Diskussionsrunde
Der steinige Wege zur Inklusion

Lüdinghausen -

Adrian ist 13 und muss künstlich beatmet werden. Seine Familie ist ständig bei ihm, es wäre lebensgefährlich, ihn alleine zu lassen. „Wenn die Kanüle rausfällt, würde er schnell ersticken“, sagt seine Mutter Anita Fels aus Lüdinghausen. Eine 24-Stunden-Betreuung, die ihm eigentlich zusteht, ist für die Familie kaum zu bekommen. 

Freitag, 07.02.2020, 12:25 Uhr aktualisiert: 07.02.2020, 12:51 Uhr
Diskussionsrunde: Der steinige Wege zur Inklusion
In der Diskussion: v.l. Dr, Ulrich Hafkemeyer, Klaus Dreyer, Dr. Maria Andrino Garcia, Moderator Stefan Werding, Heidi Mensing, Markus Dülker, Jörg Hackstein. Foto: Viola ter Horst

Nicht nur wegen des Fachkräftemangels, auch die Krankenkasse macht Probleme, weil sie den höheren Stundenlohn, den spezialisierte Pflegedienste fordern, nicht zahlen will. Anita Fels fragt, warum Krankenkassen meinen, besser Bescheid zu wissen als Fachärzte.

Die Frage, die sie in dem kurzen Film stellt, der in der Veranstaltung „Inklusion mit Stolpersteinen“ in der Burg Vischering in Lüdinghausen gezeigt wurde, macht auch mehrfach in der Diskussion mit Betroffenen, Experten, Akteuren aus Politik und Gesundheitswesen am Mittwochabend die Runde. Der Bunte Kreis Münsterland hatte zusammen mit der Elterngruppe WIR, dem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) zu der Veranstaltung eingeladen. Rund 180 Besucher kamen, der Raum war proppevoll. „Damit haben wir nicht gerechnet“, freut sich Heidi Mensing vom Bunten Kreis, der seit vielen Jahren Familien mit schwerkranken oder behinderten Kindern betreut.

Für viele Familien ist weniger die Behinderung das Problem, sondern es sind die Rahmenbedingungen. Das wurde in der Diskussion mehr als deutlich. Willkür, Einzelfallenscheidung, Ablehnung, Anträge, Paragraph, BTHG, Bürokratie – Begriffe, mit denen es betroffene Familien zu tun haben. Neben den Ablehnungsmechanismen von Krankenkassen kritisieren sie eine zermürbende Bürokratie mit unklaren Zuständigkeiten, aber auch zu wenig Entlastungsangebote und – zu allem – eine fehlende gesellschaftliche Offenheit.

Zentrale Rolle für Sozialpädiatrische Zentren

Dr. Ulrich Hafkemeyer vom SPZ schildert in der Diskussionsrunde, wie Krankenkassen mit ärztlichen Verordnungen nach seiner Erfahrung oftmals umgehen: „Die Gutachten, die ich schreibe, fegen die Krankenkassen in der Regel vom Tisch. Als ob ich einen Whirlpool verschrieben hätte.“ Dabei, sagt der Spezialist, hätte er keine Probleme damit, wenn die Krankenkassen ihn kontrollieren würden. Sie lehnten aber von vorneherein die Hilfsmittel ab.

Eine Aussage vonseiten der Krankenkasse gab es am Abend nicht – Barbara Steffens, Ex-Gesundheitsministerin und jetzt Vorstandsmitglied der Techniker Krankenkasse, konnte kankheitsbedingt nicht teilnehmen, wie Moderator Stefan Werding erklärt.

Ein großer Fortschritt wäre es, wenn es nur eine Stelle gäbe, die ansprechbar wäre, lautete ein Vorschlag in der Runde. Eine Idee, für die sich Bundestagsabgeordnete Maria Klein-Schmeink von den Grünen einsetzen will. „Ich sehe da eine zentrale Rolle für die Sozialpädiatrischen Zentren“, sagte sie. Klaus Dreyer vom LWL stimmte zu: „Den Satz ,Wir sind nicht zuständig’ können Eltern nicht mehr hören.“ Auch Fachanwalt Jörg Hackstein war der Meinung: „Wir brauchen einen Kümmerer-Posten.“

Vernetzung ausweiten

Ein weiteres Problem seien fehlende Heimplätze, berichtet Markus Dülker von der Elterngruppe WIR. „Die Wartelisten sind so lang, dass wir uns jetzt schon angemeldet haben.“ Denn irgendwann – „auch wir Eltern werden älter“ – sei es nicht mehr möglich, das Kind wie bislang so intensiv zu betreuen. „Eine Chance auf einen Heimplatz gibt es aber erst in zehn bis zwölf Jahren.“

Aus Sicht des Bunten Kreises sind auch die Kommunen gefragt, was integrative Einrichtungen angeht. Beides sei notwendig, Förderschulen und Regelschulen mit integrativem Konzept. „Der politische Wille muss da sein, dass entsprechende Einrichtungen gebaut werden können“, so Mensing.

Dr. Maria del Pilar Andrino Garcia vom Franz-Sales-Zentrum Essen appellierte an die Eltern und den Bunten Kreis, nicht locker zu lassen und sich weiter zu vernetzen und zu engagieren.

Bundestagsabgeordneter Marc Henrichmann lobte Einrichtungen wie Bunter Kreis und SPZ als „Leuchttürme der Region“, die zeigten, dass Menschen mit Handicap einen hohen Stellenwert hätten. „Ihr Verein strahlt menschliche Wärme aus“, sagte Bürgermeister Richard Borgmann (Lüdinghausen).

krepodioum

Das Publikum hatte viel Spaß mit dem Improtheater aus Münster, bei deren für die improvisierten Szenen, die die Darsteller nach Publikumszuruf zeigten. Foto: Viola ter Horst

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