Genaue Kenntnisse Fehlanzeige
Bulgaren in Lengerich: Situation mit der prekären Lage in Osnabrück vergleichbar?

Lengerich/Osnabrück -

In Osnabrück hat die Polizei herausgefunden, dass viele Bulgaren, die in der jüngeren Vergangenheit in die Stadt gezogen sind, Opfer von Straftaten werden. Auch in Lengerich gibt es eine große Gruppe Bulgaren. Passiert hier ähnliches? Wohl nicht in dem Ausmaß, aber möglicherweise in Einzelfällen.

Mittwoch, 18.09.2019, 05:33 Uhr aktualisiert: 18.09.2019, 11:10 Uhr
Genaue Kenntnisse Fehlanzeige: Bulgaren in Lengerich: Situation mit der prekären Lage in Osnabrück vergleichbar?
Foto: dpa (Symbolbild)

In Lengerich sind nach Angaben der Stadt aktuell 307 Menschen gemeldet, die die bulgarische Staatsbürgerschaft haben. Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Als EU-Bürger genießen sie innerhalb der Europäischen Union Freizügigkeit bei der Wahl des Wohnsitzes und des Arbeitsortes. Zwar haben weder Polizei noch die Stadt Erkenntnisse darüber, dass zumindest ein Teil dieser Bevölkerungsgruppe dubiosen Machenschaften wie Mietwucher ausgesetzt ist. Aber in Einzelfällen gibt es Hinweise darauf, dass derartiges auch in Lengerich passiert. Wie jetzt bekannt geworden ist, haben Ermittlungen der Polizei in Osnabrück ans Licht gebracht, dass dort lebende Bulgaren offenbar in großer Zahl unter falschen Versprechungen ins Land gelockt und dann Opfer von Straftaten wurden.

Ausbeutung und „dubiose Banden"

Im Bericht der Neuen Osnabrücker Zeitung, der sich auf einen Fachartikel des Hauptkommissars Ralf Seiger bezieht, ist von Ausbeutung die Rede und davon, dass die Betroffenen in heruntergekommenen Wohnungen leben, „für die der Staat überteuerte Mieten zahlt. Und im Hintergrund stopfen sich dubiose Banden die Taschen voll.“

Umfassende Betreuung der bulgarischen Mitbürger

Die Verwaltung in Lengerich stellt auf Anfrage unserer Zeitung fest, dass es für die in der Stadt lebenden Bulgaren „eine sehr umfangreiche Betreuung“ gebe. „Auf den Schulbesuch der Kinder wird seitens der Stadt ein besonderes Augenmerk gelegt.“ Verwiesen wird zudem auf Peter Kossen. Der Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde ist Mitbegründer des Vereins „Würde und Gerechtigkeit“, der nun auch Büroräume an der Rahestraße hat, und seit Jahren anprangert, dass Arbeitnehmer aus Ost- und Südosteuropa in Deutschland immer wieder Ausbeutung und unwürdigen Lebensbedingungen ausgesetzt seien. Zuletzt war er im Frühjahr in einem Ratsausschuss, um über seine Erfahrungen zu berichten.

Leben in „prekären Verhältnissen"

Gefragt, ob Zustände, wie sie nun von der Polizei in Osnabrück aufgedeckt wurden, auch in Lengerich Realität seien, sagt Kossen gegenüber unserer Zeitung, dass er das nicht bestätigen könne. Aber es gebe durchaus Hinweise, die darauf hindeuten, dass Menschen aus Bulgarien in Lengerich teilweise in „prekären Verhältnissen“ leben. Der Pfarrer nennt als Beispiel einen Fall, in dem glaubhaft berichtet worden sei, dass eine Familie zusammen mit einer Reihe weiterer Personen in einer Wohnung untergebracht worden sei. „Die war dann offenbar richtig vollgestopft.“

In Osnabrück trat unter anderem zutage, dass vor allem Menschen, die zu einer türkisch sprechenden Minderheit in Bulgarien gehören, nach Deutschland gelockt wurden. Menschen mit bulgarischem Pass, die türkisch sprechen – auch das gibt es in Lengerich, ist in vertraulichen Gesprächen mit Leuten zu erfahren, die sich in dem Milieu auskennen. Sie erzählen, dass sie oftmals auf große Zurückhaltung, manchmal gar Skepsis stoßen, wenn sie das Gespräch mit diesen Personen suchen. Und es werden Indizien benannt, die darauf hindeuten, dass das Umfeld dieser Familien kaum als „normal“ bezeichnet werden kann.

Betroffene haben Skepsis vor Behörden

Auch Pfarrer Kossen weiß von diesen Schilderungen und sagt, dass er fest davon ausgehe, dass es beispielsweise das „Abgreifen von Sozialleistungen“ durch Hintermänner gebe. Doch das Vorgehen gegen diese Machenschaften sei schwer. Ein Grund sei, dass die Betroffenen aufgrund von Erfahrungen, die sie in ihrer Heimat gemacht haben, gegenüber offiziellen Stellen oft kein Vertrauen hätten. Zudem seien in Deutschland eine Vielzahl von Behörden auf die ein oder andere Art mit dem Thema befasst. Der Informationsaustausch unter ihnen, das habe ihm auch schon ein Staatsanwalt bestätigt, funktioniere jedoch nur mangelhaft.

Kossen sagt weiter, dass die Integration dieser Personengruppen bislang nur in kleinen Ansätzen gelinge. Dabei liege es nicht nur im Interesse der Betroffenen, sondern auch der Gesamtgesellschaft, dass die gelinge. „Sonst entsteht auf Dauer eine Parallelwelt. Das können wir nicht wollen.“

Ermittlungserfolg in Osnabrück

In Osnabrück gibt es inzwischen regelmäßige Treffen von Polizei, Ausländer-, Jugend-, Bau- und Finanzamt sowie Jobcenter und Finanzkontrolle Schwarzarbeit. Zu den Ermittlungserfolgen gehört unter anderem die Verurteilung eines Drahtziehers. Eine Person befindet sich laut NOZ auf der Flucht, ein Geschäftsmann ist wegen vorenthaltener Löhne und Sozialversicherungsbeiträge festgenommen worden, gegen eine Hauseigentümerin ermittelt die Steuerfahndung.

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