Abschied vom Herrn Pfarrer
Geistliche kehren ihren Gemeinden verstärkt den Rücken

Münsterland -

Die Belastung vieler Pfarrer ist groß. Fusionen, Priestermangel, neue Herausforderungen. Verstärkt bitten sie den Bischof um Auszeiten. Das zeigt: Ihre Rolle wird bald eine andere sein.

Dienstag, 24.09.2019, 17:17 Uhr aktualisiert: 24.09.2019, 19:10 Uhr
Abschied vom Herrn Pfarrer : Geistliche kehren ihren Gemeinden verstärkt den Rücken
Karl Render (oben links), Markus Dördelmann (oben rechts), Heinrich Hagedorn (unten links) und Stefan Jürgens (unten rechts). Foto: Collage: Ann-Kathrin Schriever; Fotos: Bistum Münster, wg, Werding, Klaus Möllers

Pfarrer Stefan Jürgens geht, weil er sich in seiner Gemeinde „weder gebraucht noch wirksam“ fühlte. Er beklagt zu wenig Gebet und zu viel Small-Talk: „Wir drucken zu viele Zettel und sprechen zu wenig von Gott“, erklärte der ehemalige Pfarrer von Heilig Kreuz in Münster seinen Rückzug. So eindeutig wie er ist sonst keiner. Aber Gläubige stellen verstärkt fest, dass sich ihre Pfarrer von ihren leitenden Aufgaben abwenden. Und damit von ihnen.

Immer öfter Wunsch nach Auszeit

Ein Blick ins Internetportal des Bistums zeigt, dass der Wunsch nach einer Auszeit unter Priestern nicht mehr ungewöhnlich ist. Allein in diesem Jahr berichtet das Bistum offiziell von drei Priestern, die darum bitten. „Kirche + Leben“ zufolge hat Christoph Gerdemann, Moderator des Priesterrats im Bistum Münster, gesagt: „Jede Auszeit ist auch eine Anfrage an das Priesterbild und Pfarrerdasein. Da gibt es Wandlungsbedarf.“

Ein echter Knochenjob

70 Stunden Arbeit pro Woche, ein kranker Kollege, eine kranke Schwester, drei ausgebaute Kitas, ein neues Wohnhaus für Flüchtlingsfamilien, die Renovierung der Kirche – all das veranlasste Heinrich Hagedorn dazu, erst eine Auszeit zu nehmen und dann die Gemeinde St. Magnus-St. Agatha in Everswinkel zu verlassen.

Markus Dördelmann hatte schon eine Fusion von sechs Gemeinden zu einer in Kamp-Lintfort in den Knochen, bevor er den Zusammenschluss zweier Kirchengemeinden in Steinfurt begleitete. „Das ist mit sehr, sehr viel Ärger, Frust und Schwarzsehen verbunden“, sagt er. Dazu kommen Gesundheitsprobleme und Verwaltungsaufgaben. „Der Druck ist zu groß, die Aufgaben kräftezehrend. Ich schaffe es nicht mehr“, musste sich der 56-Jährige eingestehen. Aus seinem Jahrgang seien die wenigsten Kollegen noch leitende Pfarrer. „Dabei müssten wir vom Alter und der Erfahrung her eigentlich vorne an der Front stehen.“

Unverständnis und Überraschung in der Gemeinde

Die zurückbleibenden Gemeindemitglieder reagieren mit einer Mischung aus Enttäuschung und Unverständnis. So beschreibt es Erich Traphan, Vorsitzender des Pfarreirats in Jürgens’ Ex-Gemeinde. Niemand habe mit dem Abgang gerechnet, viele hätten sich gewünscht, früher über mögliche Probleme informiert zu werden.

Entlastung durch Mitarbeitende

Für Karl Render, Seelsorge-Personalchef des Bistums Münster, ist Dördelmann trotzdem ein Einzelfall. Laut Seelsorgestudie sei bei leitenden Pfarrern die Zufriedenheit am höchsten und die Burnout-Gefahr am geringsten. „Die sind zufrieden“, sagt er. Längst würden auch im Bistum, in dem auf jeden neu geweihten Priester pro Jahr im Schnitt zehn Abgänge kommen, die Priester mit Verwaltungsreferenten oder -leitern entlastet, damit sie sich auf die Seelsorge konzentrieren könnten. Dass trotzdem die kniffligen Fälle beim Chef landeten, sei auch in anderen Berufen üblich.

Die Zeiten, in denen jemand „mit 50 leitender Pfarrer wird und bis zu seinem Tod in einer Gemeinde bleibt“, seien lange vorbei. Stattdessen übernähmen die Priester oft schon mit 35 eine „erheblich größere Pfarrei mit komplexeren Aufgaben“. Und vielen von ihnen sei bewusst, dass sie nicht bis zur Rente blieben. Ihm gegenüber würden sie deswegen oft äußern, sich bis zu ihrem 50. oder 55. Geburtstag verändern zu wollen.

„Herr Pfarrer" wird Vergangenheit

Tatsache sei, dass sich das Rollenbild der Pfarrer komplett ändern werde. „Vor 20 Jahren ist kein Vogel von der Stange gefallen, wenn nicht zuerst der Pastor darauf geschossen hat“, sagt Render. Der künftige Pfarrer werde Kompetenzen, Macht und Verantwortung abgeben. Wer die Beteiligung der Laien ernst nehme, müsse sie auch mit Entscheidungskompetenzen ausstatten, findet Render. Die Folge: Der „Herr Pfarrer“ war einmal.

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