Arbeitsbedingungen auf Schlachthöfen
Priester kämpft gegen Ausbeutung in der Fleischindustrie

Seit Jahren engagiert sich der Priester Peter Kossen gegen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. In seinen Predigten geißelt er sie als „modernes Sklaventum“. In Lengerich hat er die Aktion „Würde und Gerechtigkeit“ ins Leben gerufen. Der Verein will Arbeitsmigranten zu ihrem Recht verhelfen.

Donnerstag, 17.10.2019, 09:00 Uhr aktualisiert: 17.10.2019, 15:15 Uhr
 Fleischfabriken in der Kritik: Die Arbeitsbedingungen sind dort nicht immer menschenwürdig. Fleischfabriken in der Kritik:Die Arbeitsbedingungen sind dort nicht immer menschenwürdig. imagoimages
Fleischfabriken in der Kritik: Die Arbeitsbedingungen sind dort nicht immer menschenwürdig. Fleischfabriken in der Kritik:Die Arbeitsbedingungen sind dort nicht immer menschenwürdig. imagoimages Foto: imago stock & people

Auf dem Bild, das der „Stern“ von ihm in einem Sonder-Heft zeigt, guckt Pfarrer Peter Kossen so freundlich wie entschieden. Im echten Leben ist das auch so. Das Magazin suchte in der September-Ausgabe nach Helden . Kossen ist so einer. Auch wenn man ihm das nicht sofort ansieht. Kossen ist ein Mann für den zweiten Blick.

Menschenrechtler steht unter seinem Foto. Der Leitende Pfarrer der Kirchengemeinde Seliger Niels Stensen in Lengerich kritisiert die aus seiner Sicht oft ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in der deutschen Fleischindustrie. Sich gegen so etwas aufzulehnen „ist doch urchristlich“, sagt er.

Schamlose Ausbeutung

Anfang des Jahres hat der 51 Jahre alte Priester die „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ gegründet und damit seinem Engagement einen institutionellen Rahmen gegeben. Vor ein paar Tagen hat der Verein in Lengerich eine Geschäftsstelle angemietet. Ein Besprechungsraum, ein Büro, eine kleine Küche – und ein großes Ziel: den Arbeitsmigranten eine juristische Beratung zukommen zu lassen und den oft Rechtlosen so zu ihrem Recht zu verhelfen.

Schon seit ein paar Jahren engagiert sich Kossen für Arbeitsmigranten und gegen die unhaltbaren Zustände, die in zahlreichen fleischverarbeitenden Betrieben vorherrschen. Ar­beiter, die schamlos ausgebeutet werden. Menschen, für die das Recht offenbar nicht gilt. Männer und Frauen, deren Schicksal kaum jemanden interessiert, die so egal sind wie das, was mit ihnen geschieht.

Der Bischof findet die Sache an und für sich gut. Aber nicht, dass ich das mache.

Peter Kossen

Dafür ist Kossen angefeindet worden, deswegen wurde er bedroht. Darum wird er auch aus denen eigenen Reihen kritisiert. „Der Bischof findet die Sache an und für sich gut“, sagt er. „Aber nicht, dass ich das mache.“

Bis zur „Totalerschöpfung“

2011 wechselte der aus dem niedersächsischen Rechterfeld stammende Geistliche als Ständiger Vertreter des Offizials für den niedersächsischen Teil des Bistums Münster von Emmerich nach Vechta und wurde erstmals hautnah mit den Bedingungen in der dort starken fleischverarbeitenden Indus­trie konfrontiert. „In die Konfliktberatung des Sozialdienstes katholischer Frauen kamen Schwangere, die durch alle sozialen Netze gefallen waren“, erzählt er. Frauen, die zuvor in Fleischfa­briken gearbeitet hatten und nun ihren Job ebenso los waren wie ihre Wohnung. „Obwohl sie monatelang schwer gearbeitet hatten, fehlte ihnen das Geld, um nach Hause zu fahren, um dort zu entbinden.“

Sein Bruder Florian, der in dem kleinen Ort Goldenstedt im Landkreis Vechta als Allgemeinmediziner arbeitet und auch Rumänen und Bulgaren als Patienten betreut, hat ihm von deren „Totalerschöpfung“ berichtet. Da von, „dass sich die Menschen, die in Großschlachtereien in Wildeshausen, Ahlhorn und Lohne arbeiten, aus Angst um ihren Job nicht krankschreiben lassen“. Menschen, die nicht nur ausgebeutet, sondern auch gedemütigt – und zu Wuchermieten in Schrottimmobilien untergebracht würden.

