Akademisierung des Hebammenberufs
Ein bisschen Rückenwind für einen der ältesten Berufe der Menschheit

Ochtrup -

Der Beruf der Hebamme soll akademisiert werden. Ab 2020 erfolgt die Ausbildung an der Uni und nicht mehr an Hebammenschulen. Edeltraud Heitmann und Katharina Jaegermann arbeiten in Ochtrup als Hebammen und finden, dass dieser Schritt lange fällig war.

Samstag, 26.10.2019, 06:00 Uhr aktualisiert: 26.10.2019, 11:25 Uhr
Die beiden Ochtruper Hebammen Edeltraud Heitmann (l.) und Katharina Jaegermann freuen sich, dass für ihren Beruf künftig ein Hochschulstudium notwendig sein wird. Ab 2020 sollen Hebammen an der Uni statt an Schulen ausgebildet werden.
Die beiden Ochtruper Hebammen Edeltraud Heitmann (l.) und Katharina Jaegermann freuen sich, dass für ihren Beruf künftig ein Hochschulstudium notwendig sein wird. Ab 2020 sollen Hebammen an der Uni statt an Schulen ausgebildet werden. Foto: Anne Steven

Sie üben einen der ältesten Berufe der Menschheit aus: Edeltraud Heitmann und Katharina Jaegermann sind Hebammen. Ihr Job ist es, Kinder auf die Welt zu holen. Aber sie tun noch so viel mehr. Ende September hat der Deutsche Bundestag beschlossen, dass die Hebammenausbildung in Deutschland künftig den europaweit gültigen Standards entsprechend ausschließlich an Hochschulen stattfinden und mit dem Bachelor abschließen soll. Wie die beiden Ochtruperinnen das finden? Großartig!

Mehr Ansehen

„Es scheint so zu sein, dass die Hebammen ein bisschen Rückenwind bekommen“, freut sich Edeltraud Heitmann über die Entwicklung. „Das gesellschaftliche Ansehen wird dadurch angehoben“, betont Katharina Jaegermann. Aber viel wichtiger sei, dass nun auch Hebammen endlich wissenschaftlich arbeiten, also auch forschen könnten. „Es geht doch darum, dass wir in unserem Wissensstand weiterkommen“, findet Edeltraud Heitmann. Auch die europaweite Anerkennung des Studiengangs finden beide wichtig. „Junge Hebammen können jetzt im Ausland zum Beispiel in den Niederlanden, in Skandinavien, Australien, Irland oder England arbeiten und damit Erfahrungen sammeln. Das macht ja auch was mit der Geburtshilfe in Deutschland“, ist Katharina Jaegermann überzeugt, dass dieser länderübergreifende Wissensaustausch nur positiv sein kann. Vielfach gelte ihr Beruf als unattraktiv. Die Arbeit am Wochenende, die schlechte Bezahlung, die Schichtarbeit in Krankenhäusern . . . „Und trotzdem: Es ist ein wunderbarer Beruf. Ich möchte nichts anderes machen“, erklärt Edeltraud Heitmann und erntet strahlende Zustimmung von ihrer Kollegin.

Bessere Bezahlung?

Vielleicht trage die Akademisierung ja langfristig dazu bei, dass Hebammen auch besser bezahlt würden oder es endlich eine vernünftige Lösung für die Haftpflichtsackgasse der freiberuflichen Hebammen gebe. Etwa 7000 Euro muss eine Hebamme jedes Jahr an ihre Haftpflichtversicherung zahlen, wenn sie Geburten betreuen möchte. Als Beleghebamme bei einer Eins-zu-Eins-Betreuung darf sie aber pro Geburt nur eine Pauschale abrechnen. Laut der Hebammengebührenordnung sind das normalerweise 280,22 Euro. Bedeutet für die Hebamme: Sie muss allein etwa 25 Geburten im Jahr vorweisen, um wenigstens die Kosten für eine Haftpflichtversicherung abzudecken. Edeltraut Heitmann und Katharina Jaegermann bieten aus diesem Grund in ihrer mobilen Praxis nur Vor- und Nachsorge an. „Wir machen alles außer Geburt“, sagt Edeltraut Heitmann. Schade findet die 54-Jährige das schon, zumal sie nicht, wie ihre Kollegin, als angestellte Hebamme in Teilzeit im Krankenhaus arbeitet, sondern in einer gynäkologischen Praxis beschäftigt ist. Während Katharina Jaegermann also zumindest während ihrer Dienstzeit im Krankenhaus Geburten betreut – und mit etwas Glück sogar die Frauen, die sie schon aus der Vorsorge kennt – muss Edeltraut Heitmann darauf verzichten. „Aber wir betreuen die Frauen ja ansonsten während der gesamten Schwangerschaft – vom Schwangerschaftstest bis zur Geburt und danach natürlich auch“, findet die Hebamme diese Tatsache nicht dramatisch.

