Nichts los auf der Stroke Unit
Krankenhäuser streiten um Schlaganfallpatienten

Münster -

Die Bezirksregierung Münster hat dafür gesorgt, dass die Feuerwehren im Regierungsbezirk keine Schlaganfallpatienten mehr ins Clemenshospital bringen – obwohl das über eine komplette Abteilung zur Behandlung von Schlaganfallpatienten verfügt. Krankenwagen fahren die Klinik deswegen nur noch an, wenn sich die „Stroke Units“ der Uniklinik und des Herz-Jesu-Krankenhauses in Münster-Hiltrup abgemeldet haben.

Dienstag, 05.11.2019, 16:15 Uhr aktualisiert: 05.11.2019, 16:36 Uhr
Im Clemenshospital ist alles da, was es braucht, um Notfallpatienten nach einem Schlaganfall zu behandeln. Aber es darf nicht.
Im Clemenshospital ist alles da, was es braucht, um Notfallpatienten nach einem Schlaganfall zu behandeln. Aber es darf nicht. Foto: Wilfried Gerharz

Im Clemens-Hospital ist alles da, was es braucht: die Technik, die Ärzte, die Pflegenden, das Wissen. Nur die Patienten fehlen. Hartmut Hagmann ist Regionalgeschäftsführer der Alexianer, die das Clemens betreiben. Er sagt: „Alles, was Hirngefäße betrifft, können wir versorgen.“

Von der Neurochirurgie, die seit Jahrzehnten etabliert sei, und bei der Ärzte den Schädel öffnen, um am Gehirn operieren zu können, bis zur Frühreha („seit Jahrzehnten etabliert und überregional anerkannt“), in der Patienten nach einer OP betreut werden. Zusätzlich können Neuro-Radiologen am Clemens seit Juni 24 Stunden sieben Tage die Woche durch die Leiste verstopfte, ausgebeulte oder offene Gefäße behandeln, ohne den Schädel öffnen zu müssen.

Auch anspruchsvolle Behandlung möglich 

Nach Informationen unserer Zeitung streiten die Kliniken erbittert darum, ob es für eine weitere Stroke Unit in Münster einen Bedarf gibt. Das Clemens sagt Ja: In den ersten Tagen, nachdem das Krankenhaus die Notärzte über das zusätzliche Angebot informiert hatte, hätten die rund 25 Patienten gebracht. Insgesamt seien dort 50 bis 60 Patienten versorgt worden. Darunter zehn mit einer sogenannte Thrombektomie, bei der ein Gerinnsel mit einem speziellen Katheters wie mit einem Korkenzieher aus einem Gefäß im Kopf herausgezogen wird.

Diese Behandlung gilt als besonders anspruchsvoll. Die Ärzte dort sind laut Clemens rund um die Uhr dazu in der Lage, das Verfahren anzuwenden. Einige Ärzte haben noch vor kurzem am UKM gearbeitet, die Klinik aber dort wegen der dicken Luft durch einen Rechtsstreit zwischen dem früheren Ärztlichen Direktor Professor Robert Nitsch und dem Direktor des Instituts für Klinische Radiologie, Professor Walter Heindel, verlassen. 

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Das Land will künftig nach anderen Kriterien entscheiden, wo welche Krankenhausabteilung betrieben werden kann: „Die künftige Krankenhausplanung soll nicht mehr allein anhand der Bettenzahl vorgenommen werden, die das wirkliche Versorgungsgeschehen nicht berücksichtigt“, wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums erklärt. Vielmehr sollten in einem „anspruchsvollen und komplexen“ Verfahren auch Kriterien für Stroke Units neu festgelegt werden. Laut Bezirksregierung gibt es keine allgemein akzeptierte Formel für den „richtigen“ Bedarf an Stroke Units. Zu beachten sei aber, dass sich durch eine zusätzliche Stroke Unit die knappen  Ärzte und Pflegenden  auf eine zusätzliche Schlaganfalleinheit verteilen würden. Dies könne wiederum dazu führen, dass Betten wegen Personalmangels nicht genutzt werden können. Das wei weder wirtschaftlich und qualitativ erwünscht. (werd) 

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Die Transporte ins Clemens endeten abrupt, als die Bezirksregierung alle Krankenhausträger darüber informierte, dass Krankenwagen in der Regel das UKM oder das Herz-Jesu-Krankenhaus anzufahren haben. Seitdem lassen Rettungswagen auf dem Weg dorthin das Clemens links liegen. „Das kann nicht der Sinn sein“, sagt der Medizinische Direktor des Clemenshospitals und der Raphaelsklinik, Hans-Ulrich Sorgenfrei.

