Kandidaten im Porträt
Wer wird Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes?

Es ist eine echte Premiere: Drei Kandidaten – eine Frau und zwei Männer – wollen am 17. Februar 2020 Nachfolger von Johannes Röring im Amt des westfälischen Bauernpräsidenten werden. Die Abstimmung, die als offen gilt, findet vor dem Hintergrund einer aufgewühlten Debatte über Herausforderungen, Chancen und Probleme der heimischen Landwirtschaft statt.

Dienstag, 04.02.2020, 09:45 Uhr
Kandidaten im Porträt: Wer wird Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes?
(V.l.) Susanne Schulze Bockeloh, Hubertus Beringmeier und Joachim Pehle kandidieren für die Nachfolge von Johannes Röring. Foto: imago images; Moritz Winde; prvat / Grafik: Ann-Kathrin Schriever

Susanne Schulze Bockeloh (54) aus Münster, Hubertus Beringmeier (57) aus Hövelhof-Espeln (Ostwestfalen) und Joachim Pehle (46) aus Erwitte stehen an diesem Tag vor den 108 Delegierten der ­WLV-Kreisverbände zur Wahl. Unsere Redakteure Bernhard Hertlein und Frank Polke haben sie zu ihren Zielen und Plänen, Sorgen und Vor­haben befragt.

Die Weiterentwicklung der Landwirtschaft ist an vielen Verbrauchern vorbeigegangen. Bauern und vor allem Städter sind sich fremd geworden. Wie wollen Sie diese ­Distanz verringern?

Susanne Schulze Bockeloh: Mit großer Transparenz und Dialogbereitschaft. Die tolle Öffentlichkeitsarbeit auf vielen Betrieben möchte ich weiter stärken und unsere Themen in die Gesellschaft bringen. Mit unserer Initiative „Mag doch jeder“ informieren wir über die Vielfalt der Landwirtschaft. Mein Wunsch ist es, dass die Zukunft der Landwirtschaft mit den Landwirten, der Gesellschaft und Politik gemeinsam gestaltet wird, um für unsere Familienbetriebe zukunfts­fähige Perspektiven zu sichern. 

Hubertus Beringmeier: Die Anzahl der Höfe hat sich in den letzten 50 Jahren massiv verringert, so ist der natürliche Kontakt zur Landwirtschaft weniger geworden. Dem müssen wir aktiv entgegenwirken und Stadt und Land zusammenbringen. Wir brauchen Verständnis, Transparenz, Gespräche. Unsere Bemühungen wie Aktionen mit Verbrauchern, Schule auf dem Bauernhof, Lehrerfortbildungen, Medieninformation, Soziale Medien werden wir ausbauen. Es ist mir wichtig, dass wir in Zukunft stärker als jetzt auf die Menschen zugehen.

Joachim Pehle: Zum einen möchte ich als authentischer Bauer auch ein ebenso authentischer Präsident werden. Das bewirkt Glaubwürdigkeit für den gesamten Verband. Hierauf aufbauend müssen wir zeigen und erklären, was wir tun. Zum anderen haben wir mit der neu gegründeten und von Landwirten freiwillig finanzierten Agrarmarketinggesellschaft „Landwirt schafft Leben“ eine prima Unterstützung für unsere Öffentlichkeitsarbeit – siehe: www.magdochjeder.de


Landwirtschaft ohne finanzielle staatliche Förderung ist kaum noch denkbar. Sind Sie für direkte Subventionen oder bevorzugen Sie es, wenn die Bauern für Dienstleistungen etwa in den Bereichen Umwelt, Arterhaltung und Klimaschutz einen Ausgleich erhalten?

Schulze Bockeloh: Die Prämien gibt es schon heute nur in Verbindung mit der Erfüllung bestimmter Vorgaben. Die Zahlungen der ersten Säule sind für unsere Betriebe wichtig. Für die GAP nach 2020 halte ich eine stärkere Verknüpfung mit z. B. Umweltthemen für richtig. Wir Landwirte haben dazu bereits praktikable ­Lösungsvorschläge erarbeitet. Meine Forderung ist, dass sich das Engagement unserer Landwirte dann auch in einem finanziellen Ausgleich widerspiegelt. 

Beringmeier: Am liebsten wären meinen Berufskollegen und mir vernünftige, auskömmliche Preise. Solange es diese nicht gibt und wir die Landwirtschaft bei uns erhalten wollen, muss das ausgeglichen werden. In der europäischen Agrarpolitik wird der Preisabbau schon seit den achtziger Jahren mit Direktzahlungen ausgeglichen. Schon jetzt sind die Ausgleichszahlungen an ökologische Leistungen gebunden, eine Bindung über dieses Maß ist nicht sinnvoll.

Pehle: Landwirtschaft funktioniert überwiegend ohne Subventionen. Die bislang gezahlten Beträge sind Ausgleich dafür, dass auf Spitzen-Weltklasse-Niveau produziert, aber zu Weltmarktpreisen vermarktet werden muss. Für darüber hinausgehende Leistungen für das Gemeinwohl muss die Allgemeinheit zahlen. Von mir aus dürfen freiwillig vertraglich organisierte Naturschutzmaßnahmen gerne eine eigene Betriebssparte auf unseren Höfen werden.


Zum ersten Mal kommt es bei der Wahl des neuen Bauernpräsidenten in Westfalen-Lippe zu einem Dreikampf, dabei zum zweiten Mal innerhalb von acht Jahren zu einer Abstimmung auch zwischen dem Münsterland und Ostwestfalen-Lippe. Steht dahinter ein genereller Gegensatz zwischen unterschiedlichen ­regionalen Interessen?

