Ein Streifzug durchs Vitus-Dorf nach der Absage
Karneval mal ganz ohne Zug

Everswinkel -

1991 ist der Everswinkeler Karnevalsumzug mal wie viele andere Umzüge aufgrund des Irak-Krieges abgesagt worden. Am Sonntag sorgte die Sturmwarnung des Deutschen Wetterdienstes dafür, dass die Gemeindeverwaltung und die Everswinkeler Karnevalsgesellschaft „Fünfte Jahreszeit“ als Veranstalter auf die Notbremse traten und den 45. närrischen Lindwurm stoppten. Eine Enttäuschung für die aktiven Karnevalisten. Gefeiert wurden an einigen Stellen aber dennoch.

Sonntag, 23.02.2020, 20:36 Uhr aktualisiert: 24.02.2020, 13:58 Uhr
Ein fantastisches Wolfrudel
Ein fantastisches Wolfrudel Foto: Klaus Meyer

In der Küche des Hauses an der Wagenfeldstraße wird konzentriert geschminkt. Seit dem frühen Morgen schon, Es gibt viel zu tun, um die Gesichter der jungen Damen in fantastische Wolfs-Antlitze zu verwandeln. Steffi Lüssing, Face- und Bodypainting-Künstlerin aus Telgte, ist dafür eigens angereist. Seit rund zehn Jahren macht sie das schon für die Gruppe „Tackamarohr“. Die will an diesem Tag zum 23. Mal als Fußgruppe am Everswinkeler Karnevalsumzug teilnehmen und die Besucher begeistern. Doch mitten in die Schmink- und Einkleidephase platzt am Sonntagvormittag eine Nachricht: Der Karnevalszug ist abgesagt. Wegen akuter Sturmwarnung des Deutschen Wetterdienstes.

Draußen regnet es zwar unaufhörlich, doch von Sturm (noch) keine Spur. Marcel Veltmann, Jürgen Gausebeck und die ganze Truppe der EKG patrouilliert durchs Dorf, telefoniert, versucht die Botschaft noch rechtzeitig an die vielen Empfänger zu bringen. „Die Sturmgefahr ist zu hoch. Gemeldet ist bis Stärke zehn“, sagt Gausebeck. Um 10 Uhr gab‘s im Rathaus eine Krisensitzung mit dem Bürgermeister, Ordnungsamt, Feuerwehr und DRK. „Gemeinsam mit dem Veranstalter, der Everswinkeler Karnevalsgesellschaft ,Fünfte Jahreszeit‘ hat die Gemeindeverwaltung heute Morgen entschieden, den geplanten Karnevalsumzug abzusagen, um Schäden von am Straßenrand stehenden oder am Umzug teilnehmenden Personen abzuwenden“, erklärt Sebastian Seidel gegenüber den WN. „Wir haben es in Everswinkel mit einem verhältnismäßig langen Umzug zu tun, der sich durch die mitunter eng bebaute Ortslage schlängelt, so dass wir kein Risiko eingehen wollten.“ Eine Entscheidung „im Konsens mit dem Verein, die auch nicht leichten Herzens erfolgte“, ergänzt Martin Welzel vom Ordnungsamt, der im Rathaus Stallwache hält. „Es war definitiv mit den Vorhersagen nicht zu verantworten.“ Wenn eine Böe einen Wagen umgeworfen hätte oder Teile durch die Luft geflogen wären – ein Drama. „Veranstalter und Gemeinde müssen darauf reagieren.“

Der Veranstalter hat die Teilnehmer telefonisch informiert und, obwohl viele Teilnehmer natürlich traurig sind, durchweg positive Rückmeldungen und Verständnis für unsere gemeinsame Entscheidung bekommen.

Bürgermeister Sebastian Seidel

Ein paar Straßen weiter, in einer Garage an der Kolpingstraße, ertönt Beethoven aus einer großen Bluetooth-Box. „Die Ode an die Freu(n)de“ ist das Motto der „Elfen“ diesmal. Die Piano-Kostüme sind atemberaubend, die Gruppe hat einmal mehr auf der Klaviatur der Kreativität gespielt. Sektgläser kreisen, es gibt Würstchen zur Stärkung, es wird gelacht. Trotz der betrüblichen Nachricht. In einem großen Sack warten 2 000 Duplo-Riegel aufs Narrenvolk. Haltbarkeit bis Juni. Sieht schlecht aus. Kein Schaulaufen, kein Jubel auf den Straßen. Nichts. Fast nichts. Die Truppe macht sich dennoch auf den Weg. Ziel: das Haus Frohne an der Vitusstraße. Feiern ohne Zug.

