Radarfahrzeug am Weltkulturerbe Corvey
Archäologische Untersuchungen ohne Bagger und Spaten

Höxter -

Gründlich verwüstet wurde die Stadt Corvey vor über 750 Jahren. Jetzt arbeiten Forscher daran, dass das Pompeji Westfalens zumindest virtuell wieder aufersteht. Der Clou: Ohne zu buddeln sehen die Archäologen, was unter der Erde begraben liegt.

Montag, 14.10.2019, 09:00 Uhr
Sie mähen keinen Rasen: Viktor Herzog von Ratibor, Fürst von Corvey, Stadtarchäologe Andreas König, Tanja Trausmuth vom Ludwig-Boltzmann-Institut, Baudezernentin Claudia Koch und Joris Coolen von der LWL-Archäologie (v.l.) präsentieren das Radarfahrzeug.
Sie mähen keinen Rasen: Viktor Herzog von Ratibor, Fürst von Corvey, Stadtarchäologe Andreas König, Tanja Trausmuth vom Ludwig-Boltzmann-Institut, Baudezernentin Claudia Koch und Joris Coolen von der LWL-Archäologie (v.l.) präsentieren das Radarfahrzeug. Foto: Sabine Robrecht

 Die 1265 gefallene Stadt Corvey bei Höxter – das Pompeji Westfalens – kann virtuell wieder auferstehen. Daran arbeitet ein Forscherteam des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und eines Fachinstituts aus Wien.

Die Fachleute untersuchen derzeit mittels modernster Technologien ohne Bagger und Spaten die Überreste der mittelalterlichen Siedlung um das ehemalige Kloster Corvey. Oberflächlich ist von der ursprünglich großen Stadt, die im Juli 1265 im Zuge einer Fehde durch Bischof Simon von Paderborn, Corveyer Ministerialen und Bürger von Höxter verwüstet wurde, nichts mehr zu sehen. Frühere Ausgrabungen und haben aber gezeigt, dass sie sich über etwa 40 Hektar erstreckte.

Zerstörende Bodeneingriffe verboten

Darin enthalten ist der acht Hektar große Klosterbezirk, auch Civitas genannt. Er bildet zusammen mit dem karolingischen Westwerk das eigentliche Weltkulturerbe.

„Die Stadt ist die Pufferzone zum Welterbe“, sagt Höxters Stadtarchäologe Andreas König. „Der Managementplan für das Welterbe sieht vor, dass hier keine zerstörenden Bodeneingriffe mehr zulässig sind.“ Dazu gehören auch archäologische Grabungen. Also trifft es sich gut, dass neue Technologien zerstörungsfreie Untersuchungen ohne Spaten ermöglichen.

In einer Liga mit Stonehenge

Der LWL arbeitet dabei mit dem Ludwig-Boltzmann-Institut für archäologische Prospektion und virtuelle Archäologie aus Wien zusammen. Zu dessen Referenzobjekten gehören internationale Fundstellen wie Stonehenge. „In dieser Liga spielt Corvey durchaus mit“, sagt Joris Coolen von der LWL-Archäologie für Westfalen. Und deutet auf einen Traktor, der in diesen Tagen auf den Feldern rund um das Kloster unterwegs ist. Das Fahrzeug schiebt Radarsonden vor sich her. „Wir senden Radarstrahlen aus, die von den Mauern im Boden reflektiert werden und uns so ein Bild liefern.“

Radarmessungen legen unterirdische Geheimnisse frei

Angefangen hat das Team mit diesen hochauflösenden Radarmessungen ganz bewusst an der alten Marktkirche, deren Standort aus früheren Grabungskampagnen bekannt ist. Der Testlauf hat gezeigt, dass die Methode funktioniert. „Wir sehen die Mauern“, erläutert Coolen diese, wie er sagt, „vielversprechenden Daten“. Parallel arbeiten die Forscher mit Magnetikmessungen, die Befunde wie Öfen und verfüllte Gruben erkennen lassen.

Dass beide Methoden Erkenntnisse liefern, die eine virtuelle Rekonstruktion ermöglichen, hoffen alle Beteiligten. „Wir stehen aber erst am Anfang“, so Coolen.

Die Untersuchungen werden Jahre dauern. Höxters Baudezernentin Claudia Koch ist optimistisch, dass zur Landesgartenschau 2023 ein erstes Element präsentiert werden kann. Die Untersuchungen „sind die Grundsteinlegung für ein neues touristisches Highlight“.

Dieses rankt sich um eine Stadt, die in einer Linie mit den ältesten westfälischen Städten steht, betont An­dreas König. Mit 200 bis 400 Häusern und maximal 2500 Einwohnern war Corvey eine Mittelstadt. Da sie auch eine Weserbrücke hatte, machte sie dem benachbarten Höxter Konkurrenz. Bürger Höxters beteiligten sich deshalb an der Plünderung im Juli 1265. In jener Nacht brannte die Stadt Corvey, deren spätromanischer Grundriss bis heute unter der Erde schlummert.

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