Mutmaßlicher Kindesmissbrauch
Therapie erst nach der Verhandlung

Tecklenburger Land -

Die Vorwürfe stehen seit gut zwei Jahren im Raum: Kindesmissbrauch. Beschuldigter ist der Ex-Freund der alleinerziehenden Mutter zweier Söhne. Verhandelt worden ist der Fall bis heute nicht. Therapie für die Kinder? Fehlanzeige. Dadurch könnten ihre Aussagen in einem möglichen Prozess beeinflusst sein.

Freitag, 04.10.2019, 14:00 Uhr aktualisiert: 04.10.2019, 14:19 Uhr
Über einen Zeitraum von zwei Jahren sollen zwei Jungen missbraucht worden sein. Das liegt über zwei Jahre zurück, doch der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter lässt auf sich warten.
Über einen Zeitraum von zwei Jahren sollen zwei Jungen missbraucht worden sein. Das liegt über zwei Jahre zurück, doch der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter lässt auf sich warten. Foto: dpa (Symbolbild)

Sie hat alle Unterlagen parat. Die Schreiben von ihrer Anwältin, vom Amtsgericht Tecklenburg und die vom Landgericht Münster. Die junge Frau breitet sie vor sich aus auf dem Tisch. Auch jenes vom Gericht, in dem geraten wird, nicht mit ihren Kindern darüber zu sprechen, was die beiden so offensichtlich fast um den Verstand bringt. Seit zwei Jahren stehen die Missbrauchsvorwürfe im Raum. Der Ex-Freund soll sich an den Jungen vergangen haben. So steht es auch in einer Anklageschrift des Landgerichts.

Aufarbeitung nicht möglich

Zwei Jahre, in denen sich die Frau, wie sie berichtet, immer wieder an diverse Beratungsstellen gewandt hat. In denen sie vor allem aber verzweifelt darauf gewartet hat, dass der Gerichtsprozess beginnt. Denn bevor nicht der Mann, dem sie einmal vertraut hat, verurteilt ist, könne die „richtige“ Therapie für ihre Kinder nicht beginnen. In einer solchen Behandlung würden nämlich die Missbrauchsvorwürfe zur Sprache kommen. Zu groß sei dann aber die Gefahr, dass die Glaubwürdigkeit der Jungen in Frage gestellt wird, wenn sie vor Gericht aussagen müssten. Das geht aus einem Brief des Landesgerichts Münster hervor. „Das könnte so aussehen, als wären sie beeinflusst worden – von mir, vom Therapeuten oder anderen“, erläutert die Frau, die lieber anonym bleiben will.

Also wird das Thema quasi totgeschwiegen. Dabei wäre eine Therapie, „in der die Kinder lernen, den Missbrauch zu verarbeiten, dringend nötig“, ist die alleinerziehende Mutter überzeugt. Sie kann kaum mitansehen, wie die Jungen, die mittlerweile die Grundschule besuchen, leiden. Wie sie ihre Emotionen nicht im Griff haben, Wutanfälle bekommen, Gegenstände demolieren und in ihrer Verzweiflung Tapeten von den Wänden ziehen. Zwar seien beide bereits therapeutisch behandelt worden, räumt die Mutter ein. Dabei sei es aber lediglich darum gegangen, die Symptome zu bekämpfen.

Als die Polizisten abends klingelten

An den Tag, als Kriminalpolizisten abends um halb elf an ihrer Tür klingelten, kann sie sich noch sehr gut erinnern. Rund zwei Jahre ist das jetzt her. „Sie fragten nach dem Mann, von dem ich mich zu dem Zeitpunkt schon getrennt hatte. Dann wollten sie wissen, ob sich meine Kinder auffällig verhielten.“

Es folgten Gespräche, zunächst habe sich ihr der Ältere anvertraut, eine Woche später redete auch der Jüngere. Die Kriminalpolizei in Greven hielt die Aussagen in Bild und Ton fest. Über zwei Jahre – von 2015 bis 2017 – sollen die Jungen mehrmals missbraucht worden sein.

Gefährdungen

Nach Angaben des Kreises Steinfurt wurden in den vergangenen Jahren folgende Zahlen an Gefährdungsmeldungen registriert:

2014: 208
2015: 213
2016: 261
2017: 239
2018: 235

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Leben aus den Fugen

Das Leben der Mutter und ihrer Kinder gerät aus den Fugen. Sie gibt sich selbst die Schuld, wird krank, verliert ihren Job, muss aus der Wohnung raus. Zuletzt braucht sie selbst therapeutische Hilfe. Inzwischen hat die 28-Jährige wieder eine Arbeit gefunden. Sie ist im Pflegebereich tätig. Die Kinder gehen zur Schule, bringen gute Noten nach Hause. Das ist ihr wichtig: „Ich habe ihnen gesagt, dass es in der Schule laufen muss.“ Unbedingt.

Warum ist er immer noch auf freiem Fuß, während meine Kinder nicht klar kommen in ihrem Leben?

Mutter der mutmaßlichen Missbrauchsopfer

Die Sorge um ihre Kinder bleibt aber. „Ich frage mich: Warum dauert es so lange, bis dem Mann der Prozess gemacht wird. Warum ist er immer noch auf freiem Fuß, während meine Kinder nicht klar kommen in ihrem Leben?“ Sie hört nicht auf zu kämpfen, ruft, wie sie erzählt, immer wieder bei Staatsanwaltschaft und Gerichten an. Sie meint, das sei sie ihren Kindern schuldig. Das jüngere der beiden habe sie kürzlich an ihre eigenen Worte erinnert, nicht vorwurfsvoll, sondern eher fragend: „Du hast gesagt, wenn ich zur Polizei gehe und die Wahrheit sage, kommt jemand und hilft uns.“ Sie konnte ihm keine Antwort geben.

Gericht überlastet

Dr. Steffen Vahlhaus, Sprecher des Landgerichts Münster, weiß um die Problematik. Aber die Mutter und ihre Söhne sind keine Einzelfälle. Das Gericht sei überlastet, obschon bereits im vergangenen Jahr eine zweite Jugendschutzkammer eingerichtet wurde, sagt er auf Anfrage.

Dem Mann, ergänzt Vahlhaus, werde schwerer sexueller Missbrauch vorgeworfen, darüber hinaus werde er angeklagt wegen des Besitzes kinder- und jugendpornografischer Schriften. Wann der Prozess eröffnet wird, das kann aber auch er nicht sagen.

Kommentar: Und die Kinder?

Das darf nicht wahr sein: Zwei Kinder sind missbraucht worden. Das liegt über zwei Jahre zurück und der mutmaßliche Täter hat sich immer noch nicht vor Gericht verantworten müssen. Keine Zeit, pardon Überlastung wird als Grund genannt. Die alleinerziehende Mutter darf mit ihren Kindern nicht über das Geschehene sprechen, es aufarbeiten, weil dann die Glaubwürdigkeit der Aussagen vor Gericht in Zweifel gezogen würde. Der Beschuldigte ist auf freiem Fuß. Säße er in Untersuchungshaft, wäre der Prozess längst gelaufen. Die seelische Gesundheit der missbrauchten Kinder scheint nicht so wichtig zu sein. Deshalb darf keine Therapie begonnen werden. Erst der Missbrauch, dann die endlose Warterei, um mit der Aufarbeitung beginnen zu dürfen. Geht´s noch?

- Michael Baar

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