Mobilität im Wandel
Zu viel Konkurrenz, zu wenig Kooperation

Münsterland -

Die Not ist groß, wenn es um das Thema Mobilität geht. Zu viele Autos, unflexible Busse, Bahnverspätungen: Menschen wollen mobil und das auch stressfrei sein. Etwas Neues muss her, eine Alternative. Danach wird auch an vielen Stellen gesucht. Das ist nicht falsch. Aber auch nicht wirklich klug.

Sonntag, 03.11.2019, 12:15 Uhr aktualisiert: 03.11.2019, 13:00 Uhr
Mobilität im Wandel: Zu viel Konkurrenz, zu wenig Kooperation
Foto: Gunnar A. Pier, Colourbox.de, Stadtwerke Münster, Theo Heitbaum (v. links oben)

Das Thema Mobilität hat ­einen bemerkenswerten Wandel hingelegt. Viele Jahre steckte es in der Motz-Ecke fest. Autofahrer klagten über Staus, Zugfahrer über Verspätungen: Sich darüber aufzuregen, gehörte irgendwie zum guten Ton – und niemand hörte richtig hin. 

Kein Wunder, schließlich ist die Not groß. Autos verstopfen die Städte, die Bahnen sind notorisch unzuverlässig, Busse viel zu unflexibel. Und die Menschen? Müssen den Spagat hinbekommen, hochmobil zu sein, ohne zu wissen, wie sie das eigentlich halbwegs stressfrei bewältigen sollen.

Etwas Neues muss also her, eine echte Alternative. Danach wird auch in Westfalen an vielen Stellen gesucht. Das ist nicht falsch. Es ist aber auch nicht wirklich klug. Weil jede Region für sich das Thema beackert und somit gleichzeitig an mehreren Orten versucht wird, immergleiche Räder neu zu erfinden.

Was fehlt

Selbst das Wording ist austauschbar. Da wird von„Reallaboren“ gesprochen, von „multimodalen Systemen“ und „Mobilitätsstrategien“. Was fehlt, ist eine In­stanz, die die Vielfalt bündelt, Aufgaben verteilt, das Ausprobieren steuert und Experimentieren lenkt. Mehr Koordination für weniger Konkurrenz also.

2018 ernannte NRW-Verkehrsminister Hendrik Wüst (CDU) das Münsterland zur NRW-Modellregion in Sachen neuer Mobilität. Seitdem wird unter der Leitung des Steinfurter Landrats Dr. Klaus Effing daran gearbeitet. Zuvor hatte der Münsterland e.V. hier den Hut aufgehabt. Dann übernahm kurzzeitig Regierungspräsidentin Dorothee Feller – auch sie hatte die Zeichen der Zeit erkannt.

Bahn, Bus, Fahrrad, E-Au­to, alles klug vernetzt, so individuell wie möglich, digital getunt und wo möglich auf Abruf ab Haustür – also frei von starren Fahrplänen, so soll die mobile Lösung demnächst im Münsterland aussehen. Zeitsparend und kostengünstig muss sie obendrein sein, sagt Landrat Effing. „Sonst nutzt das ja keiner.“ Zentraler Punkt: Hubs genannte Knotenpunkte, an denen die verschiedenen Verkehrsträger zusammenlaufen. Multimodal eben. Auch das autonome Fahren soll erprobt werden. Natürlich.

Blick nach Bielefeld

Dasselbe Thema, anderer Ort. Statt Münster nun Bielefeld. Hier hat die Ostwestfalen GmbH ihren Sitz, die arbeitet auch an der Regionale 2022. Eines ihrer zen­tralen Themen: „die neue Mobilität“. Projektleiterin ist Astrid Butt. Auch sie spricht von der „multimodalen Mobilität“, die in Ostwestfalen erprobt werden soll, davon „Stadt und ländliche Räume verkehrlich zu verbinden“, von Vernetzung, Digitalisierung und autonomem Fahren, das auch im Osten NRWs ausprobiert werden soll.

Neue Szene, dasselbe Thema. 2025 findet die Regionale in Südwestfalen statt. Die Vorbereitungen dafür laufen. Herauskristallisiert hat sich: Ein Schwerpunkt wird die Mobilität. Eine erste Projektidee heißt „Land mobil 2025“ und „wird sich mit der Mobilität im ländlichen Raum befassen“, sagt Dr. Stephanie Arens, Prokuristin der Südwestfalen-Agentur in Olpe und verantwortlich für dieRegionale 2025. Zentral dabei: das Testen autonom fahrender Mobile.

Drei Regionen, ein Thema, keine echte Kooperation. Der Aufbau einer neuen Mobilität brauche ein Gesamtkonzept als Fundament, hatte NRW-Verkehrsminister Hen­drik Wüst beim Treffen der NRW-Management-Agenturen im Juni in Düsseldorf gesagt. „Die Menschen erklären uns für bekloppt, wenn wir das nicht koordiniert hinbekommen.“

Kommentar: Kleinstaaterei

Es ist immer dasselbe mit den Westfalen. Gemeinsam klagen können sie schnell und gut, etwas Gemeinsames auf die Beine stellen klappt hingegen selten bis gar nicht. 2016, als aus der Aufstellung des Landesentwicklungsplans ein mittelschweres Drama wurde, weil die Landesregierung zunächst die Westfalen vergessen hatte, gab’s am Ende eine gütliche Lösung und eine Zusage aus der Staatskanzlei: Wenn die Verantwortlichen im Münsterland, in OWL und Südwestfalen künftig gemeinsame Anliegen definieren und daraus übergreifende Projekte schmieden, gibt es dafür aus Düsseldorf neben Wohlwollen auch Unterstützung. Das Thema Mobilität wäre die Gelegenheit, eine Sache gemeinsam voranzubringen – und das Land beim Wort zu nehmen. Stattdessen ergehen sich die drei Teilregionen auch hier in Kleinstaaterei. Jeder wurschtelt für sich, alle versuchen sie, die gleichen Räder neu zu erfinden.

Klar: Neue Formen der Mobilität zu entwickeln, ist ein Zukunftsthema. Wer hier als erster Erfolge vorweisen kann, bekommt besonders große Meriten. Erfolgreiches Agieren sieht aber anders aus. Kooperieren statt konkurrieren, Aufgaben gemeinsam angehen, Arbeiten nach dem Musketier-Prinzip „Alle für einen, einer für alle“. Wer so vorgehen will, braucht jedoch eine zen­trale Steuerungseinheit. Hier ist das Land gefordert, als übergeordnete In­stanz, die lenkt und leitet. Das wäre eine Unterstützung, die die Westfalen dringend benötigen. Elmar Ries

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