Friedhofsbesuch
Gräber im Wandel – warum sie wichtig bleiben

Tecklenburg/Münster -

Es ist Tradition, an Allerheiligen ganz besonders der Toten zu gedenken. Dazu gehört für viele ein Besuch auf dem Friedhof. Welche Bedeutung hat ein Grab für die Trauerarbeit? Das wollte unser Redaktionsmitglied Gunnar A. Pier von Trauma-Fachberaterin Uli Michel wissen. Sie betreut von Tecklenburg aus besonders Eltern, deren Kinder kurz vor oder nach der Geburt gestorben sind.

Freitag, 01.11.2019, 11:38 Uhr aktualisiert: 01.11.2019, 11:47 Uhr
Das Grab eines Verstorbenen individuell zu gestalten, kann Hinterbliebenen bei der Trauer helfen.
Das Grab eines Verstorbenen individuell zu gestalten, kann Hinterbliebenen bei der Trauer helfen. Foto: dpa

Frau Michel, die Zeiten ändern sich – aber das Trauern am Grab ist geblieben. Oder?

Michel: Wir erleben schon einen Wandel der Bestattungskultur und einen Trend hin zu Friedwäldern oder Einäscherungen. Das liegt auch daran, dass viele Familien nicht mehr ihr ganzes Leben an einem Ort bleiben. Aber ich merke, dass be­sonders in der ersten Zeit das Grab für viele noch sehr wichtig ist.

Warum?

Michel: Viele Trauernde fühlen sich dem Verstorbenen dort besonders nah. Durch die Grabgestaltung können sie ihre Nähe und Liebe ausdrücken – ich kann meine Liebe dort hinbringen. Die emotionale Verbundenheit merkt man auch, wenn Trauernde manchmal Dinge wie ein Vögelchen auf dem Grab oder den Sonnenschein wie ein Zeichen des Verstorbenen wahrnehmen.

Raten Sie den Menschen dazu, das Grab regelmäßig zu besuchen?

Michel: Diesen Rat gebe ich tatsächlich nicht. Es ist wichtiger, im Gespräch mit den Menschen herauszu­finden, wo für sie der rich­tige Ort für die Trauer ist. Das kann das Grab sein – aber auch ein anderer Ort.

Zum Beispiel?

Michel: Ein Ort, der demVerstorbenen besonders wertvollwar etwa. Wenn der Verstorbene gerne auf Sylt war, kann es auch Sylt sein. Und ich hatte vor Kurzem je­manden hier, für den die richtige Musik, bestimmte Lieder, so etwas wie der Ort zum Trauern und zum Weinen ist. Weinen gehört ja auch dazu.

Gibt es Menschen, die sich bewusst gegen Besuche am Grab entscheiden?

Michel: Ja klar, die gibt es. Manche Trauernde gehen dreimal am Tag zum Grab, weil ihre Sehnsucht unermesslich groß ist. Sie reden mit dem Verstorbenen oder sprechen ein Gebet. Andere gehen nie zum Grab oder haben erst gar keins ein­gerichtet. Auch das hat seine Berechtigung.

Welche Alternativen gibt es denn?

Michel: Einen Friedwald zum Beispiel. Dort habe ich nicht mehr die Möglichkeit, etwas individuell zu gestalten, aber es gibt Trauernde, denen das Gefühl hilft, die Natur nehme ihre Trauer auf. Manche Eltern sagen auch: Ich möchte das Kind in meinem Herzen tragen – ein Grab hat nicht so eine Bedeutung für mich. Sie haben vielleicht eine Gedenkecke im Haus mit Kerzen und Fotos eingerichtet. Trauer verändert sich mit der Zeit – auch wenn man den Ver­storbenen nicht vergisst. Trauern ist ein natürlicher Prozess. Wir Begleiter können und dürfen den Menschen die Trauer übrigens nicht wegnehmen. Wir können sie aber dabei unterstützten, den für sie richtigen Umgang damit zu finden.

Sie sagen „In der Trauer liegt auch heilsame Kraft“. Was bedeutet das?

Michel: In der Trauer muss ich mich auf eine ­veränderte Situation einstellen, das erfordert Neuausrichtung. Für diesen Veränderungsprozess brauche ich viel Geduld und Kreativität – das ist auf jeden Fall ein Neulernen. Viele wachsen dabei über sich hinaus und gehen persönlich gestärkt aus einer solchen Situation heraus.

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