Kinder- und Jugendrheumatologie: Dr. Gerd Ganser geht in den Ruhestand
Der Teamchef verabschiedet sich

Sendenhorst -

Es gibt so Momente im Leben, da passt einfach alles zusammen. Man ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort und trifft die richtigen Menschen, die es möglich machen, ein Lebenswerk auf die Beine zu stellen. So einen Moment erlebte Dr. Gerd Ganser im Jahr 1989, als er sich entschloss, am St.-Josef-Stift in Sendenhorst eine Kinder- und Jugendrheumatologie aufzubauen.

Donnerstag, 02.01.2020, 06:09 Uhr aktualisiert: 02.01.2020, 06:20 Uhr
Seit 30 Jahren besteht die Klinik für Kinder- und Jugendrheumatologie am St.-Josef-Stift. Ebenso lange ist Dr. Gerd Ganser Chefarzt dieser Klinik. Mit Beginn des Jahres 2020 verabschiedet er sich nun in den Ruhestand.  
Seit 30 Jahren besteht die Klinik für Kinder- und Jugendrheumatologie am St.-Josef-Stift. Ebenso lange ist Dr. Gerd Ganser Chefarzt dieser Klinik. Mit Beginn des Jahres 2020 verabschiedet er sich nun in den Ruhestand.   Foto: St.-Josef-Stift

Es gibt so Momente im Leben, da passt einfach alles zusammen. Man ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort und trifft die richtigen Menschen, die es möglich machen, ein Lebenswerk auf die Beine zu stellen. So einen Moment erlebte Dr. Gerd Ganser im Jahr 1989, als er dem hartnäckigen Werben von Professor Reinhard Fricke nachgab und sich entschloss, am St.-Josef-Stift in Sendenhorst eine Kinder- und Jugendrheumatologie aufzubauen. Im Rückblick, wenige Wochen vor seiner Pensionierung, ist dem Gründungschefarzt dieser Klinik im Rheumatologischen Kompetenzzentrum Nordwestdeutschland klar, dass er auf Menschen getroffen war, die mit ihm das Gefühl für eine Idee und das gleiche Menschenbild teilten.

Schon im Laufe seiner Ausbildung war dem jungen Mediziner klar, dass er sich auf die Kinder- und Jugendmedizin spezialisieren wollte. „Ich habe aber meine Wunschstelle damals nicht bekommen und musste zunächst in die Innere Medizin wechseln“, erinnert sich Dr. Gerd Ganser. Ein Umweg, der sich später als sehr nützlich erwies. Denn in dieser Zeit habe er bereits viele Patienten mit Nierenleiden behandelt, die oft auch mit einer rheumatischen Erkrankung einhergingen.

Als sich ihm die Möglichkeit bot, in die Kinderheilkunde an der Universitätsklinik in Münster zu wechseln, griff er zu. „Dort bekam ich die Möglichkeit, eine Ambulanz für junge Rheuma-Patienten aufzubauen. So konnte ich Erkrankte auch nach ihrem Aufenthalt in der Klinik weiter ambulant betreuen“, blickt Ganser zurück.

Ohne dieses Team wäre es nicht möglich gewesen, so erfolgreich für die erkrankten Kinder und Heranwachsenden zu arbeiten.

Dr. Gerd Ganser

An Kinderrheuma denkt man oft nicht, wenn ein Kind Gelenkbeschwerden hat. Eine akute Gelenkentzündung trete etwa bei einem von 1000 Kindern und Jugendlichen auf, etwa 20 Prozent davon verlaufen dann chronisch als Kinderrheuma. Der Weg zur Diagnose mit umfangreicher Differenzialdiagnostik dauerte damals bis zu einem halben Jahr, erklärt der Chefarzt. „Und dabei sind bestimmt auch viele Fälle übersehen worden“, ergänzt er. Dementsprechend gab es auch nur wenige Spezialisten für diese Erkrankung, zum Beispiel die kinderrheumatologische Fachklinik in Garmisch-Partenkirchen.

Schon früh pflegte Dr. Gerd Ganser von der Uni aus enge Kontakte nach Garmisch. Vor allem habe er dort viel Wissen über eine umfassende Therapie und die Zusammenhänge von Immunsystem und Rheuma erworben. Er habe aber auch erkannt, wo die Grenzen der Uni-Kliniken bei der Behandlung dieser Krankheit lagen – nämlich dort, wo eine Betreuung über die Kernerkrankung hinaus vonnöten ist. „Wenn ein Kind krank ist, betrifft das die ganze Familie“, beschreibt er seine Grundgedanken.

Diese Unterstützung wollte er, so wie er es auch in Garmisch gesehen hatte, mit einem multidisziplinären Team bieten. „Es geht dabei nicht nur um Medikamente. Es geht auch um Physiotherapie, Ergotherapie, Mobilisierung und Hilfsmittelversorgung.“ Hinzu komme die wichtige psychologische Betreuung von Kindern und Familien und die Beschulung während des Krankenhausaufenthalts. In Sendenhorst traf Dr. Gerd Ganser auf eine Infrastruktur, die viele Möglichkeiten bot. Da gab es die Rheumatologie um Prof. Reinhard Fricke und die Rheumaorthopädie um Professor Rolf Miehlke. Als dritte Säule des Kompetenzzentrums im St.-Josef-Stift kam dann die Kinder- und Jugendrheumatologie hinzu.

