Neue Leitungsmodelle für Kirchengemeinden
Bistum Münster macht ernst: Die Stunde der Laien

Münster -

Immer weniger Priester, perspektivisch deutlich weniger Geld: Das Bistum Münster sucht nach neuen Wegen in der Gemeindeleitung und setzt dabei verstärkt auf Laien.

Donnerstag, 28.11.2019, 20:30 Uhr aktualisiert: 29.11.2019, 09:27 Uhr
Neue Formen der Gemeindeleitung will das Bischöfliche Generalvikariat im Bistum Münster zulassen. Dabei sind auch Laien gefragt, Geistliche sollen sich dadurch wieder mehr auf ihre seelsorgerischen Aufgaben konzentrieren können.
Neue Formen der Gemeindeleitung will das Bischöfliche Generalvikariat im Bistum Münster zulassen. Dabei sind auch Laien gefragt, Geistliche sollen sich dadurch wieder mehr auf ihre seelsorgerischen Aufgaben konzentrieren können. Foto: Fotos: colourbox

Der größer werdende Priestermangel, ein perspektivisch leerer werdendes Portemonnaie und die Tatsache, dass Bischof Felix Genn die Gemeinden nicht zu noch größeren Einheiten fusionieren will, machen diesen Weg aus Sicht des Bischöflichen Generalvikariats unausweichlich. Das hat Frank Vormweg, noch Leiter der Hauptabteilung Seelsorge und ab Januar Leiter der Hauptabteilung Zentrale Aufgaben, gesagt.

Zweiter Anlauf

Dabei will Genn den Gemeinden so wenige Vorgaben wie möglich machen und ausdrücklich Experimente erlauben. Die Grenzen des Machbaren bestimmen allein die Vorgaben des Kirchenrechtes. „Die sind aber sehr weit gefasst“, betont Bistumssprecher Dr. Stephan Kronenburg.

Mit dem Vorstoß, der im Februar durch die Verabschiedung einer Handreichung offiziell wird, nimmt das Bistum einen zweiten Anlauf, neue Leitungsformen zu etablieren. 2017 war ein erster Feldversuch gescheitert. Auch damals hatte das Bischöfliche Generalvikariat die Gemeindemitglieder zu einem stärkeren Engagement eingeladen. Die Reaktionen waren gleich Null, was daran lag, „dass die Anforderungen“, so Vormweg, „zu wenig an den Gegebenheiten der Pfarreien ansetzten“, sich Ehrenamtler mit Leitungsaufgaben offenbar überfordert fühlten – und sich an der Basis vermutlich auch niemand so recht vorstellen konnte, dass es die Bistumsleitung wirklich ernst damit meint, Traditionen infrage zu stellen, Hierarchien auf- und damit Selbstverständnis, Einfluss und letztlich Macht abzugeben.

Kulturwandel angestrebt

Nun wagt das Generalvikariat einen zweiten Vorstoß, den der Bischof unter die Überschrift „Kulturwandel“ gestellt hat. Und nicht weniger als das ist das Projekt auch. „Wir wollen alternative Leitungsmodelle“, sagt Vorm­weg. Und „mehr ermöglichen als untersagen“. Unverrückbar bleibt, dass der Pfarrer die Leitung der Pfarrei innehat. Das ist im Kirchenrecht so festgeschrieben. Aber nirgendwo steht geschrieben, dass er sie nicht delegieren kann. „Wir erlauben auf diesem Weg auch Laien die faktische Leitung von Gemeinden“, sagt der Hauptabteilungsleiter.

Wie das aussehen kann, zeigt ein Pilotprojekt in der Pfarrei St. Antonius in Herten. Norbert Mertens ist dort der Pfarrer, Josef Vossel Verwaltungsreferent. Der eine ist seit Oktober für die Seelsorge zuständig, der andere für die Verwaltung.

Herten ist ein Beispiel dafür, wie es gehen kann. Aber nicht dafür, wie es gehen muss. Bei einem Treffen von Vertretern aus 40 Kirchengemeinden im Bistum hatte Generalvikar Dr. Klaus Winterkamp vor ein paar Wochen die Vielfalt der Möglichkeiten betont.

Leitungsmodelle an Gemeinden anpassen

„Wir scheren das Bistum nicht über einen Kamm“, hatte er gesagt. Manche Gemeinden seien eher traditionell aufgestellt, in anderen sei die Säkularisation weiter fortgeschritten. Vielfältig könnte darum die Mitwirkung an der Leitung von Pfarreiräten und Kirchenvorständen sein. „Das Experimentierfeld liegt in der Pfarrei.“

Vormweg ist klar, dass derartige Strukturänderungen weder von oben verordnet noch von jetzt auf gleich umgesetzt werden können. „Das ist ein Prozess, der die fünf oder zehn Jahre dauern wird.“ Weil er vom Erproben und Ausprobieren, vom Anpassen und Verändern lebt. Fest steht bei all dem bisher aber eines: Hat sich eine Gemeinde für einen Weg entschieden, wird der auch dann weiter beschritten, wenn ein neuer Pfarrer kommt.


