Straßenwärter: Job mit hohem Risiko
Immer auf dem Sprung

Lengerich -

Beleidigungen übelster Art, Coladosen oder andere Gegenstände, die aus den Autos fliegen: „Sie glauben gar nicht, womit die Kolleginnen und Kollegen täglich konfrontiert werden“, sagt Dieter Reppenhorst. Vorkommnisse, die in Baustellenbereichen auf Autobahnen registriert werden.

Samstag, 28.09.2019, 06:28 Uhr aktualisiert: 28.09.2019, 14:50 Uhr
Straßenwärter: Job mit hohem Risiko: Immer auf dem Sprung
Foto: Michael Baar

„Null Verständnis“ hat der Leiter der Autobahnniederlassung Hamm des Landesbetriebs Straßen.NRW für ein derartiges Verhalten. „Auch nicht, wenn diejenigen zuvor eine halbe Stunde im Stau gestanden haben.“

Nicht deshalb ist Straßenwärter einer der gefährlichsten Jobs in Deutschland. Der Arbeitsplatz ist es, der die Gefahren in sich birgt. „50 Zentimeter neben ihnen rauscht der Verkehr vorbei, mit Tempo 60 oder 80“, verdeutlicht der 60-Jährige. Er weiß, wovon er spricht. Bevor er Leiter der Niederlassung wurde, war er jahrelang auf der Straße im Einsatz.

Ganz knapp war es bei Horst Plegge. „Aus den Augenwinkeln habe ich gesehen, dass ein Lkw kommt“, erzählt der 53-Jährige. Er war gerade dabei, eine Warntafel auf einem Anhänger hochzuklappen. „Ich bin dann im Hechtsprung über die Leitplanke, eine Böschung runtergekugelt und die Ladung des Lkw, leere Shampooflaschen, flog mir um die Ohren“, erinnert sich der Mitarbeiter der Autobahnmeisterei Lengerich. Eine Sekunde später „und meine beiden Beine wären weg gewesen“, ist er überzeugt.

Auch wenn den Straßenwärtern mantra-artig immer wieder gesagt wird, auf den Verkehr zu achten, spezielle Schulungen angeboten werden und von der Kleidung und Ausrüstung her alles erdenkliche getan wird, um sie zu schützen – wie sich die anderen Verkehrsteilnehmer verhalten, darauf haben sie keinen Einfluss.

Mit Straßenwärtern auf der Autobahn 1

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  • Nicht zu übersehen ist diese Hinweistafel, einige Hundert Meter vor der Tagesbaustelle.

    Foto: Michael Baar
  • Blick in einen Wassereinlauf. Laub und Sand führen dazu, das er verstopft und kein Wasser mehr von der Fahrbahn aufnimmt. Die regelmäßige Reinigung mindert das Aquaplaning-Risiko für die Verkehrsteilnehmer.

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  • Gleich kommt die Kehrmaschine. Aus dem Mittelstreifen auf die Fahrbahn ragende Pflanzen werden gerupft, die Abfälle von der Maschine mit aufgenommen.

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  • Knochenarbeit: Der mehrere Kilogramm wiegende Gusseisen-Gullideckel muss angehoben, der volle Sammelbehälter herausgehoben werden.

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  • Nach Auskippen des Sammelbehälters wird der wieder in den Wassereinlauf eingesetzt.

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  • Im Augenwinkel haben die Straßenwärter immer den nachfolgenden Verkehr im Blick. Gerade am Beginn einer Baustelle, wenn wie hier der Verkehr auf den Standstreifen gelenkt wird.

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  • Zwei rotierende Düsen und ein Gebläse. Damit fegt die Kehrmaschine den Fahrbahnrand sauber.

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  • Die Drahtbürsten nehmen auch gleich die Graspolster an der Rinne mit.

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  • Seltener Gast: Auf dem Mittelstreifen hat sich wilder Hopfen angesiedelt.

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  • Dem Dreck auf der Brücke wird mit Schaufeln zu Leibe gerückt.

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  • Mit Fortschreiten der Baustelle müssen auch die Warnpylone nach vorne gesetzt werden. Eine gefährliche Aufgabe.

