Sinja Mayer wurde Opfer eines Unfalls
Ein Riss im Sicherheitsgefühl

Hörstel -

Das Auto ist schnell abgeschleppt, die Wunden sind versorgt - doch die Folgen eines schweren Verkehrsunfalls spüren Betroffene häufig auch Jahre später noch. Wie Sinja Mayer, die vor vier Jahren auf der A30 verunglückte. Sie hat sich entschlossen, darüber zu sprechen.

Montag, 11.11.2019, 15:00 Uhr aktualisiert: 11.11.2019, 15:39 Uhr
Sinja Mayer ist Opfer eines schlimmen Autounfalls auf der Autobahn geworden. Ihr Auto wurde bei einem Unfall total zerstört, davon geblieben ist ihr nur noch der Zündschlüssel.
Sinja Mayer ist Opfer eines schlimmen Autounfalls auf der Autobahn geworden. Ihr Auto wurde bei einem Unfall total zerstört, davon geblieben ist ihr nur noch der Zündschlüssel. Foto: Stephan Beermann

„Schwerer Unfall auf der A 30 – 28-Jährige im Krankenhaus“, so hieß später die Überschrift in der Zeitung. Eine Meldung, wie sie oft zu lesen ist. So gesehen also nichts Ungewöhnliches. Und doch ahnen die meisten, dass es für die Unfall-Betroffenen damit nicht getan ist. Aber was das genau bedeutet – wer weiß das schon?

Sinja Mayer hat einen ungewöhnlichen Schritt gemacht, um auf das Schicksal von Unfallopfern aufmerksam zu machen. Gemeinsam mit ei­ner Freundin berichtet sie in einem sozialen Netzwerk, mit welch kruden Reaktionen manche Mitmenschen Unfallopfern begegnen. „Ihr habt doch nichts“ oder: „Seid froh, dass ihr noch lebt“ sind einige von vielen Bemerkungen. Sinja ist die in der Überschrift erwähnte Frau, die vor vier Jahren bei dem Autounfall schwer verletzt wurde.

Einschränkungen im Alltag 

Früh am Morgen war die Bevergernerin auf der A 30 auf dem Weg zur Arbeit, als ihr Kleinwagen bei Ibbenbüren von einem überholenden Auto wie aus dem Nichts gerammt wurde und sich anschließend mehrfach überschlug. Dies änderte ihr bisheriges Leben von einem Moment auf den anderen.

Durch ihre schweren Verletzungen und deren Folgen wurde sie berufsunfähig. „Die Altenpflege war mein Traumjob“, sagt sie rückblickend. Sie habe die Seiten gewechselt. Denn jetzt sei sie nicht mehr die Helfende, sondern die, die Hilfe benötigt. „Die Leute sehen, dass man überlebt hat, aber nicht, wie man überlebt hat“, sagt sie, und weiter: „Auch wenn man nach außen gesund aussieht – ich habe etwas verloren.“ Konzentration und Gedächtnis musste sie mit Kraft und Mühe wiedererlernen. Auch wenn diese Einschränkungen nicht immer messbar sind, so wirken sie sich doch auf ihren Alltag und in ihrer Beziehung zu anderen Menschen aus.

Weltbild hat sich geändert

Eine Zeit lang konnte sie keine Musik mehr hören, die ihr früher doch so viel bedeutete. Wenn viele Menschen zusammenkommen, fiel es ihr schwer, ihre Aufmerksamkeit zu lenken und Eindrücke zu filtern. Das Kurzzeitgedächtnis war phasenweise wie weggeblasen, Rechnen musste sie wie im ersten Schuljahr wieder lernen. „Das Leben hat sich geändert, und ich mich selber auch“, stellt sie heute fest: „Ich bin nicht mehr unbeschwert.“

Während sie spricht, wirkt sie nicht traurig, sie lacht gerne. Doch das Gefühl der Sicherheit, es hat einen deutlichen Riss. Ihr Weltbild hat sich geändert. Es gelingt ihr, das eigene Befinden pointiert in Worte zu fassen: „Man macht sich über alles Gedanken und sieht überall Gefahren. Es ist klar, das ist Quatsch, wenn man es rational sieht. Aber das Gefühl sagt mir etwas anderes.“

„Wie in einer Seifenblase“

Im Rückblick, so Mayer, sei vieles nach dem Unfall verkehrt gelaufen. Die wirklichen, nicht sichtbaren Spätfolgen seien lange gar nicht erkannt und bis heute nicht in Gänze von der Berufsgenossenschaft aner­kannt. „Ich fühlte mich wie in einer Seifenblase, ich merkte: Mit meinem Kopf stimmt etwas nicht. Aber das wurde nicht ernst genommen“, sagt sie.

Eine Therapie folgte der nächsten, bis sie therapiemüde geworden ist. Auto fah­ren kann sie nicht mehr; beruflich hat sie sich zu Hause einen Online-Handel mit Modeschmuck aufgebaut. Auf den ersten Blick hat sie ihr Leben neu aufgestellt. Doch der Unfall und dessen Folgen bleiben „Hauptthema Nummer eins in meinem Leben“, sagt sie. Es lässt sie nicht mehr los, obwohl sie das Buch so gern schließen würde. Heute sagt sie: „Ich will kein Mitleid, aber den Leuten die Augen dafür öffnen, dass es Krankheiten gibt, die man nicht sieht.“

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