Pressemitteilung des Bistums Münster (vom 29.11.):

Handreichung stellt Möglichkeiten der Leitung vor und ermutigt zu Experimenten

"Wie kann Kirche zukunftsfähig gestaltet werden? Wie kann den Veränderungen
in Gesellschaft, in der Seelsorge und in den Berufsfeldern der Kirche so Rechnung getragen
werden, dass Kirche den Herausforderungen der heutigen Zeit angemessen begegnen
kann? Diesen Frage nähert sich das Bistum Münster nun mit einer Handreichung, in der unterschiedliche
Möglichkeiten der Leitung von Kirchengemeinden vorgestellt werden. „Der
Text ist eine Anregung, er soll die Menschen vor Ort zu Experimenten ermutigen“, betont
Generalvikar Dr. Klaus Winterkamp. Das vorläufige Dokument wird nun im Diözesanrat, dem
obersten synodalen Mitwirkungsgremium, und weiteren Gremien beraten, Anregungen werden
eingearbeitet und im Frühjahr kommenden Jahres soll das Papier von Bischof Dr. Felix
Genn in Kraft gesetzt werden.

„Der Entwurf der Handreichung ist das Ergebnis zweier Treffen, bei denen Pfarreien von ihren
Erfahrungen und Anforderungen berichtet haben. Der vorliegende Text ist also aus der
Praxis – für die Praxis“, erläutert Winterkamp. Er sei ebenso eine Weiterentwicklung des Kulturwandelpapiers,
wie er versuche, den Erkenntnissen der Zufriedenheitsstudie Rechnung zu
tragen.

Gesellschaftliche und pastorale Bedingungen sowie Berufsfelder verändern sich. Der Ruf
nach mehr demokratischen Beteiligungsformen und Geschlechtergerechtigkeit wird lauter,
es geht um das Zusammenspiel von haupt- und ehrenamtlich Tätigen, und auch die Struktur
der größeren Pfarreien, die sich häufig über unterschiedliche Orte oder Ortsteile erstrecken,
fordert neue Ansätze der Aufgabenteilung, Organisation und Führung. Dazu kommt, dass
sich Aufgaben und Berufsprofile verändern. Berufsbilder, die hinzukommen – zum Beispiel
Verbundleitungen oder Verwaltungsreferentinnen und -referenten – dienen dazu, vor allem
Pfarrer in ihrer Verwaltungstätigkeit zu entlasten und mehr Freiraum für Seelsorge zu schaffen.

Auch der fehlende Nachwuchs in pastoralen Berufen sorgt bereits heute dafür, dass das
Verständnis von Leitung sowie die Verteilung von Leitungsaufgaben sich verändert.
„Leitung hat im Bistum Münster viele Gesichter“, macht Winterkamp klar und erklärt weiter:
„So unterschiedlich die Pfarreien und Gemeinden sind, so unterschiedlich dürfen auch die
Leitungsformen sein.“ Deutlich werde das auch im Pastoralplan des Bistums Münster, der
den Satz enthalte: „Die Lebenswirklichkeit der Menschen ist Ausgangspunkt jeder Pastoral.“
Dabei sei die Entwicklung vielfältiger Leitungsformen vor Ort nicht isoliert, sondern im
Kontext lokaler Pastoralpläne zu betrachten: „Die Überlegungen zu den neuen Leitungsformen
knüpfen am Pastoralplan an oder entwickeln sich daraus weiter“, sagt der Generalvikar.
Es gehe um eine Kultur der Beziehung.

Einige Formen werden in der Handreichung als Anregung mit Chancen und auch Herausforderungen
erläutert. So wird die Leitung durch Teamgespräche von Pastoralteam und ehrenamtlich
Verantwortlichen ebenso vorgestellt wie die Möglichkeit einer Verwaltungsleitung
oder die Leitung einer Pfarrei durch eine vom Bischof beauftragte Person, die nicht Priester
ist. „Das, was hier beschrieben wird, kann Grundlage und Inspiration sein für die Entwicklung
eigener Ideen vor Ort. Es gibt nicht ‚das eine Modell‘“, betont Winterkamp. 

Bischof Genn ermutige ausdrücklich, Leitungsformen zu entwickeln, die für die jeweiligen Strukturen angemessen seien. „Dabei verantworten die Gremien der Pfarrei, sprich Pastoralteam, Pfarreirat, Kirchenvorstand oder Kirchenausschuss, die pastoralen Leitlinien der Pfarrei und ermöglichen ihre Umsetzung“, erklärt Winterkamp. Das geschehe auf Gesprächsbasis mit dem BGV.

Außerdem sei es sinnvoll, die neue Leitungsform zeitlich zu befristen. „Dann kann vor Ort im
Rahmen einer Auswertung geschaut werden, ob es das richtige Modell ist, ob und, wenn ja
etwas verändert werden muss“, sagt der Verwaltungschef des Bistums.

Eng begleitet und unterstützt werden die Entwicklungen vielfältiger Leitungsformen vor Ort von Fachleuten
aus dem Bischöflichen Generalvikariat. Auch eine Vernetzung der Pfarreien und Verantwortungsträger
untereinander ist geplant – „auch hier: Stichwort Beziehung“, so Winterkamp.
Bischof Genn sagt es deutlich: „Wir brauchen nicht in erster Linie die Beschränkungen zu sehen,
sondern die Chancen und Möglichkeiten, die in den Charismen so vieler Gläubiger und
Zweifelnder liegen. Daraus ergibt sich: angstfrei mit Mut zum Experiment und mit Mut zum
Scheitern zu wirken.“

Nach der Vorstellung des Entwurfs der Handreichung im Diözesanrat soll er nun in unterschiedlichen
Gremien beraten und auf Basis der Rückmeldungen eine finale Fassung erstellt
werden, die dann in die Pfarreien gegeben wird."

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