Ganze zwei Stroke Units in Münster

Der Ärztliche Direktor des UKM, Prof. Hugo Van Aken, betont, dass eine Stroke­ Unit in den Krankenhausplan passen müsse. Der regelt die Verteilung der Klinikabteilungen. Zwei Stroke Units in Münster reichten aus. „Wir haben genug. Nicht jedes Krankenhaus muss alles machen.“ Das Herz-Jesu-Krankenhauses Hiltrup bezeichnet die Versorgung von Schlaganfallpatienten gerade in Münster und Umgebung als „exzellent“. Sein Geschäftsführer Berthold Mathias meint: „Zusätzliche Krankenhausstandorte zur Reduktion der Fahrzeit würde das Risiko von Qualitätseinbußen steigern.“

Van Aken achtet darauf, dass sich die Stroke Unit der Uniklinik – genauso wie die Notfallaufnahme – nicht mehr abmeldet, seitdem er das Amt des Ärztlichen Direktors im Juni übernommen hat. „Wir dürfen uns gar nicht abmelden“, meint er. Ein Primärversorger wie die Uniklinik müsse alle Notfälle aufnehmen können. Warum sich die Stroke Unit vor seinem Amtsantritt öfter abgemeldet habe, „weiß ich nicht“, wie er sagt. Wie oft die Stroke­ Unit bis zu seinem Amtsantritt abgemeldet war, verrät das UKM nicht.

Mehr Belastung für Personal? 

Dass das Personal in der Abteilung seitdem deutlich mehr Überstunden machen muss, bestreitet Van Aken. Die Dienstpläne seien zwar korrigiert worden, die Menge der Überstunden bewege sich aber im gesetzlichen Rahmen. Der Personalrat der wissenschaftlich Beschäftigten am UKM, Ulrich Plate, beantwortet Mails unserer Zeitung zu dem Thema Überstunden dagegen nicht. Am Telefon gibt er unter Verweis auf den angeblichen Persönlichkeitsschutz der Angestellten keine Stellungnahme ab.

Die Konzentration auf die Stroke Unit kostet offenbar so viel Energie, dass nach Auskunft eines niedergelassenen Neurologen andere Patienten zu kurz kommen. Er überweist jedenfalls keine Neurologie-Patienten mehr in die Uniklinik, bei denen aufwendige Verfahren nötig sind. Solche Patienten schickt er „lieber nach Hiltrup oder Dülmen“.

Was ist eine "Stroke Unit"?

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  • „Stroke Units“ sind Spezialeinheiten für Schlaganfall-Patienten. „Stroke“ heißt Schlag, „unit“ Einheit. Eine Stroke Unit muss über die Geräte und das Personal verfügen, um einen Schlaganfallpatienten richtig behandeln zu können – und das 24 Stunden am Tag sieben Tage die Woche.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die Experten müssen in der Lage sein, verstopfte Gefäße im Gehirn so schnell wie möglich wieder zu öffnen. Laut Stiftung Schlaganfall müssen die Kliniken Neurologen, Kardiologen sowie Radiologen und Neuro- und Gefäßchirurgen verfügen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die Bezeichnung „Stroke Unit“ oder auch „Schlaganfall-Station“ ist in Deutschland gesetzlich nicht geschützt. Bei einem Schlaganfall ist die Blutversorgung des Gehirns unterbrochen. Das kann je nach betroffenem Gehirnareal zu schweren Lähmungen oder Sprachstörungen führen.

    Foto: dpa
  • Seitdem Professor Hugo Van Aken Ärztlicher Direktor des UKM ist, darf sich die Stroke Unit dort nicht mehr abmelden. Warum sie das vor seinem Amtsantritt öfter getan hat, „weiß ich nicht“, wie er sagt. Wie oft die Stroke­ Unit bis zu seinem Amtsantritt abgemeldet war, verrät das UKM nicht.

    Foto: Clemenshospital Münster
  • Dass Patienten mit einem Schlaganfall am Clemens vorbeigefahren werden, findet dessen ärztlicher Direktor Dr. Hans-Ulrich Sorgenfrei ärgerlich: "Das kann nicht der Sinn sein," sagt er.

    Foto: Clemenshospital Münster
  • Hartmut Hagmann ist Regionalgeschäftsführer der Alexianer, die das Clemens betreiben. Er sagt: „Alles, was Hirngefäße betrifft, können wir versorgen.“

    Foto: Clemenshospital Münster
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