Aussteiger Philip Schlaffer am St. Michael
Sein tiefer Absturz in die Neonazi-Szene

Ahlen -

Viele Jahre lang galt Philip Schlaffer als einer der gefährlichsten Rechtsextremisten in Deutschland. Als Aussteiger trat er vor Schüler des Ahlener Gymnasiums St. Michael. Mit schockierenden Schilderungen.

Dienstag, 26.11.2019, 16:22 Uhr
Philip Schlaffer vor Schülern des Gymnasiums St. Michael.
Philip Schlaffer vor Schülern des Gymnasiums St. Michael.

Im Rahmen seines Engagements als „Schule gegen Rassismus“ konnte das Gymnasium St. Michael den 41-jährigen Philip Schlaffer, Aussteiger aus der rechten Szene, für einen in Ahlen bisher einmaligen Vortrag gewinnen. Philip Schlaffer war viele Jahre lang einer der gefährlichsten Rechtsextremisten in Deutschland. Er engagiert sich jetzt im Verein „Extremislos“ als Gewaltpräventionstrainer und berichtet von seinem Ausstieg. Ganz offen sprach er vor den Schülern der Leistungskurse Pädagogik über die dunklen Kapitel seiner Vergangenheit, seine Zeit als Neonazi, über Messerstechereien, illegale Geschäfte, Körperverletzung und über insgesamt drei Jahre im Gefängnis.

Eindrucksvoll schilderte Philip Schlaffer, wie verschiedene Etappen seiner Biografie ihn entwurzelten. Nachdem er bereits mehrfach umgezogen war, ging es zurück an seinen Ursprungsort, Lübeck, in seine alte Schule, in sein altes Haus. In diesem Moment kippt seine schöne Kindheit. Schlaffer sträubt sich gegen die erneute Entwurzelung und will nicht zurück. Er findet keinen Anschluss, die Noten sind schlecht. „Du bist ein Loser“, sagen seine Mitschüler. „Streng dich mal ein bisschen an“, sagen seine Eltern. Dass die Startschwierigkeiten zur echten Krise werden, merken sie nicht. Die Eltern kommen an den pubertierenden Jungen nicht mehr richtig ran.

Anerkennung in der Szene

Dass er zu diesem Zeitpunkt rechte Musik hört, im Keller deutschnationale Fahnen aufhängt und Mitschüler verprügelt, nehmen seine Eltern besorgt wahr und versuchen durch Verbote und Belehrungen einzugreifen. Diese Verbote erzeugen in dem rebellierenden Teenager jedoch immer mehr Wut, so dass seine Eltern zum Feindbild für Schlaffer werden und er über Jahre hinweg immer tiefer in die rechte Szene abrutscht. Dort findet er, was er so dringend sucht: Anerkennung.

Später steigt Schlaffer zur anerkannten und gefürchteten Größe in der Neonazi-Szene auf. Er eröffnet in Wismar den „Werwolf-Shop“, verkauft dort rechte Klamotten und unter dem Ladentisch verbotene Musik. Der Shop wird zum Zentrum der Rechten in Ostdeutschland und Schlaffer steigt zu einem der bedeutendsten Produzenten illegaler Rechtsrockmusik in Deutschland auf. In den Medien erlangte er 2009 deutschlandweit Bekanntheit, als er bei einer antifaschistischen Demonstration vor seinem Laden mit vier weiteren Angreifern, ausgerüstet mit Alu-Baseballschlägern, auf die Demon­stranten losgehen wollte. Die wenigen anwesenden Polizisten mussten ihre Dienstwaffen ziehen, um eine Gewalteskalation zu vermeiden.

Verbote bringen nichts

Im Laufe von zwei Jahrzehnten hat er viele negative Erlebnisse innerhalb der rechtsextremen Subkultur erlebt, besonders viel Gewalt und Betrug untereinander. Selbstverständlich hatte er auch tolle Momente und zeitweise ein Gefühl von Familienersatz in diesem Milieu, ohne einige positive Erlebnisse hätte er kaum einen so langen Weg gehen können. Vor ein paar Jahren, nach einer weiteren großen menschlichen Enttäuschung, kam das harte Aufwachen, die Kehrtwende mit psychologischer und seelsorgerischer Hilfe.

Schlaffer setzt bei seiner Arbeit auf Aufklärung sowie Prävention. Seiner Meinung nach bringen Verbote des menschenverachtenden Gedankenguts nichts, sondern es muss durch Bildung und positive Erfahrungen ersetzt werden. Deshalb arbeitet Schlaffer mit den Schülern die Faszination für Extremismus auf und stellt erschreckende Vergleiche zu aktuellen politischen Bewegungen.

Schockierende Erkenntnisse

Die Schüler des Abiturjahrgangs des Gymnasiums St. Michael zeigten sich engagiert und äußerst beeindruckt. Sie gewannen viele, teils schockierende Erkenntnisse und konnten ihr Theoriewissen aus dem Pädagogikunterricht realitätsnah anwenden. Schlaffer beeindruckte sie mit seiner Persönlichkeit und seinem Insiderwissen. Er beantwortete zahlreiche Fragen, auch wenn sie unbequem waren beziehungsweise sich kritisch mit seiner Vergangenheit auseinandersetzten.

Die Veranstaltung wurde vom Förderverein der Schule sowie vom Jugendfonds der Partnerschaft für Demokratie Ahlen „Demokratie leben! Eine Idee vom Glück“ gefördert. Die Jugendlichen des Jugendfonds waren von der Idee begeistert und gaben ihre Zustimmung zu diesem bisher einmaligen Projekt als eine Kooperation der Stadt Ahlen, der AWO Ruhr-Lippe-Ems und des Bürgerzentrums Schuhfabrik in Ahlen. Und

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