Auszeichnung für Dorfladen in Welbergen
Erfolgsgeheimnis? Gemeinschaft!

Ochtrup -

Seit zehn Jahren gibt es in Welbergen den Dorfladen. Die Bürger können sich ein Leben ohne ihr Geschäft gar nicht mehr vorstellen. In diesem Jahr erhält das Bürgergenossenschaftsprojekt eine Auszeichnung des Bundesverbandes der Dorfläden – als erstes seiner Art in NRW.

Mittwoch, 15.01.2020, 07:00 Uhr aktualisiert: 15.01.2020, 07:15 Uhr
Seit etwa zwei Jahren liegt die Leitung des Geschäfts „Unser Laden“ bei Helga Tembrockhaus. Das Projekt ist ein Erfolgsmodell. Die Bürgergenossenschaft, die es 2010 aus der Taufe hob, bekommt jetzt eine Auszeichnung – als erster Dorfladen in NRW.
Seit etwa zwei Jahren liegt die Leitung des Geschäfts „Unser Laden“ bei Helga Tembrockhaus. Das Projekt ist ein Erfolgsmodell. Die Bürgergenossenschaft, die es 2010 aus der Taufe hob, bekommt jetzt eine Auszeichnung – als erster Dorfladen in NRW. Foto: Hanna Wilbers

Als das Dorfladen-Projekt „Unser Laden“ 2010 startete, waren die Verantwortlichen der heutigen Bürgergenossenschaft Welbergen Vorreiter in der Region. „Das war im Münsterland damals einzigartig“, erinnert sich Josef Fislage vom Vorstand. „Und es war ein Wagnis“, ergänzt sein Vorstandskollege Ewald Brinkschmidt.

Heute – ziemlich genau zehn Jahre später – läuft „Unser Laden“ richtig gut. Längst haben andere Dörfer im Münsterland die Idee kopiert. Weitere Dorfläden entstanden. Doch erneut sind die Welbergener Vorreiter. Denn als erster Dorfladen in Nordrhein- Westfalen wird „Unser Laden“ Ende Januar vom Bundesverband der Dorfläden auf der Grünen Woche in Berlin als „Dorfladen des Jahres 2020“ (Kategorie: „Kleine Dörfer“) ausgezeichnet.

Durchgehend geöffnet

„Wir sind ausgewählt worden“, freut sich Ewald Brinkschmidt über die seiner Ansicht nach völlig verdiente Auszeichnung. Und mit seiner Meinung steht der Welbergener nicht alleine da. Denn die Bewohner des Ortsteils haben den Erfolg des Projekts selbst in der Hand – im wahrsten Sinne des Wortes. Das regelmäßige Bimmeln der Türglocke lässt vermuten, wie die Welbergener zu ihrem Dorfladen stehen. Etwa 100. 000 Mal im Jahr klingelt die Kasse.

Beim Thema Öffnungszeiten ist die Bürgergenossenschaft so manchem Einzelhandelsgeschäft in der Töpferstadt voraus. Die Genossen haben erkannt, „dass man durchgehend geöffnet haben muss“, um erfolgreich zu sein. 15 Mitarbeiter – feste Kräfte wie auch Schüleraushilfen – stehen auf der Lohnliste der Bürgergenossenschaft. Seit knapp zwei Jahren laufen bei Helga Tembrockhaus die Fäden in Sachen Ladenleitung zusammen. Sie ist stolz auf ihr „tolles Team“. Und Hermann Lastring vom Aufsichtsrat weiß: „Ein Team, das gut zusammenarbeitet, strahlt auch nach außen.“

Neben der Nahversorgung, der sich das Geschäft „Unser Laden“ verschrieben hat, gibt es nämlich noch einen weiteren Faktor, der allen Beteiligten am Herzen liegt. „Es gibt da schließlich noch die gesellschaftliche Komponente“, bringt es Ewald Brinkschmid auf den Punkt. Denn der Dorfladen ist in den zehn Jahren seines Bestehens zum Treffpunkt geworden. Hier ist niemand einem Pläuschchen an der Ladentheke abgeneigt. „Unsere Verkäuferinnen beraten und helfen gerne“, weiß Ewald Brinkschmidt.