Das ist auch die Devise an der Hovestraße, wo die Familie Schulze Zurmussen traditionell seit Jahren einen Versorgungsstützpunkt für Freunde und Bekannte aufgebaut hat. Der Grill läuft, die Bierkästen leeren sich – auch wenn es nicht so voll ist wie sonst. Der harte Kern ist gekommen, erzählt Bernd Schulze Zurmussen, der die Zug-Absage nachvollziehen kann. „Eine Böe reicht unter Umständen. Ich kann die Verantwortlichen verstehen.“

Am Boschweg feiern einige „Gestrandete“ ihre Open-Air-Party. Sieben Karnevalswagen sind dort, wo der Zug eigentlich starten sollte, trotz der Absage eingelaufen. Entweder weil sie ohnehin schon im Dorf waren oder auf dem Weg. Bassbetonte Rhythmen sorgen auf den Oberdecks für Stimmung und Bewegung. „Ein spontanes Come-together“, sagt einer vom KC Everswinkel und meint damit unter anderem die Everswinkeler Ehrengarde, die Gäste vom Ostbezirk oder aus Freckenhorst. „Uns kann man keinen Umzug wegnehmen“, schickt er hinterher. Am Montag soll‘s beim Event in Warendorf klappen. Gleich aber geht‘s erstmal in die Everswinkeler Kneipen oder ins Festzelt. Draußen ist es definitiv zu ungemütlich.

Es ist 15 Uhr, es regnet unaufhörlich, und der Sturm lässt sich noch Zeit. Die Polizei patrouilliert noch in den Straßen, hat die Zahl der ursprünglich geplanten Kräfte aber schon reduziert. Kostümierte Gruppen drängen in die Gasthäuser Diepenbrock und Arning, und das Festzelt an der Bergstraße füllt sich allmählich mit einer partytauglichen Menge junger Jecken. Zwei DJ‘s heizen ein, kämpfen noch mit der Trägheit der Masse. Aber das wird schon. In der Festhalle kann man sich da nicht so sicher sein. Bis zu 1 300 Besucher hat man da schon gehabt. Jetzt gähnende Leere am Nachmittag. „Grundsätzlich ist das natürlich enttäuschend“, zeigt sich Christian Meierhoff, einer der beiden Karnevalspräsidenten vom MGV-/BSHV-Karneval, zerknirscht. „Wir haben super viel Arbeit reingesteckt.“ Den Service hat der BSHV diesmal selbst übernommen. „Das ist schon ein Vereinsrisiko“, sagt Meierhoff. Die Kosten sind da: Festhallen-Miete, DJ, Theke . . . An Einnahmen mangelt‘s. Und: „Wir haben einen halben Karnevalswagen mit Bonbons. Was macht man jetzt damit?“ Die Frage werden sich etliche Gruppen stellen.

„Ich bin der Meinung, man sollte den Zug nachholen in einer gemeinsamen Sache“, sagt Meierhoff dann und nickt dabei. Elfe Silvia hätte auch schon einen Vorschlag: „Zum Frühlingsfest.“ Über die Frage, ob der Zug nachgeholt werden soll, wird man bei der EKG in Ruhe beraten. Da müssten viele Beteiligte mit ins Boot steigen. Dem Wolfsrudel von „Tackamarohr“ wär‘s recht. „Wir hoffen auf einen Sommer-Umzug“, lächeln sie. Und wenn nicht? Dann gibt‘s 2021 wohl ein neues Kostüm, und das faszinierende Wolf-Outfit bliebe leider nur eine Randnotiz in der Everswinkeler Karnevalsgeschichte.

Der weggeblasene Karnevalszug

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  • Karnevalsumzug Everswinkel am 23.2.2020 - abgesagt wegen Sturmwarnung. Die Jecken machten das Beste daraus.

    Foto: Klaus Meyer
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