Schulze Bockeloh: Dahinter steht das Demokratieverständnis des Verbandes, jeder kann seine Interessen einbringen. Die Mitglieder des Verbandsausschusses haben die Wahl. Als Präsidentin werde ich mich für die Interessen aller Regionen in Westfalen-Lippe einsetzen. Ich stehe für die starke bäuerliche Interessenvertretung für Jung und Alt, Tierhalter und Ackerbauer, ökologisch und konventionell wirtschaftende Betriebe, um einen gemeinsamen Antritt Richtung Politik zu machen. Die muss erkennen, dass Erfolge nur mit uns machbar sind.

Beringmeier: Ich finde es gut, Mitbewerber für das Amt des Präsidenten zu haben, dann haben unsere Bauern auch tatsächlich die Wahl. Natürlich hat jede Region unterschiedliche Interessen, wie auch jede Betriebsausrichtung unterschiedliche Interessen hat. Wer von uns dann gewählt wird, ist Präsident oder Präsidentin für ganz Westfalen-Lippe. Ich für meinen Teil sage zu, diese landesweite Funktion und Aufgabe sehr ernst zu nehmen, zu vertreten und für alle Bauernfamilien zu kämpfen.

Pehle: Das ist der größte Nonsens, den ich hierzu gehört habe. Nehmen Sie mich als Beispiel – ich komme weder aus der einen noch aus der anderen Region. Mein Antritt ist es, den Schwung der Straße in die Verbandsarbeit zu retten, denn die vielen erfolgreich abgelaufenen Demonstrationen und Aufklärungsaktivitäten sind wie ein Hefeteig – schön aufgegangen, nur muss nun abgebacken werden. Dabei möchte ich mitwirken – und bin der Meinung: Kompetenz ist wichtiger als regionale Herkunft!


Wie groß sehen Sie die Gefahr dass sich vor allem jüngere Landwirte vom Verband abwenden und eigene Wege gehen, um ihre Interessen gegenüber der Politik und in der Öffentlichkeit zu artikulieren? Oder ist das auch eine Chance?

Schulze Bockeloh: Ich finde es großartig, dass unsere jungen Landwirte und Landwirtinnen ihre Interessen deutlich artikulieren. Ich unterstütze das ausdrücklich und lade alle ein, dies gemeinsam in unserem Verband oder unseren Jugendorganisationen – wie dem „Ring der Landjugend“ – zu tun. Konstruktive Vorschläge zur Verbesserung der Verbandsarbeit oder der inner­verbandlichen Kommunikation nehme ich gerne auf. Die Chance der engagierten Zusammenarbeit aller Landwirte und Landwirtinnen müssen wir nutzen.

Beringmeier: Unsere jungen Bäuerinnen und Bauern sind mir besonders wichtig. Sie sind und gestalten die Zukunft unserer Landwirtschaft, deshalb will ich sie ganz aktiv in Entscheidungsprozesse einbeziehen. Ich freue mich auf den frischen Wind der jungen Leute. Ich bin mir sicher, dass wir es schaffen, gemeinsam in unserem Verband die Kräfte zu bündeln, auch wenn wir kontrovers diskutieren. Denn am Ende haben wir alle das gleiche Ziel, eine Zukunft für unsere Familien und unsere Höfe.

Pehle: Diese Gefahr sehe ich realistisch als gegeben an, da unsere Verbandsorganisation auf einer großen Kontinuität aufbaut. Doch die satzungsmäßig vorgesehene indirekte Demokratie führt von sich aus in der Regel zu einem hohen Alter der Präsidentschaftskandidaten. Als jüngere Alternative, der bislang nicht den kompletten Marsch durch die Instanzen hinter sich gebracht hat, möchte ich genau an dieser offenen Flanke die Einheit des Verbandes stärken, indem ich die jüngeren Berufskollegen anspreche.


Was ist aus Ihrer Sicht das wichtigste Argument, um einen Jugendlichen davon zu überzeugen, dass ein Job in der Landwirtschaft oder auf dem eigenen Hof Zukunft hat?

Schulze Bockeloh: Selbstständiges Arbeiten in der Landwirtschaft, in der Natur, mit den Tieren, mit Maschinen und innovativer Technik macht Freude. Außerdem ist die Vielfalt der Tätigkeitsbereiche bei kaum einem anderen Beruf zu finden. Wenn diese Aspekte mit wirtschaftlichem Erfolg und gutem Einkommen zusammentreffen, ist der Beruf des Landwirts ein absoluter Traumberuf. Ich setze mich dafür ein, dass junge Menschen in der Landwirtschaft eine sichere berufliche Zukunft haben.

Beringmeier: Die Liebe zur Landwirtschaft, zum Leben und in und mit der Natur und die Verbundenheit mit den Tieren. Mich begeistert es immer wieder, mit welcher Hingabe junge Bäuerinnen und Bauern sich in ihrem Beruf engagieren. Das ist die beste Voraussetzung für einen guten Start in ein erfülltes, aber ein mit Sicherheit nicht immer leichtes Berufsleben.

Pehle: Landwirt ist der schönste und wichtigste Beruf auf dieser Erde! Wenn man, wie ich, bei den zum Teil mehrtägigen Protestfahrten erlebt hat, mit welcher Leidenschaft junge Menschen für diesen Beruf brennen, bekommt man Gänsehaut. Wenn jedoch junge Menschen Angst vor einem beruflichen Weg in die Landwirtschaft haben, so liegt es häufig am schlechten Bild, das von uns Bauern gezeichnet wird. 

Nachrichten-Ticker