Mit ihren Präsentkörben und Geschenkartikeln haben die Mitarbeiter „eine Nische gefunden, die wir gerne füllen“. Auch das Partyservice-Angebot mit Aufschnitt-, Käse- oder Fischplatten werde stark nachgefragt.

Gemeinschaftsprojekt der Dorfbewohner

Worauf die Welbergener besonders viel Wert legen, ist die Tatsache, dass ihr Dorfladen ein Vollsortimenter ist. Sie haben ihn ganz alleine aufgebaut. „Ohne irgendeine Förderung“, betont Ewald Brinkschmidt. Damals sei der bürokratische Aufwand einfach zu groß gewesen. So stemmten die Dorfbewohner das Projekt aus eigener Kraft. 438 Genossen waren es bei der Gründung. Sie mussten das Startkapital aufbringen. Schließlich galt es, das Gebäude, in dem der Dorfladen untergebracht ist, zu kaufen und zu renovieren. „Lebensmittel mussten ebenfalls gekauft werden“, ergänzt Josef Fislage.

Allein für Letztere waren 35 . 000 Euro fällig. Übrigens: „Wir sind nicht teurer als andere Supermärkte. Im Bereich Obst und Gemüse sind wird sogar manchmal günstiger als die Discounter.“ Wie das funktioniert? „Wir zahlen ja schon mal keine Miete“, erklärt Hermann Lastring, warum der Dorfladen in punkto Preise mit den Großen mithalten kann.

Zum Thema

Am 25. Januar (Samstag) reist eine Abordnung der Bürgergenossenschaft Welbergen nach Berlin, um dort auf der Grünen Woche die Auszeichnung als „Dorfladen 2020“ in Empfang zu nehmen.

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Wöchentliche Angebote hat „Unser Laden“ allerdings keine. „Nur zu Weihnachten und Ostern“, erklärt Helga Tembrockhaus. Zudem gibt es im Dorfladen viele regionale Produkte. Und das nicht erst seit gestern, sondern schon von Anfang an. Unterstützung bei der Sortimentsauswahl bekommt der Dorfladen von seinem Großhändler, der Bünting-Gruppe aus Ostfriesland. „Da werden wir toll begleitet“, betont Ewald Brinkschmidt.

Welbergen ohne den Dorfladen, sagt er, könne sich heute niemand mehr vorstellen. Die Dorfbewohner stehen voll und ganz hinter ihrem Laden. Das ist wohl auch das Erfolgsgeheimnis und gleichzeitig das Prinzip einer Genossenschaft: Gemeinsam stark sein.

Der Dorfladen in Welbergen

Als Maria und Bernhard Weßels vor gut zehn Jahren ihren Edeka-Markt in Welbergen aus Altersgründen aufgeben wollten, stand für das Dorf nicht nur die Nahversorgung, sondern auch ein sozialer Treffpunkt auf dem Spiel. Deshalb brachten die Welbergener ein Bürgergenossenschaftsprojekt auf den Weg.

Die Bürgergenossenschaft Welbergen wurde am 1. März 2010 gegründet. Innerhalb von vier Tagen trugen die Mitglieder 120 000 Euro zusammen. Fast alle Welbergener halten Anteile am Projekt. Mit diesem Startkapital kaufte die Bürgergenossenschaft das Gebäude, in dem sich auch heute noch der Laden befindet.

Die Türen des Dorfladens öffneten sich am 1. Dezember 2010. Auf 200 Quadratmetern Verkaufsfläche präsentiert sich „Unser Laden“ als Vollsortimenter inklusive Getränkemarkt, Steh-Café, Post- und Back-Shop. Aktuell hat die Genossenschaft 451 Mitglieder. Das Geschäftsguthaben liegt bei 189 750 Euro.

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