Missbrauchsskandal
Interventionsbeauftragter Peter Frings: „Straftaten sind versteckt worden“

Münster -

Seit fast einem Jahr ist Peter Frings Interventionsbeauftragter des Bistums. Im Gespräch mit uns erzählt er, dass das Thema Missbrauch in der Kirche besprechbar gemacht werden müsse und Missbrauchsopfer nicht mit Misstrauen rechnen müssen.

Sonntag, 08.03.2020, 15:00 Uhr
Missbrauchsskandal: Interventionsbeauftragter Peter Frings: „Straftaten sind versteckt worden“
Foto: Jürgen Christ

Missbrauchsopfer von katholischen Priestern müssen im Bistum Münster nicht mit Misstrauen rechnen. Das hat der Interventionsbeauftragte des Bistums, Peter Frings, während eines Redaktionsbesuchs unserer Zeitung erklärt. „Wir glauben jedem, der sich an uns wendet“, sagte er. „Es meldet sich keiner, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen.“

Ein großer Teil der Betroffenen wolle nur loswerden und aktenkundig machen, was er erlebt habe. Andere erhofften sich Zahlungen. Gut 210 Betroffene aus dem Bistum Münster haben deswegen einen Antrag auf „Anerkennung des Leids“ gestellt. Die Anträge leitet das Bistum nach einer ersten Plausibilitätsprüfung an die Zentrale Koordinierungskommission der Deutschen Bischofskonferenz weiter. Über 95 Prozent aller Anträge würden anerkannt, weit mehr als in vielen anderen Bistümern. Wenn ein Opfer einen Missbrauch meldet, werde zunächst zum Beispiel auch geprüft, ob der verdächtige Priester zu der angegebenen Zeit tatsächlich in der Gemeinde gearbeitet habe und ob eventuell schon andere Hinweise zum Beschuldigten vorliegen.

Anlaufstelle Interventionsbeauftragter 

Das Bistum gibt Vorwürfe gegen Priester immer dann an die Staatsanwaltschaft weiter, wenn die Opfer dem zustimmen. „Wir bringen alle Fälle zur Anzeige, wenn die Betroffenen mitgehen“, sagte Frings. Das sei im zurückliegenden Jahr „drei bis vier Mal“ passiert. Im gleichen Zeitraum hätte er sich mit rund 50 Fällen sexuellen Missbrauchs, vornehmlich „Altfällen“, befasst.

„Wir müssen versuchen, das Thema Missbrauch insgesamt besprechbar zu machen“, sagt der Interventionsbeauftragte. Deswegen seien Informations-Angebote angedacht, mit denen das Bistum in die Gemeinden hineingehen wolle.

Frings, der im April ein Jahr Interventionsbeauftragter des Bistums ist, sagt zu seiner Arbeit: „Es war wichtig, alle Fragen zum Thema Missbrauch an einer Stelle zusammenzufassen und in geordnete Bahnen zu überführen.“ Jetzt müsse alles zum Thema Missbrauch über seinen Schreibtisch gehen. Sein Auftrag sei es, eine Anlaufstelle zu sein. Wenn Betroffene das Gefühl hätten, mit ihren Anliegen gehört zu werden, sei schon ein großer Schritt getan. Bischof Felix Genn ermögliche, „dass alles, was auf den Tisch kommt, angegangen wird“.

Sensibilität für das Thema gewachsen

Zur Arbeit der Historikerkommission unter der Leitung von Professor Thomas Großbölting sagt Frings: „Wir sind gespannt.“ Die ursprünglich für kommende Woche geplante, wegen des Corona-Virus aber verschobene Veranstaltung zur Bekanntgabe der ersten Ergebnisse sei wichtig, weil so deutlicher wird, wie die Wissenschaftler arbeiten. „Die Uni hat den Hut auf. Wir sind da völlig außen vor“, sagt Frings. Die Forscher hätten Zugriff auf alle Infos, die sie haben möchten. Dass die Personalakten Lücken hätten, sei unbestritten. In ihnen würde Missbrauch nicht aktenkundig. „Straftaten sind versteckt worden, um Schaden von der Kirche abzuwenden.“ Was das für die Opfer und deren Familien bedeutete, habe keine Rolle gespielt. Darüber, dass eine moralische Institution wie die Kirche dort keine Hinweise auf Missbrauch hinterlegt habe, könne man sich aber schon wundern. Tatsächlich untersuche die Kommission aber nicht nur Personalakten.

Unterdessen sei die Sensibilität für das Thema gewachsen. „Die Täter sind ja nicht weg“, sagt Frings. 50.000 Haupt- und Ehrenamtliche in der Diözese hätten inzwischen Präventionsschulungen absolviert, Gemeinden und Einrichtungen würden Schutzkonzepte erarbeiten, aber: „Selbst bei besten Präventionsschulungen bekommen Sie nicht 100 Prozent der Leute in den Griff.“ Parallel versuche das Bistum, die Ursachen anzugehen, die im System Kirche sexuellen Missbrauch begünstigten.

Das fange bei der Auswahl der Priester und dem Umgang mit der Sexualität in der Priesterausbildung an und reiche bis zu einer geplanten kirchlichen Verwaltungsgerichtsbarkeit, in der Laien auch über den Bischof urteilen könnten. Ein solcher Machtverzicht führe zu neuen Machtstrukturen in der katholischen Kirche. Und das sei wichtig, denn „Missbrauch hat immer mit Missbrauch von Macht zu tun“.

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