Pfarrer über Austritte und die möglichen Gründe
Die Tür zur Kirche ist nie ganz zu

Lüdinghausen -

Warum steigt die Zahl der Kirchenaustritte? Was bewegt den einzelnen Menschen, seiner Gemeinde den Rücken zu kehren? Pfarrerin Silke Niemeyer und Pfarrer Benedikt Elshoff wollen die Gründe wissen und haken nach – und bekommen oft die selben Antworten.

Samstag, 21.09.2019, 08:00 Uhr
Warum so manche Kirchenbank leer bleibt, dem wollen Pfarrer Benedikt Elshoff und Pfarrerin Silke Niemeyer auf den Grund gehen und haken bei Kirchenaustritten nach.
Warum so manche Kirchenbank leer bleibt, dem wollen Pfarrer Benedikt Elshoff und Pfarrerin Silke Niemeyer auf den Grund gehen und haken bei Kirchenaustritten nach. Foto: colourbox

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Aber warum eigentlich? Das wollen auch die Geistlichen in Lüdinghausen gerne wissen – und fragen direkt nach, wenn wieder Namen verlorener Gemeindemitglieder auf ihrem Schreibtisch landen.

„Allen, die ich nicht kenne, schreibe ich einen Brief“, informiert Silke Niemeyer, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde, die im vergangenen Jahr 60 Austritte zu verzeichnen hatte. „Wen ich kenne, den rufe ich an und frage, was los ist.“ So handhabt es auch Benedikt Elshoff, Pfarrer der katholischen St.-Felizitas-Gemeinde, und bringt so vor allem sein Bedauern zum Ausdruck, weist aber auch auf die Konsequenzen hin. „Man bleibt zwar getauft und kann immer zurück, verliert aber gewisse Rechte“, informiert er. Nach dem Austritt dürfe zum Beispiel kein Patenamt mehr übernommen werden. „Das darf nur ein Katholik, der auch in der Kirche ist.“ Es bestehe außerdem kein Recht mehr auf eine kirchliche Beerdigung.

Man bleibt zwar getauft und kann immer zurück, verliert aber gewisse Rechte.

Pfarrer Benedikt Elshoff

„Schade, dass es so wenige Rückmeldungen gibt“, bedauert der Pfarrer, der den Ursachen für den Rückzug aus der Kirche gerne auf den Grund gehen möchte. „Ich bin da immer für Ehrlichkeit.“ In den meisten Fällen tappe er aber im Dunkeln und könne nur vermuten, ob es an der Kirchenpolitik, den Missbrauchsskandalen, am Desinteresse oder am Geld liegt. „Ich höre oft: ‚Ich habe auch meinen Glauben, aber ich habe keine Verbindung zur Institution Kirche, und es ist auch eine finanzielle Sache.‘“, berichtet Niemeyer aus ihren Gesprächen. „Zunehmend in den vergangenen Jahren aber auch: ‚Mir fehlt nichts ohne Kirche.‘“

Letzteres findet sie „völlig okay. Wem ohne Kirche nichts fehlt, dem will ich das auch nicht einreden. Umso aufrichtiger sind die, die bleiben.“ Dabei spielt es für die Pfarrerin keine Rolle, ob die Menschen jede Woche den Gottesdienst besuchen oder nur einmal im Jahr. „Es gibt da eine große Bandbreite.“ Eine ähnliche Sicht hat Elshoff: „2018 hatten wir 84 Austritte, das ist im Moment die Spitze. Aber wir haben immer noch etwa 14 250 Katholiken in Lüdinghausen und Seppenrade, das ist schon eine ganze Menge. Davon tauchen im regelmäßigen Kirchenbetrieb vielleicht 2000 bis 3000 auf.“ Zu einem Großteil gebe es keine Berührungspunkte. „Es scheint eine Art der Bindung mit der Religion zu geben, die über einen regelmäßigen Kirchenbesuch hinausgeht“, schlussfolgert Elshoff und macht das unter anderem an den Hunderten von Kerzen fest, die angezündet werden. „Kirche begleitet viele Menschen durchs Leben, auch wenn sie nicht regelmäßig an den Gottesdiensten teilnehmen.“ Ein Beleg oder zumindest ein Indikator dafür: „Die Taufzahlen brechen nicht ein.“

Wem ohne Kirche nichts fehlt, dem will ich das auch nicht einreden.

Pfarrerin Silke Niemeyer

Eine Sache bewerten die beiden Geistlichen im Zusammenhang mit der steigenden Zahl der Kirchenaustritte sogar als positiv: „Es ist doch wunderbar, dass die Zeiten vorbei sind, dass man sich schämen muss, wenn man aus der Kirche austritt“, betont Niemeyer. Das klingt aus dem Mund einer Pfarrerin erstmal komisch. Was sie damit genau meint: „Inzwischen wird eher gefragt: ‚Was, du bist noch in dem Laden?‘“ Daraufhin müssten sich die, die mit dieser Frage konfrontiert werden, rechtfertigen – nicht nur vor denen, die sie gestellt haben, sondern auch vor sich selbst. „Sie überlegen, warum sie in der Kirche bleiben wollen“, beschreibt Niemeyer den Effekt. Außerdem zeige es, dass Kirche immer noch ein Thema ist. „Der gesellschaftliche Druck ist weg“, stellt auch Elshoff fest.

Beide bedauern, dass die Austritte über die Amtsgerichte laufen und nicht direkt über die Kirchengemeinden. Das das Geld als Steuer erstmal an den Staat fließt, erachtet Niemeyer ebenfalls als unglücklich. „Dieses System fördert die Entfremdung“, ist die Pfarrerin überzeugt. Besser als eine Kirchensteuer für die, die einer Gemeinde angehören, fände sie eine Kultursteuer, die alle zahlen müssen. „Bei der dann jeder entscheiden kann, ob das Geld an die Kirche geht oder zum Beispiel an Amnesty International.“

Zwingen, in der Kirche zu bleiben, wollen beide Pfarrer niemanden. „Das können wir auch gar nicht“, betont Elshoff. Er findet: „Jeder muss seinem Gewissen folgen.“ Und das führe so manchen, der ausgetreten ist, auch wieder zurück. „Wir haben jedes Jahr eine Handvoll Leute, die wieder eintreten“, berichtet Elshoff. Auch vor diesem Hintergrund seien ihm die Gespräche mit denen, die der Kirche den Rücken kehren, wichtig. Denn sie sollen wissen, dass die Tür nicht zu ist.

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