Sensationsfund in Haltern
Archäologen finden europaweit einzigartige Waffe

Haltern -

Im römischen Gräberfeld von Haltern am See ist eine seltene römische Waffe entdeckt und in einem aufwendigen Verfahren restauriert worden. Es handelt sich um einen Dolch mit Haltegurt. 

Freitag, 14.02.2020, 11:39 Uhr aktualisiert: 14.02.2020, 17:45 Uhr
Sensationsfund in Haltern: Archäologen finden europaweit einzigartige Waffe
Rekonstruktionsversuch: So könnte der Dolch mit dem Gürtel im Graben des römischen Grabhügels gelegen haben. Foto: Elif Siebenpfeiffer

Das ist ein ein fantastischer Fund: Im Frühjahr 2019 entdeckten Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe bei Ausgrabungen in Haltern einen 2000 Jahre alten römischen Militär-Dolch samt Waffen-Gürtel. Das gute Stück wurde sorgfältig wieder aufgearbeitet. Das Stück hat Seltenheitswert, und auch der Begriff „Sensationsfund“ ist nicht zu hoch gegriffen. Bislang sei solch eine Kombination von Waffe und passendem Gürtel, die zudem derartig gut erhalten seien, in Europa einzigartig, sagte Westfalens Chef-Archäologe Prof. Michael Rind.

Der damals 19-jährige Nico Calmund wird jenen Tag im April 2019 nicht vergessen. Bei einer gemeinschaftlichen Grabung mit der Universität Trier im römischen Gräberfeld von Haltern „stieß ich irgendwie mit der Schaufel auf etwas Hartes“. Calmund wusste sofort, dass da etwas Besonderes etwa einen Meter unter der Erdoberfläche im Boden schlummern musste. Knapp ein Jahr später liegt das sensationelle Ergebnis dieser Grabung auf einem Tisch der Restaurierungswerkstätten des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in der Speicherstadt in Münster-Coerde. Ein „pugio“, der Dolch eines Legionärs, Unteroffiziers oder Zenturios, mitsamt Scheide und Metall-Gürtel kam aus dem als Block geborgenen Erdklumpen hervor. Restaurator Eugen Müsch hat mit seinen Kollegen glänzende Arbeit geleistet.

Aus der Zeit des Kaisers Augustus

„Natürlich können wir ein 2000 Jahre altes Objekt nicht wie neu erscheinen lassen“, erzählt der Restaurator. „Die Vielfarbigkeit von Schwarz, Silber, Rot und Gold entspricht jedoch weitgehend der einstigen Optik“, sagt der Restaurator bescheiden. Chef-Archäologe Prof. Michael Rind weist dem Fund und seinem jetzigen Zustand den Rang zu, der ihm gebührt: Ohne Zweifel gehöre der Dolch aus Haltern zu den bedeutendsten Funden seiner Gattung in Europa. „Die Kombination aus vollständig erhaltener Klinge, Scheide und Wehrgürtel inklusive der wichtigen Informationen über die genaue Fundlage ist bisher ohne Vergleich“, bestätigt der Chef-Archäologe.

Römische Waffe in Haltern entdeckt

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  • Dieser römische Dolch wurde im Frühjahr 2019 in Haltern am See gefunden.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die Waffe ist etwa 2000 Jahre alt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Das Objekt wurde aufwendig restauriert.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ein 19-jähriger Praktikant fand die Waffe im April 2019 bei einer gemeinschaftlichen Ausgrabung mit der Universität Trier im römischen Gräberfeld von Haltern am See.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Europaweit gibt es keine weitere derartig gut erhaltene Kombination von dieser Waffe mit Scheide und dem dazu passenden Gürtel.

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  • Sehen Sie im Folgenden weitere Bilder des Sensationsfund.

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Wunderschöne Verzierungen

Beim näheren Betrachten des Dolchs, der in dieser Ausführung bei Legionären oder unteren Offiziersrängen üblich war, fallen die Verzierungen an Griff und Scheide auf, die sich vor allem auf der Vorderseite befinden. Dazu zählen die vielen silbernen Linien und Flächen, die in die Eisenbleche eingearbeitet sind. Sie ergeben Muster aus Rauten, Halbmonden und Blättern. Es handelt sich dabei um sogenannte Tauschierungen, wie die Experten erklären. Bei dieser Technik wurden zuerst Vertiefungen in die Bleche geschnitten oder geschlagen. Diese Vertiefungen wurden anschließend mit feinen Drähten und dünnen Blechen aus Silber und Messing ausgelegt. Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass einige Silberfäden aus nur 0,15 bis 0,2 Millimetern starken, in sich gedrehten Blechstreifen hergestellt wurden. Darüber hinaus besitzt der Dolch Einlagen aus rotem Emaille und ebenfalls rotem, echtem Glas.

Bei aller Schönheit des Dolchs betont Müsch: „Es geht nicht in erster Linie darum, Objekte mit antiquarischem Wert zu erstellen, sondern um die Gewinnung von Informationen.“ Um wichtige Hinweise auf die Konstruktion und den Zustand der Funde zu erhalten, wurden der Dolch und der Gürtel vor der Restaurierung geröntgt und computertomografisch untersucht. Vermutlich wurde die Waffe in einer Spezialwerkstatt in der römischen Provinz Noricum (heutiges Österreich) hergestellt, meint Dr. Bettina Tremmel, die seit 2012 die Ausgrabungen in Haltern leitet.

So mühevoll die Restaurierung derartiger Funde auch ist, so offenbart sie doch gleichzeitig viele Details: Gebrauchsspuren am Dolch etwa. Bereits während seiner Nutzung gingen offenbar einige Silbereinlagen verloren. Auf der Knaufvorderseite wurden Fehlstellen nur noch mit Messing statt Silber ersetzt. Vor allem der Abrieb an den Ringen und Einhängeösen spricht für eine längere Nutzungsdauer.

Hintergrund und wissenschaftliche Einordnung

Bei der gefundenen Waffe handelt es sich um einen römischen Militärdolch, lateinisch "Pugio". Der Pugio wurde von Fußsoldaten getragen und im Nahkampf eingesetzt. Anhand der schmalen Klingenform und der Konstruktion lässt sich der Halterner Fund eindeutig den frühesten römischen Militärdolchen vom Typ "Vindonissa" zuordnen. Ein vergleichbarer Dolch war bereits 1967 in Haltern gefunden worden - allerdings ohne Scheide und Gürtel. Waffen dieses Typs waren vor allem in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus in Gebrauch. Sie kommen in einem Gebiet vor, dessen Zentrum sich von Norditalien bis zur Rheinmündung erstreckt und auch den südlichen Teil der britischen Inseln umfasst.

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