Betriebshilfe ist gut organisiert
Wenn der Bauer zuschauen muss

Sassenberg -

Christian Wöstmann flext vor den Ställen lautstark die Kanten einer großen Metallkonstruktion glatt. Daraus wird ein neuer Futtertisch für einen der Bullenställe, erklärt Robert Gausepohl, dem auf seinem eigenen Hof in Gröblingen derzeit oft nichts anderes als die Zuschauerrolle bleibt. Sein Daumen ist dick bandagiert, ein weiterer OP-Termin steht an.

Samstag, 05.10.2019, 12:00 Uhr
Zwei, die es zusammen packen. „Da muss man durch“, sagt Christel Gausepohl über Robert Gausepohls krankheitsbedingten Ausfall.
Zwei, die es zusammen packen. „Da muss man durch“, sagt Christel Gausepohl über Robert Gausepohls krankheitsbedingten Ausfall. Foto: Ulrike von Brevern

„Es dauerte nur ‘ne viertel Sekunde“, erzählt der Landwirt und vierfache Familienvater aufgekratzt. An einem Maisonntag, als alles schon bereit war, um seinen runden Geburtstag groß zu feiern, erwischte er mit der Kreissäge den Daumen. „Ich hab erstmal nur geheult“, erinnert sich seine Frau Christel weit weniger fröhlich.

Von einer Sekunde auf die andere stand die Familie vor einem Berg von Problemen. Während Gausepohl auf dem OP-Tisch lag, wollten 500 Mastschweine versorgt werden, genauso wie die 200 Mastbullen und die kleine Mutterkuhherde. Füttern, Tierarzt, Ein- und Ausstallen in eng getaktetem Rhythmus, dazu der Ackerbau für das Futter – wer sollte das alles stemmen? „Wir können in der Landwirtschaft einfach nichts schieben“, erklärt Gausepohl, den anhaltende Komplikationen länger als erwartet mattsetzen.

Dabei hatte der Familienvater noch Glück. „Meine Frau weiß alles, die kennt den Kotten“, streicht er stolz heraus. Die gelernte Hauswirtschafterin ist es gewohnt, auch im Stall mit anzupacken, kennt die Betriebsabläufe genauso wie die Maschinen. Das ist schon lange nicht mehr die Regel. Dennoch war die Familie dringend auf Hilfe angewiesen.

In solchen Fällen springt der Betriebshilfsdienst ein, erklärt Georg Hülsmann, langjähriger Geschäftsführer des Vereins „Landwirtschaftlicher Betriebshilfsdienst und Maschinenring Warendorf- Münster“. Er schickte Christian Wöstmann zu den Gausepohls, einen der rund 30 ausgebildeten Landwirte, die der Verein als qualifizierte Betriebshelfer beschäftigt.

Die freiwilligen Vereine entstanden in den 60er Jahren, als sich die Beschäftigungsstruktur auf dem Land grundlegend wandelte. Weil der Bauer immer öfter auf sich gestellt war, musste seine Arbeitskraft im Notfall von außen ersetzt werden können. Heute erreicht der Verein in der Region einen Organisationsgrad von rund 90 Prozent. Dabei unterstützt er ausschließlich bäuerliche Familienbetriebe, betont Hülsmann, für gewerbliche Betriebe gilt das Angebot nicht.

Ehe er sich voll für den eigenen Betrieb entschied, war Robert Gausepohl selber fast 25 Jahre lang im Hauptberuf Betriebshelfer und kennt so beide Seiten. Natürlich müsse man mit Abstrichen klarkommen, sagt er, denn der Betriebshelfer könne in acht Stunden nicht schaffen, was der Bauer am ganzen Tag erledigt. Manches müsse einfach liegenbleiben.

Trotzdem freut er sich, dass überhaupt jemand da ist, so wie seine Kunden früher auch: „Es gab viel Anerkennung in dem Job“, sagt er und ihm persönlich hat auch die menschliche Seite sehr gefallen. Es sei wichtig, dass die Chemie zwischen allen Beteiligten stimmt, denn Betriebshelfer schauen bis tief in die Familien hinein. Auch Wöstmann sitzt mit am Familientisch und lässt sich nachmittags gutmütig von Gausepohls Jüngster bis in den Stall verfolgen.

Er kommt auf dem Hof gut klar. „Es ist nicht so technisiert hier“, freut er sich und spricht damit ein wachsendes Problem für die Betriebshelfer an. Bei immer ausgefeilterer Technik wisse man auf dem fremden Betrieb dann manchmal nicht mal mehr, „wie der Trecker angeht“, schmunzelt Gausepohl.

Dabei wächst der Bedarf an Betriebshelfern, hält Hülsmann fest. Der zunehmende Druck in der Landwirtschaft führe zu immer mehr Ausfällen, gerade auch durch psychische Erkrankungen. Fachkräfte findet er andererseits immer schwerer.

Robert Gausepohl hofft unterdessen, ab Dezember endlich den Betrieb wieder voll in die eigenen Hände nehmen zu können. Gerade während der langen Aufenthalte im Krankenhaus, so bekennt er, „wäre ich ohne mein Handy verrückt geworden“. Zuschauer zu sein, das liegt ihm nicht.

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