Wir sind doch nicht in Wildwest.

Peter Kossen

Kossens ruhiger Ton ist das eine. Seine Entschiedenheit das andere. „Wir sind doch nicht in Wildwest.“ Das ist auch so ein Satz von ihm. Der neben dem christlichen Ansatz sein zweites Motiv offenbart: sich konsequent für die Rechte der Menschen einzusetzen. Dafür wurde er jetzt für den „Kettelerpreis“ der „Stiftung Zukunft der Arbeit und der sozialen Sicherung (ZASS)“ der KAB Deutschland nominiert.

Lengerich ist nicht Vechta. Eine rundum heile Welt ist die Stadt im Kreis Steinfurt aber auch nicht. Knapp 1000 rumänische und bulgarische Arbeitsmigranten leben in der Stadt mit ihren knapp 23 000 Einwohnern. Viele von ihnen würden morgens mit Bussen abgeholt, zum Arbeiten in nahe und ferne Fleischfabriken gekarrt und abends wieder zurückgebracht. Der Arbeitskräftebedarf der Unternehmen ist groß, billiger Wohnraum begrenzt. Also werden die Menschen auch in entfernteren Orten untergebracht.

Arm trotz Arbeit

86 Mitglieder hat die „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ ( www.wuerde-gerechtigkeit.de ) inzwischen und einen fünfköpfigen Vorstand an der Spitze. Dazu gehört beispielsweise Dr. Gisbert Stalfort, der ist Fachanwalt für Wirtschaftsrecht – und spricht rumänisch. „Ich habe das Bedürfnis, diesen Menschen zu helfen“, sagt er. Schon jetzt stammt ein Großteil seiner Klientel aus Südosteuropa. Zum Vorstand gehört auch Hermann Lütkeschümer, der in Lengerich eine Lotto-Annahmestelle betreibt. „Zehn Prozent meiner Kunden sind Rumänen und Bulgaren“, sagt er. Und die Erzieherin Saskia Wanke, die in einem Awo-Kindergarten arbeitet „in dem auch rumänische und bulgarische Kinder sind“. Wanke ist eine Frau mit dem Herz auf dem rechten Fleck. „Wir wollen, dass es den Kindern in unserer Einrichtung gut geht“, sagt sie. Und das funktioniere nur, „wenn es auch den Eltern gut geht“.

Sie alle sind auf unterschiedliche Arten mit dem Thema Arbeitsmigranten konfrontiert. Sie alle berichten von Menschen, denen es offenkundig schlecht geht, die isoliert leben, die schlecht untergebracht sind, die kein Deutsch sprechen, ausgebeutet werden und trotz Arbeit arm sind und bleiben. Die Probleme haben – und auch darum manchmal Probleme machen.

Großes im Kleinen tun

Großes im Kleinen tun, das bedeutet für den Verein vor allem, Arbeitsmigranten dabei zu helfen, ihre Rechte einklagen zu können. Kostenlos und muttersprachlich. Hinzu kommen könnte demnächst auch, „Arbeit für die Menschen zu finden“, sagt Vereinsmitglied Heiner Verhorst. Niedrigschwellig müssten die Angebote sein. Darüber hinaus will die Aktion „Würde und Gerechtigkeit“ Netzwerke aufbauen; zu anderen Helfern und für ihre Klientel. Schließlich hätten sich viele von ihnen entschieden, mit ihren Kindern dauerhaft in Deutschland zu leben und zu arbeiten“, sagt Kossen. „Wir haben die Pflicht, sie im Bemühen um echte Integration in unsere Gesellschaft zu unterstützen, damit ihnen zuteil wird, was jeder von uns für sich reklamiert: Würde und Gerechtigkeit.“

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