Interview mit Pfarrerin Janine Hühne
„Wir probieren einiges aus“

Nordwalde/Altenberge -

Andachten auf Youtube, Wäscheleinen mit Impulsen und Seelsorge am Telefon: In der Corona-Krise müssen die Kirchen neue Wege gehen. Pfarrerin Janine Hühne verrät im Interview, wie die evangelische Kirchengemeinde Nordwalde-Altenberge mit der Situation umgeht und was die Kirchen aus der Krise für die Zukunft lernen können.

Dienstag, 31.03.2020, 19:06 Uhr aktualisiert: 01.04.2020, 16:40 Uhr
Auf dem Youtube-Kanal „ev noab“ können die Andachten von Pfarrerin Janine Hühne geguckt werden.
Auf dem Youtube-Kanal „ev noab“ können die Andachten von Pfarrerin Janine Hühne geguckt werden. Foto: Vera Szybalski

Die Corona-Krise stellt viele Menschen vor neue Herausforderungen. Die Kirchen bilden da keine Ausnahme. Die evangelische Kirchengemeinde Nordwalde-Altenberge hat ihre Kirchentüren geschlossen. Gottesdienste werden dort frühestens Ende April wieder gefeiert. Im Interview mit Redaktionsmitglied Vera Szybalski verrät Pfarrerin Janine Hühne, wie die Gemeinde mit der Situation umgeht, wie sie sich auf Ostern vorbereitet und was die Kirchen aus der Krise für die Zukunft lernen könnten.

 

Das kirchliche Leben mit Gottesdiensten, Konfirmationen, Taufen und Co. ist durch die Corona-Pandemie größtenteils zur Ruhe gekommen. Welche Alternativen haben Sie gefunden, um mit dem Gläubigen in Kontakt zu treten?

Pfarrerin Janine Hühne: Wir filmen Andachten, die jeden Sonntag um 14 Uhr auf unserem Youtube-Kanal online gehen sollen. Wir veröffentlichen die auch als Hinweis auf unserer Internetseite. Wir probieren momentan auch einiges aus. Wir machen zum Beispiel jeden Sonntag noch Gottesdienste bei Telegram (ein Messenger-Dienst, Anm. d. Red.). Ein Team aus fünf Studentinnen und Studenten hat angefangen, das zu entwerfen. Die Menschen können sich in die Liste bei Telegram eintragen und werden dann benachrichtigt, wenn Audioaufnahmen oder Videos freigeschaltet werden. Jeder von den Studentinnen und Studenten übernimmt mal Aufnahmen. Alle Teilnehmer können auch Videos schicken. Das ist schon sehr interaktiv.

Gottesdienste bei Youtube und Telegram, damit verlagert sich das kirchliche Leben in die digitale Welt. Was findet denn analog statt?

Hühne: Wir haben vor beiden Kirchen eine Wäscheleine mit Impulsen mit Texten und Gebeten hängen, die die Menschen mitnehmen können. Für die Senioren über 75 Jahren haben wir einen Newsletter geschrieben, in dem auf zwei Seiten alle wichtigen Infos stehen, auch welche Möglichkeiten zur Hilfe es gibt. Außerdem haben wir ein Gottesdienstheft gestaltet, das wir an alle circa 1300 evangelischen Haushalte in Altenberge und Nordwalde geschickt haben. Da stehen alle Gottesdienste vom vergangenen Sonntag bis zum 26. April zum Nachfeiern und Nachlesen drin. Wer nicht zu unserer Gemeinde gehört oder wer für jemanden noch eines haben möchte, kann sich gerne an das Gemeindebüro wenden und bekommt dann auch eines zugeschickt.

Haben Sie schon Rückmeldungen auf die verschiedenen Aktionen erhalten? Wie kommen die bei den Gemeindegliedern an?

Hühne: Bislang bekomme ich wenig Rückmeldungen. Für die Andacht bei Youtube habe ich einige positive Reaktionen erhalten. Die Impulse an den Wäscheleinen werden richtig gut angenommen. Die Leute gehen alleine oder zu zweit da vorbei und nehmen die mit. Die fülle ich sehr oft auf. Bei den Gottesdienstheften sind manche erstaunt, dass sie Post von der Kirche bekommen. Ich finde, es geht darum, dass wir als Kirche zeigen: Wir sind da.

In anderthalb Wochen ist Ostern. Es wird mit Sicherheit ein anderes Fest, unter anderem weil die üblichen Gottesdienste in den Kirchen nicht stattfinden können. Wie bereitet sich Ihre Gemeinde auf das Fest vor?

Hühne: In dieser Woche machen wir für die Kinder ein kleines Paket fertig mit der Oster-Geschichte, kleinen Geschenken und Anregungen für Spiele. Ansonsten sind wir noch am planen. Wir überlegen, ob wir einen Karfreitags-Gottesdienst digital machen können. Ich bin in Nordwale auch mit der katholischen Gemeinde im Gespräch. Ich finde es schwierig, an Karfreitag und Ostern nichts zu machen. Deswegen wird es etwas geben.

Es ist eine außergewöhnliche Zeit: Zahlreiche Menschen haben Angst um ihre Gesundheit und die ihrer Familienmitglieder und Freunde, manche werden arbeitslos, viele machen sich Sorgen um die Zukunft. Ist das eine Zeit, wo die Kirche eigentlich mehr denn je gebraucht würde?

Hühne: Da bin ich mir nicht sicher. Ich kann mir vorstellen, dass das erst kommt, wenn die Krise überwunden ist. In der ersten Woche mit der Kontaktsperre hatte ich den Eindruck, dass das viele erst mal für sich verarbeiten müssen. Ich glaube, dass das so richtig erst später kommt, wenn das normale Leben wieder anfängt. Für mich ist die Arbeit mit Trauernden im Moment schlimm. Es ist sehr belastend, nur aus der Ferne Trost spenden zu können. Ich finde, Distanz und Trauer passen so gar nicht zusammen.

Besonders älteren Menschen, die zur Corona-Risikogruppe zählen und deshalb vielleicht weniger Kontakt als sonst haben, könnte es schwer fallen, auf die Gottesdienste in der Kirche zu verzichten. Gleichzeitig dürften sie die sein, die weniger Zugang zur digitalen Welt und damit Gottesdiensten bei Youtube und Co. haben. Wie gehen Sie damit um?

Hühne: Wir versuchen sie zum einen mit dem Newsletter per Post zu informieren. Manche von den Presbytern haben auch schon angefangen zu telefonieren.

In dieser speziellen Zeit werden viele Gemeinden kreativ und wagen den Weg ins Internet. Könnten das zukunftsfähige Modelle werden und die Kirchen aus dieser Zeit letztendlich sogar noch etwas Positives mitnehmen?

Hühne: Ich finde schon, dass das ein positiver Effekt ist, das die Kirchen an sich experimentierfreudiger werden. Wir arbeiten eng mit der Kirchengemeinde Emsdetten, vor allem mit Frederike Holtmann, zusammen und sind im Austausch über Projekte etc. Es ist gut, dass sich die Presbyter in unserer Gemeinde darauf einlassen. Es muss nicht alles perfekt sein und ich vermisse schon die Gottesdienste, aber es macht mir auch Spaß, neue Sachen auszuprobieren. Ich sehe das schon als Chance, dass Kirchen gezwungen sind, sich neue Wege zu überlegen und gucken, welche Möglichkeiten wir noch nicht genutzt haben.

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