„Der Beruf dazwischen“

Ihr Job sei heute ohnehin viel breiter aufgestellt als früher. „Der Beruf dazwischen“, nennt ihn Edeltraud Heitmann. Denn die Hebammen kooperieren nicht nur mit Ärzten in Krankenhäusern und Praxen, sondern arbeiten zudem mit dem Jugendamt, mit Osteopaten, Frühförderstellen, dem Hospizverein und mit verschiedenen Beratungsstellen zusammen.

Die Digitalisierung ist natürlich auch bei den Hebammen angekommen. Anmeldungen für Geburtsvorbereitungskurse und dergleichen laufen heute per E-Mail, viele Anfragen ebenfalls. Doch ganz wichtig sei, den Kontakt zu den Frauen und ihren Familie nicht zu verlieren. Eine Wochenbett-Ambulanz ohne persönlichen Kontakt zu den Frauen? Für die beiden Ochtruperinnen undenkbar. Auf den Hausbesuch lassen sie nichts kommen. Viel schneller sei es ihnen so möglich, etwa eine Wochenbett-Depression zu erkennen und entsprechende Hilfe anzubieten.

Es muss nur jemand für die Frauen da sein.

Katharina Jaegermann

Edeltraud Heitmann hofft, dass sich durch das neue Hebammen-Studium mehr junge Menschen für den Beruf begeistern können. Denn, dass es einen Mangel an Hebammen gebe, stehe außer Frage. „Man muss immer sehen, dass eine Geburt für die Frauen eine absolute Ausnahmesituation ist“, betont die erfahrene Hebamme. „Aber sie kann auch ein schönes Erlebnis sein, trotz der Schmerzen. Es muss nur jemand für die Frauen da sein“, ergänzt Katharina Jaegermann. Dafür sei eine Eins-zu-Eins-Betreuung unerlässlich. „Und davon sind wir aktuell weit entfernt“, weiß Edeltraud Heitmann von vielen Frauen, die das Geburtserlebnis als traumatisierend empfunden haben, weil sie sich allein gelassen gefühlt haben. „Das ist unerhört in so einem reichen Land“, ärgert sich die 55-Jährige. Doch den Hebammen in den Kliniken sei meistens kein Vorwurf zu machen, müssen sie doch oftmals mehrere Frauen gleichzeitig betreuen. Umso wichtiger also, die Ausbildung durch ein Studium zur Hebamme aufzuwerten.

Uni statt Schule: Bachelor of Midwifery Science

Statt bislang an einer Hebammenschule eine dreijährige Ausbildung mit Schul- und Praxisblöcken zu absolvieren, sollen Hebammen künftig vier Jahre an der Universität studieren. Ab 1. Januar 2020 (Übergangsphase bis 2021) soll der Bachelor of Midwifery Science (deutsch: Geburtshilfe) deutschlandweit eingeführt werden. Das Studium ist praxisintegriert angelegt. „Der Schwerpunkt soll im Krankenhaus bleiben“, weiß Edeltraud Heitmann. Bisher gab es bereits in einigen Bundesländern wie etwa Niedersachsen die Möglichkeit, auf diesem Fachgebiet zu studieren. Katharina Jaegermann und Edeltraut Heitmann gehen davon aus, dass neben einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit (Bachelorarbeit) auch künftig eine praktische sowie mündliche und schriftliche Prüfungen vorgeschrieben sind. Wer das Fach studieren möchte, muss mindestens 18 Jahre alt sein und ein Abitur beziehungsweise Fachabitur nachweisen können.

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