„Friedchen, Friedchen“
Wie sich zwei Seniorinnen nach mehr als 70 Jahren im Altenheim wiedergefunden haben

Westerkappeln -

Sie hatten den Zweiten Weltkrieg überlebt, die Bombennächte, Vertreibung und Gefangenenlager. In einer Fabrik im sächsischen Vogtlandkreis wurden sie Freundinnen und hielten fortan zusammen wie Pech und Schwefel. Wenige Jahre später verloren Ilse Schürmann und Frieda Hörsting sich aber aus den Augen. Jetzt, nach fast 70 Jahren, sind sie wieder vereint. Es war reiner Zufall, dass beide in dem Haus der Diakonie ein neues Zuhause fanden. 

Donnerstag, 26.12.2019, 12:00 Uhr aktualisiert: 26.12.2019, 13:01 Uhr
Ilse Schürmann und Frieda Hörsting (von links) haben sich viel zu erzählen. Wie durch ein Zufall haben die beiden Freundinnen sich nach mehr als 70 Jahren im Haus der Diakonie wiedergetroffen.
Ilse Schürmann und Frieda Hörsting (von links) haben sich viel zu erzählen. Wie durch ein Zufall haben die beiden Freundinnen sich nach mehr als 70 Jahren im Haus der Diakonie wiedergetroffen. Foto: Katja Niemeyer

Seither ist es zwischen den beiden Seniorinnen fast so, „als wenn wir nie getrennt gewesen wären“, stellt die 89-jährige Frieda Hörsting fest. Die Vertrautheit war sofort wieder da, als sie sich vor einiger Zeit in dem Westerkappelner Altenheim erstmals wieder in die Augen schauten. „Ich habe mitbekommen, dass eine Frau Schürmann neu im Haus war“, berichtet Frieda Hörsting, die zunächst zögerte, die Bewohnerin anzusprechen, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass es sich tatsächlich um ihrer frühere Freundin handelt. Dann nahm sie sich aber ein Herz und fragte die Dame im Rollstuhl, ob sie Ilse Schürmann sei. Nach einem kurzen ungläubigen Kopfschütteln liegen sie sich in den Armen. 

„Friedchen, Friedchen“, sagt Ilse Schürmann noch immer perplex angesichts des Zufalls, der sie wieder zusammenführte. „Ich war fix und fertig“, erinnert sich die 91-Jährige. Als sie ihrem Sohn von dem Wiedersehen berichtete, habe dieser die Geschichte nicht glauben können. „Er meinte, ich habe gesponnen.“

Gemeinsame Flucht aus dem Vogtland

Aber die beiden alten Damen sind weit davon entfernt, zu fantasieren. Seitdem sie sich wieder haben, sitzen sie mehrmals am Tag beieinander und erzählen sich von ihrem Leben, das sie eigentlich nicht weit voneinander verbracht haben. Ilse Schürmann lebte mit ihrem Mann und ihren Kindern in Mettingen, Frieda Hörsting – sie hat sieben Kinder – in Lotte. „Wir kommen von Hölzchen auf Stöckchen und finden einfach kein Ende“, sagt die 89-Jährige. Vor allem aber kommen sie immer wieder auf ihre gemeinsame Flucht aus dem Vogtland – damals russische Besatzungszone – in den Westen zu sprechen.

Hunger und Not beherrschten ihren Alltag wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Frieda Hörsting, die in der Nähe von Danzig geboren wurde, verschlug es nach Vertreibung und russischem Gefangenenlager in die Heimatstadt von Ilse Schürmann, dem heutigen Klingenthal. In einer Fabrik, in der Schleier bestickt wurden, lernten die beiden jungen Frauen sich kennen.

Als Frieda Hörsting eine Flucht zu ihrem Bruder nach Mettingen plante, bot Ilse Schürmann an, sie zu begleiten. „Ich bin damals ohnehin zusammen mit anderen heimlich zum Hamstern über die Grenze gegangen“, berichtet die 91-Jährige. Die Not in der Grenzregion zur damaligen Tschecheslowakei war groß. Die „Ausflüge“ waren gefährlich, vielerorts lauerten Grenzsoldaten. Frieda Hörsting – damals 18 Jahre jung – war froh, dass sie die Flucht nicht allein wagen musste.

„Ich weiß noch genau, wie sie am Abend zuvor mit einem kleinen Rucksack vor unserer Tür stand“, erzählt Ilse Schürmann. Das zierliche Mädchen hat sie noch heute vor Augen. „Friedchen, Friedchen“, sagt sie gedankenverloren. „Ich habe immer gedacht, ich muss auf sie aufpassen.“ Ihre Mutter habe die Freundin zum Essen eingeladen. Es gab Kartoffeln mit einer hellen Soße. Auch das wissen die beiden noch, als wäre es gestern gewesen.

Nur warum sich der Rest der Gruppe in der Nacht von dannen machte und sie allein fünf Stunden durch einen Wald liefen, bevor sie wie durch ein Wunder heil einen kleinen Ort bei Helmstedt erreichten, daran können sie sich nicht mehr erinnern. Es spielt auch keine Rolle mehr. Was zählt, ist, dass sie es irgendwie mit dem Zug über Hannover nach Osnabrück schafften und von dort mit einer Kleinbahn Mettingen erreichten, wo sich der Bruder von Frieda Hörsting eine Existenz aufgebaut hatte.

Erinnerungen

„Weißt du noch, wie wir am Osnabrücker Bahnhof in einem Waggon, den die Bahnbediensteten für Pausen nutzten, übernachten durften?“, fragt Frieda Hörsting ihre Freundin. Ilse Schürmann nickt. „Wir mussten keine Angst haben. Wir waren sicher. Und es gab Bahlsen-Kekse.“

„Und weißt du noch, wie mich ein Mann am Bahnhof in Helmstedt durchs Fenster in den Zug bugsierte? Wie wir auf der Flucht Heidelbeeren pflückten und weiße Rübchen vom Feld stahlen?“ – Den beiden gehen die Gesprächsthemen nicht aus. Und irgendwie scheint Ilse Schürmann noch immer das Gefühl zu haben, auf „Friedchen“ aufpassen zu müssen. „Du hast immer so kalte Hände“, sagt sie und reibt kurz die Hände ihrer Freundin.

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