Von Anfang an gehörte die psychologische Betreuung der Kinder und ihrer Angehörigen zu den Kernaufgaben. Die Belastung der Familien und der Geschwisterkinder, die oft im Schatten des erkrankten Bruders oder der Schwester stehen, Angebote zur Edukation (Patientenschulung) und zum Umgang mit der Krankheit standen im Vordergrund. Bereits ein halbes Jahr nach Gansers Dienstantritt gründete sich der Elternverein, der inzwischen eine sehr wichtige Rolle in der Therapie spielt und zur Lebensqualität und Krankheitsbewältigung in den Familie beiträgt. So wuchs das Team der Kinder- und Jugendrheumatologie stetig. Ärzte, Psychologen, Pflegende, Physio- und Ergotherapeuten, orthopädische Werkstatt, Erzieherinnen, Krankenhausschule und der Elternverein, der 30 Jahre später ein Bundesverband ist: Sie alle arbeiten Hand in Hand. „Ohne dieses Team wäre es nicht möglich gewesen, so erfolgreich für die erkrankten Kinder und Heranwachsenden zu arbeiten“, ist sich Gerd Ganser bewusst, dass das Erfolgsrezept und die Entwicklung einer hoch spezialisierten, individuellen Therapie nur mit einem multidisziplinären engagierten Team und viel Vertrauen und Unterstützung seitens des Trägers möglich waren.

Im Laufe der Jahre wich die alte Schulstation im Krankenhauspark, und im neuen Parkflügel entstanden die „Polarstation“ für die Kinder und die „Transitions“-Station C1 für die Jugendlichen. Dr. Gerd Ganser war es dabei von Beginn an sehr wichtig, auch die heranwachsenden Patienten mit ins Boot zu holen und im Rahmen der sogenannten „Transition“ ins Erwachsenenalter zu begleiten, eine gute Teilhabe, Berufsausbildung und Selbstverantwortung zu erreichen. „So gibt es eine viel bessere Mitarbeit und Prognose“, erklärt er sein Anliegen. „Dafür gab es keine Konzepte“, erinnert sich Ganser. Außerdem sei das Bezugstherapeuten-Modell ein wesentlicher Faktor geworden, dass die jungen Leute Vertrauen zu ihren Behandlern haben und ihre Therapien nicht abbrechen.

Die Kinder- und Jugendrheumatologie sei in den Jahren aus den Kinderschuhen herausgewachsen. Es gebe sehr viel differenzierteres Wissen und zahlreiche Behandlungsmöglichkeiten vom Basismedikament Methotrexat (MTX) über die heute üblichen Injektionen von Cortison direkt in alle akut entzündeten Gelenke bis zu der seit mehr als 15 Jahren zur Verfügung stehenden Gruppe der Biologika: Es habe sich viel getan, fasst Dr. Gerd Ganser zusammen. „Die Injektionen beispielsweise haben zu großen Fortschritten geführt. Hier in Sendenhorst war die Entwicklung dieser Therapieform in Kooperation mit den anderen Kliniken möglich“, erklärt Ganser. „Dieses komplette Behandlungspaket von der Kältekammer bis zur Schulung der Patienten und Eltern durch das Team ist unser besonderes Markenzeichen.“ Und: „Heute ist unser Ziel, dass die Erkrankung vollständig zur Ruhe kommt – mit uneingeschränkter Teilhabe und Lebensqualität für die jungen Patienten.“

Heute gibt es deutlich mehr Kinderärzte, die sich der Kinderrheumatologie widmen. Als Ganser 1989 die Klinik aufbaute, habe es an berufspolitischer Organisation auf diesem Feld nichts gegeben. Schon 1990 fand sich eine erste Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie zusammen, die später zu einer Fachgesellschaft innerhalb der Pädiatrie wurde, der inzwischen etwa 300 Ärzte angehören. Auch in diesem Bereich war Dr. Gerd Ganser sehr aktiv, arbeitete im Vorstand und in zahlreichen Gremien mit und half, ein deutschlandweites Netzwerk zu spinnen. Inzwischen gibt es auch diese Fachrichtung mit Ausbildungskatalog und Prüfungsleitlinien als Zusatzausbildung zur Kinder- und Jugendmedizin.

Ich habe gemerkt, dass wir in vielen Bereichen ähnlich ticken.

Dr. Gerd Ganser über seinen Nachfolger, PD Dr. Daniel Windschall

Mit Beginn dieses Jahres übergibt Dr. Gerd Ganser die Klinik-Leitung nun an seinen Nachfolger PD Dr. Daniel Windschall. Seit November sind beide Ärzte gemeinsam im Stift aktiv. „Ich habe gemerkt, dass wir in vielen Bereichen ähnlich ticken“, so Dr. Gerd Ganser. „So wird es in Zukunft Kontinuität, aber auch Neues geben“, fasst Ganser zusammen, und er ist sich sicher, dass die Kinder und Jugendlichen, die auch mit ihrer chronischen Erkrankung voller Lebensfreude auf ihren Rollern und Rädern durch die Flure des Stiftes flitzen und von vielen erwachsenen Patienten als heimliche Vorbilder gesehen werden, auch künftig in den besten Händen eines motivierten Teams sein werden.

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