefährtin nicht verbessert“, sagte der Vorsitzende Richter zum Angeklagten und legte ihm nahe, ein Geständnis abzulegen, wenn es etwas zu gestehen gebe. Nur wenn das Geständnis so früh komme, dass dem mutmaßlichen Opfer eine Aussage als Zeugin vor Gericht erspart bleibe, könne es eine erhebliche strafmildernde Wirkung entfalten. Der Angeklagte sah sich aber zum Zeitpunkt der Belehrung nicht zu einem Geständnis imstande.

Nach der öffentlichen Verhandlung ordnete die Kammer dann noch einen Haftbefehl gegen den Angeklagten an. Durch die Aussage der Zeugin sei er nun dringend tatverdächtig, und weil der Mann Niederländer ist, befürchtet die Kammer, er könnte sich durch Flucht dem Strafverfahren entziehen wollen.

Die Verhandlung vor dem Landgericht wird am Freitag (13. September) fortgesetzt.

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