Pflegenotstand
Nach Krebsoperationen auf künstliche Nahrung angewiesen – doch wer hilft?

Steinfurt -

Ihr Magen wurde entfernt, ihr Darm funktioniert nicht mehr richtig: Nach mehreren Krebsbehandlungen ist Marianne Lucas aus Steinfurt auf künstliche Nahrung angewiesen. Doch es ist gar nicht so einfach, Fachkräfte zu finden, die die Nahrung verabreichen.

Dienstag, 03.03.2020, 08:30 Uhr aktualisiert: 03.03.2020, 10:14 Uhr
Marianne Lucas, Erinnerungsfotos an der Wand, künstliche Nahrung im Plastikbeutel: Die 67-Jährige Steinfurterin hat die Behandlungen von Magenkrebs und Darmkrebs überstanden. Jetzt versucht sie, wieder Gewicht zuzulegen.
Marianne Lucas, Erinnerungsfotos an der Wand, künstliche Nahrung im Plastikbeutel: Die 67-Jährige Steinfurterin hat die Behandlungen von Magenkrebs und Darmkrebs überstanden. Jetzt versucht sie, wieder Gewicht zuzulegen. Foto: Gunnar A. Pier

An der Wand hängen Fotos aus aller Welt, Erinnerungen an Reisen nach Schanghai, New York, Kuala Lumpur: das alte Leben von Marianne Lucas. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein Beutel mit künstlicher Nahrung, 1250 Milliliter, 1475 Kilokalorien: das neue Leben von Marianne Lucas. Nach Behandlungen von Magenkrebs und Darmkrebs ist die 67-Jährige auf diese Nährstoffe aus der Tüte angewiesen. Doch es war gar nicht so einfach, Pflegekräfte zu finden, die ihr die lebenswichtige Dosis verabreichen.

Bis November 2017 war die Welt von Marianne Lucas in Ordnung. Sie war kerngesund, wog gut 50 Kilogramm: „Wir Marathonläufer neigen ja nicht dazu, Fett anzusetzen.“ Krebs war für sie nie ein Thema: „Es gab keinen Grund dazu“, erinnert sie sich. Keine Vorgeschichte, keine Fälle in der Familie, keinerlei Anzeichen. Doch ihre neue Hausärztin schickte die Steinfurterin zur Magenspiegelung. Einfach nur, weil das in ihrem Alter ratsam sei. Also ging sie gut gelaunt hin.

Die Diagnose, die alles verändert

Plötzlich ging es schnell.

Diagnose: Magenkarzinom.

Nach einer Woche begann die Chemotherapie. „Mit allem, was dazugehört“: Schwäche, Erbrechen, Haarausfall. Schnell war klar: Der Magen ist nicht zu retten. „Das ging zackzack“, im März wurde der Magen entfernt. Danach wieder Chemotherapie, „um auf Nummer sicher zu gehen“. Denn einer der 34 entnommenen Lymphknoten hatte Metastasen.

Ein Jahr lang war alles in Ordnung

Die Therapie war erfolgreich, Ultraschall und Computertomographie zeigten keine Auffälligkeiten. Ein Jahr lang schien alles in Ordnung, und Marianne Lucas – stark, wie sie schon immer war – gewöhnte sich an ihr neues Leben ohne Magen. „Ich kann alles essen, darf aber nicht alles essen“, erklärt sie. Kleine Portionen müssen es sein, kurioserweise darf sie nichts essen, was gemeinhin als gesund gilt. Und gut kauen muss sie, weil der Magen als Verdauungsorgan ausfällt. „Die richtige Freude am Essen ist aber weg“, sagt sie heute. Dabei hat sie früher immer gerne und mit Lust und Genuss gegessen. „Das muss ich jetzt hinnehmen“, sagte sie, „dafür lebe ich noch.“

„Einmal Krebs, immer Krebs“?

Doch nach einem Jahr holte sie die Erkenntnis „Einmal Krebs, immer Krebs“ ein: Bei einer Darmspiegelung wurde Darmkrebs mit Metastasen im Bauchraum gefunden. Wieder Operation, Eierstöcke und Metastasen raus, sie bekam einen künstlichen Ausgang – „weil der Darm streikt“.

Ernährung wird schwierig

Da wurde die Ernährung schwierig. „Ich kann essen, aber ich schaffe die Mengen nicht, die ich brauche, um zuzunehmen“. Zumal: „Alles, was Kalorien hat, darf ich nicht“. Fett, Kuchen, Nüsse: Nein! Plötzlich wog sie nur noch 37 Kilogramm.

Um wieder auf ein gesundes Gewicht zu kommen, muss sie also zusätzlich künstliche Nahrung bekommen, eine genussfreie Flüssigkeit aus dem Beutel. Der wird an einen fest gelegten Anschluss („Port“) angeschlossen und läuft jeden Tag 14 Stunden lang, am besten über Nacht.

Suche nach einem Pflegedienst

Doch wer klemmt den Beutel täglich an? Erst eine Nachbarin mit medizinischem Hintergrund, die sich eigens hatte schulen lassen. Als die Haftungsfrage unklar wurde, fuhr Marianne Lucas täglich ins Krankenhaus, und auf dem Rückweg hielt ihr Mann auf dem Beifahrersitz den angeschlossenen Beutel hoch. Doch das gab Probleme mit der Krankenkassen-Abrechnung.

Eine Lösung zuhause musste her. „Wir haben 20 Pflegedienste angerufen“, erinnert sich die heute 67-Jährige. „Aber denen fehlte geschultes Personal.“ Und Marianne Lucas wurde immer schlapper. „Meine Kinder sagten: Die lassen dich verhungern!“

„Im Moment sieht es gut aus“

Aber sie kämpfte weiter, bis sich eine Lösung fand. Eine Apotheke, die die künstliche Nahrung liefert, schulte Mitarbeiter der Caritas, die nun von der Krankenkasse dafür bezahlt werden, der Patientin die Nahrung zu verabreichen. Bei 41 Kilogramm ist sie angekommen, Tendenz: steigend.

Also sitzt Marianne Lucas am Esstisch vor den Fotos aus Schanghai, New York und Kuala Lumpur und sagt: „Im Moment sieht es gut aus.“

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