Leiche lag acht Jahre in Wohnung
Polizei stand zwei Mal vor der Tür des Toten

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Es bleibt weiterhin kaum nachvollziehbar, wie ein bei seinem Tod 59-Jähriger etwa acht Jahre in einem Ein-Raum-Appartement im zweiten Stock eines Hochhauses liegen konnte, bis seine Leiche zufällig entdeckt wurde. Erste Ergebnisse zu den Einsätzen der Polizei hat diese auf Anfrage am Freitag vorgelegt.

Freitag, 11.10.2019, 11:12 Uhr aktualisiert: 11.10.2019, 14:05 Uhr
Als Zeichen der Trauer wurden an dem Auto des verstorbenen Nachbarn Rosen und ein Grablicht aufgestellt.
Als Zeichen der Trauer wurden an dem Auto des verstorbenen Nachbarn Rosen und ein Grablicht aufgestellt. Foto: di

Die Polizei hat recherchiert – in eigener Sache. Denn: Bei der Frage, wie die Leiche eines verstorbenen Frührentners etwa acht Jahre unbemerkt in dessen Wohnung liegen konnte, war auch das Verhalten der Polizei kritisch hinterfragt worden. Der Versuch, die Abläufe zu rekapitulieren, wird dadurch erschwert, dass, wie Wolfgang Beus als Sprecher des Landesinnenministeriums den WN bestätigt, aus Datenschutzgründen keine elektronischen Belege mehr vorliegen. Aus handschriftlichen Unterlagen hat die Kreispolizeibehörde Coesfeld jetzt ermittelt, dass es am 8. März 2012 zu einem Polizeieinsatz an der Schulze-Bremer-Straße kam.

„Keine verdachtserregenden Feststellungen“ 

Der Einsatz soll durch ein Telefonat einer Anwohnerin ausgelöst worden sein, die selbst aber nicht vor Ort war, als die Beamten an der Wohnung eintrafen. Dort seien „keine verdachtserregenden Feststellungen getroffen“ worden, heißt es in der Pressemitteilung der Kreispolizei. Rolf Werenbeck-Ueding, Leiter ihrer Pressestelle, konkretisiert auf WN-Anfrage: Er gehe davon aus, dass die Kollegen keinen Leichengeruch wahrgenommen haben. „Dann hätten sie die Tür geöffnet, das ist eine Standardsache“, betont Werenbeck-Ueding.

Beamte können sich nicht mehr erinnern

Die Beamten, die den Einsatz übernommen hatten, können sich laut Angaben des Behördensprechers nicht mehr an den genauen Ablauf in dem Gebäude erinnern. Dazu sei „die Zahl der Einsätze zu hoch“ und der zeitliche Abstand zu groß, so Werenbeck-Ueding. Auch die Anwohnerin, die die Polizei und weitere Behörden eingeschaltet hat, schildert, dass die Geruchsbelastung vor der Wohnung schwankte. „Mal roch es, mal nicht.“ Das hatte die Frau bemerkt, die regelmäßig das Reinigen des Flurs vor der Wohnung des Verstorbenen übernommen hatte. Ein Grund dafür, dass die Folgen der Verwesung nicht immer wahrzunehmen gewesen seien, könnte darin bestehen, dass der Frührentner das Fenster seines Ein-Zimmer-Appartements im zweiten Stock durchgehend geöffnet hatte.

Polizei bestätigt zweiten Versuch

Wie die WN erfahren haben, kam es Anfang 2017 zu einem weiteren Polizeieinsatz in dem Gebäudekomplex. Abermals versuchten Beamte den Bewohner im zweiten Stock anzutreffen - diesmal um ihm die Kennzeichen seines Autos zu übergeben. Sie waren abmontiert worden und im Zuge einer Polizeikontrolle in Münster in einem Wagen gefunden worden, in dem zwei junge Männer Drogen transportiert hatten. Die Polizei Coesfeld hatte die Kfz-Kennzeichen von den Kollegen aus Münster erhalten, den Halter angeschrieben. Als dieser nicht auf einen Brief reagierte, suchten die Polizisten das Haus in Senden auf. Als dieser nicht angetroffen wurde, wurden die Kennzeichen an die Staatsanwaltschaft Münster übergeben. Das sei das normale Verfahren, so Polizeisprecher Rolf Werenbeck-Ueding. Ein Geschädigter, der nichts mit der Polizei „zu tun haben wollte“, sei dazu auch nicht verpflichtet und könne dazu auch nicht gezwungen werden. Mit dem Versuch der persönlichen Übergabe der gestohlenen Kennzeichen habe die Polizei sogar „mehr als das eigentlich Übliche getan - aber leider nichts erreicht“, bedauert Werenbeck-Ueding.

Bruder kümmert sich um Bestattung

Die inzwischen abgeschlossene Obduktion hat erste Ergebnisse bestätigt, dass der Frührentner, der als Bäcker gearbeitet haben soll, eines natürlichen Todes gestorben ist. Auch das Todesdatum wird weiterhin auf den Bereich der Jahreswende 2011/2012 festgelegt. Der Leichnam ist inzwischen freigegeben worden. Um die Bestattung kümmert sich der Bruder des Verstorbenen, der sich aufgrund der Berichterstattung bei der Polizei gemeldet hat.

Nachbarin möchte endlich Schlussstrich ziehen

Wie ihr Sprecher gegenüber den WN beteuert, werde auch versucht, dafür zu sorgen, dass die Anwohnerin, die sich um den verstorbenen Nachbarn und dessen Verbleib intensiv gekümmert hat, über die Beisetzung informiert wird. „Das lässt sich organisieren“, versprach der Polizeihauptkommissar. „Ich würde mich gerne am Grab von ihm verabschieden“, sagt die 60-jährige Bewohnerin in dem Haus mit 39 Parteien, von denen sich viele besser kannten, als erste Berichte über das Hochhaus Glauben machen wollten. Die Mutter von vier Kindern, die über den kleinen schwarzen Mischling Linus Kontakt zu dem Nachbarn geknüpft und über viele Jahre gepflegt hatte, möchte einen Schlussstrich ziehen – nach etwa acht Jahren der Ungewissheit.

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