    Foto: Michael Baar

Beim Auf- und Abbau von Baustellen ist das Risiko am höchsten. Aber auch wenn die Hinweis- und Absperrtafeln aufgestellt sind – mit LED-Lichtern und Sensoren für CB-Funk, um Brummifahrer auf diesem Weg auf Baustellen hinzuweisen – absolute Sicherheit gibt es nicht. Mit einem halben Auge wird immer auf den vorbeifahrenden Verkehr geschielt. Verständlich, wenn Manfred Weiligmann, Betriebsdienstleiter der Autobahnmeisterei Lengerich, sagt, dass er „froh ist, wenn am Feierabend alle wieder da sind“.

82 Kilometer Autobahn auf der A 1 und A 30 werden von der Meisterei an der Ibbenbürener Straße betreut. Die Baustelle mit den drei Talbrücken im Teutoburger Wald bereitet Manfred Weiligmann die wenigsten Kopfschmerzen. Stauwarnanlagen bis zu acht Kilometer vor Baustellenbeginn, fest installierte Absperrungen und Leittafeln sowie deren ständige Kontrolle führen dazu, dass aus seiner Sicht die seit über drei Jahren laufenden Bauarbeiten „sehr gut gelaufen“ sind.

28 Mitarbeiter

Die Autobahnmeisterei Lengerich betreut 82 Kilometer Autobahn auf der A 1 und der A 30. Zum Team gehören 21 Straßenwärterinnen und -wärter, zwei Handwerker, vier Mitarbeiter für Leitung und Verwaltung sowie ein Auszubildender. Der letzte Unfall, in den Mitarbeiter verwickelt waren, hat sich vor drei Jahren auf der Autobahn 30 ereignet. Betriebsdienstleiter Manfred Weiligmann hofft, dass die unfallfreie Zeit noch lange anhält.

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Was seine Mitarbeiter regelmäßig im Baustellenbereich aufsammeln, sind Außenspiegel. 2,1 Meter breit ist die linke Fahrspur. Zu viel für manchen Bulli oder Groß-SUV. Was deren Fahrer aber offenbar nicht davon abhält, trotzdem an Lkw vorbeizuziehen. „Manche Spiegel fallen einfach ab“, sagt der Betriebsdienstleiter lapidar.

Was ihn ebenso wie Dieter Reppenhorst und das ganze Team freut ist die Tatsache, dass die Mannschaft der Autobahnmeisterei Lengerich seit drei Jahren unfallfrei ist. Zudem wurde seit 2016 ein deutlicher Rückgang der Unfallzahlen im Bereich der Niederlassung Hamm registriert. Was deren Leiter darauf zurückführt, dass die Sicherheitsvorkehrungen ständig aktualisiert und ausgebaut werden.

Doch selbst Schwellen, die vor einem Fahrzeug mit Hinweistafel auf einen Fahrspurwechsel im Abstand von 100 Metern liegen, verhindern nicht immer einen Unfall. „Es ist schon vorgekommen, dass ein Lkw-Fahrer stumpf auf das so gesicherte Tafelfahrzeug aufgefahren ist.“ Was sich Dieter Reppenhorst nur mit einer „massiven Ablenkungen des Truckers“ erklären kann. Aus seiner Erfahrung sagt er, „Lkw-Fahrer sind das größte Risiko“.

An diesem Vormittag gibt es keine unschönen Vorkommnisse in der Tagesbaustelle auf der Autobahn 1 in Fahrtrichtung Bremen. Zwischen der Raststätte Tecklenburger Land Ost und dem Lotter Kreuz müssen die Wassereinläufe gereinigt werden. Die befinden sich am linken Rand der Überholspur.

„Bei Tagesbaustellen schauen wir vorher, zu welchen Zeiten der Verkehr nicht so stark ist“, erläutert Dieter Reppenhorst. „Wir stehen nicht draußen, um die Leute zu ärgern, sondern um etwas für die Sicherheit zu tun“, betont er. Deshalb auch der Blick aufs Verkehrsaufkommen, dessen Verteilung bis auf die Stunde bekannt ist. Morgens bis 9 Uhr und ab 15 Uhr – diese Zeiten werden möglichst gemieden.

Das sechsköpfige Team – drei für die Wartung, drei für die Sicherung – kommt an diesem Morgen gut voran auf der A 1. Der Verkehr darf auch den Standstreifen benutzen – was nicht jeder tut. Wenn ein Lkw mit 80 Stundenkilometern mit einem halben Meter Abstand an einem vorbeibraust, wird der Wunsch von Dieter Reppenhorst und Manfred Weiligmann körperlich spürbar: „Wir wollen die Verkehrsteilnehmer sensibilisieren für das Geschehen in Baustellen.“

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