Meditation
Mit Yoga gegen die Wut

Dorsten -

Wenn die Klangschale ertönt, wird es in der E 6/7 plötzlich ganz still. Das ist ungewöhnlich: Die zehn Jungs in der Klasse haben jede Menge Wut in sich. Und die nur schlecht unter Kontrolle.

Donnerstag, 10.10.2019, 07:00 Uhr aktualisiert: 10.10.2019, 11:44 Uhr
Vier Minuten Ruhe: Die Schüler der Klasse E 6/7 legen ihre Köpfe zum Meditieren auf den Tisch.
Vier Minuten Ruhe: Die Schüler der Klasse E 6/7 legen ihre Köpfe zum Meditieren auf den Tisch. Foto: Jürgen Christ

Vor 20 Minuten ist Dennis noch durchgedreht: Erst hat er eine Lehrerin als „Schlampe“ bezeichnet. Über die Extra-Aufgabe danach hat er sich so geärgert, dass er im Nachbarraum ausgerastet ist. Jetzt liegt er ganz ruhig im Stilleraum, und Gerrit „backt“ auf seinem Rücken eine Pizza. Bei dieser Meditation wird Dennis getätschelt, massiert und bekommt Wärme gespendet. Man könnte denken, dass der Elfjährige solche Nähe sonst nur selten zu spüren bekommt. Dennis ist einer von zehn Jungen in der E 6/7 an der von Ketteler-Schule in Dorsten. Er hat den Förderschwerpunkt „Emotionale und soziale Entwicklung“ (Ese). Es fällt ihm schwer, seine Wut im Zaum zu halten. Klassenlehrerin Christiane Heinz steht jeden Morgen vor zehn Jungen, die nicht wissen wohin mit ihrer Wut.

In mir drinnen ist eine Ausrasterbombe explodiert.

Tyler

Dennis’ Mitschüler Tyler beschreibt das so: „In mir drinnen ist eine Ausrasterbombe explodiert.“ Durch tiefes Einatmen soll er lernen, einen Schritt zurückzugehen, bevor die nächste Explosion aus ihm herausbricht.

Vor knapp einem Jahr hat Christiane Heinz zum ersten Mal eine Klangschale mit zur Arbeit genommen. Sie selbst macht in ihrer Freizeit Yoga und meditiert. Der Druck in der Klasse war groß, die Unzufriedenheit auch, die Erfolgserlebnisse selten. Warum nicht mal mit zehn Jungen etwas ausprobieren, das auch ihr gut tut?

Ein bisschen Ruhe

Am Anfang hatte sie kein anderes Ziel, als dass die Kinder eine Minute still sind. Mittlerweile ist sie bei etwa vier Minuten. Einige ziehen eine Kapuze über den Kopf und legen ihn auf den Tisch. „Hört nur auf den Ton,“ sagt die Lehrerin. „Alles andere ist egal.“ Der Stress, den die Jungs in der Pause miteinander hatten, ist verschwunden. Als ob sie nach ein bisschen Ruhe lechzen.

Die Jungs sitzen so weit auseinander, wie es die Wände zulassen. Ruhe herrscht oft nur während der Meditation, danach geht der Stress wieder los. Bevor die Schüler zum Stilleraum gehen, mahnt Heinz: „Ich möchte, dass gleich keiner vor die Tür tritt.“

Die Meditation hilft, die Wut und die Aufregung zu drosseln.

Christiane Heinz

Christiane Heinz hat festgestellt, dass sich die Schüler direkt nach den Übungen weniger querstellten. „Keine Debatte mehr, ob ein Schüler mit seinem Test anfängt oder nicht“, sagt sie. Die Schüler seien spürbar aufmerksamer. „Die Meditation hilft, die Wut und die Aufregung zu drosseln.“

Meditation an NRW-Schulen ist selten. Das Schulministerium kann keine nennen. Von 2016 bis 2019 sollten Lehrer in dem Modellprojekt „GIK – Gesundheit, Integration, Konzentration“ ihre Kompetenzen für Stressbewältigung und Achtsamkeit stärken, um sie „für ihre eigene Selbstfürsorge (…) anzuwenden“, wie das Schulministerium auf Anfrage berichtet. Danach habe es Hinweise auf „gesundheitsfördernde Veränderungen in Bezug auf eine verbesserte Selbstregulation und Stressreduzierung“ gegeben. Das Achtsamkeitstraining der Lehrer habe unter anderem einen positiven Einfluss auf „emotionale und soziale Schulerfahrungen“ und das Gesundheitsempfinden der Schüler gehabt.

Eine Patentlösung ist es nicht

In der E 6/7 wird das konkreter. Christiane Heinz erklärt immer wieder, „warum wir diese ganzen Übungen überhaupt machen“. Die Jungen lernen, dass nicht ihre Wut, sondern sie selbst ihr Handeln beeinflussen können. Eine Patentlösung ist es nicht. „Das ist ein Prozess, der viel Zeit, Geduld und beständiges Üben erfordert“, sagt die 38-Jährige.

Die Übungen sind inzwischen fester Teil des Unterrichts geworden. Kürzlich haben sich die Jungs gewünscht, vor dem Unterricht in den Stilleraum gehen zu dürfen. Als dort ein Ohrenkneifer über den Teppich läuft, sagt Dennis: „Der sieht aus wie deine Mudda.“ Mit solchen Sätzen hat man in der E 6/7 gute Chancen, irgendjemanden zur Weißglut zu bringen.

Dieses Mal klappt es nicht.

„Emotionale und soziale Entwicklung“

Kinder mit dem Förderschwerpunkt „Emotionale und soziale Entwicklung“ (Ese) wurden früher oft als „schwer erziehbar“ bezeichnet. Sie haben häufig Schwierigkeiten, „ihre Umwelt angemessen wahrzunehmen, oder werden durch familiäre oder soziale Probleme überfordert“. Viele von ihnen haben zu wenig Gelegenheiten bekommen, Bindungen zu ihren Eltern aufzubauen. Laut Landesschulministerium „verschließen und widersetzen sie sich der Erziehung so nachhaltig, dass sie im Unterricht nicht hinreichend gefördert werden können“. Sie benötigten Hilfe, um ihre Umwelt anders wahrzunehmen sowie angemessene Verhaltensweisen und ein positives Selbstwertgefühl aufbauen zu können.

...
Nachrichten-Ticker